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Zum Tod von Phil SpectorEr schuf Hits und wurde zum Monster

Phil Spector hat die «Wall of Sound» erfunden und fast alles erschaffen, was gross und heilig ist in der Popmusik – dann beging er einen Mord. Nun ist er im Gefängnis an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben.

War so produktiv wie selbstzerstörerisch: Phil Spector.
War so produktiv wie selbstzerstörerisch: Phil Spector.

Keiner hat grössere Monster-Hits geschaffen, und niemand hat sein Lebenswerk gründlicher zerstört als der Teenie-Schmalzier, Studio-Diktator und Kokser Phil Spector, der Schöpfer von fast allem, was gross und heilig ist in der Popmusik: «Be My Baby» von den Ronettes, «River Deep, Mountain High» von Ike und Tina Turner, «Imagine» von John Lennon, «You've Lost That Loving Feeling» von den Righteous Brothers, «All Things Must Pass» von George Harrison, «Death of A Ladies' Man» von Leonard Cohen.

Aber er war rabiat nicht nur in seiner Musik, sondern sass bis zuletzt auch wegen Totschlags im Gefängnis. Mehrmals soll er im Lauf seiner jahrzehntelangen Karriere im Studio geschossen haben, wenn die Musiker nicht den Sound zustande brachten, der ihm vorschwebte, und dann, am Ende seiner musikalischen Karriere, erschoss er eine Zufallsbekannte, und verbrachte die letzten 17 Jahre seines Lebens in einem Gefängnis in Kalifornien, wo er am Samstag nach einer Infektion mit dem Coronavirus starb.

Jedem Triumph folgte ein Absturz

Spector kam 1939 in der Bronx zur Welt, spielte ein bisschen Gitarre in der Schule und gründete eine Band mit dem Namen Teddy Bears, der mit dem einschmeichelnden «To Know Him Is To Love Him» 1958 ein mittlerer Hit gelang.

Phil Spector bei der Urteilsverkündung in Los Angeles im Mai 2009. Das Verdikt: 19 Jahre Haft.
Phil Spector bei der Urteilsverkündung in Los Angeles im Mai 2009. Das Verdikt: 19 Jahre Haft.
KEYSTONE

Der Titel war angeblich vom Spruch auf dem Grabstein seines Vaters inspiriert. Spectors Talente lagen jedoch in der Produktion.

Er fing an, in der Schlagerfabrik Tin Pan Alley zu arbeiten, gerade lange genug, um die Tricks der Hitfabrikation zu lernen. Bald bekam er sein eigenes Label, Philles Records, und begann in einem nie gehörten Bombast-Stil «kleine Symphonien für Teenager» aufzunehmen.

So bezeichnete Tom Wolfe, der 1965 ein legendäres Porträt des «ersten Tycoons der Teenager» zusammenfabulierte, die Kompresswerke, die in zwei bis dreieinhalb Minuten alles an Pubertätsleid und -leidenschaft zwischen himmelhochjauchzend und tiefstbetrübt erfassten.

Er heiratete seinen Star Ronnie Spector und sperrte sie karrieretötend zu Hause ein.

Schon da erschien Spector als paranoider Wahnsinniger, der aus den Musikern, den Sängerinnen und den technischen Möglichkeiten des Studios mehr herausholte, als überhaupt drinsteckte. Er liess Geigen schmalzen und die Bläser jauchzen, Tina Turner musste sich die Seele aus dem Leib brüllen und das alles musste gegen die Wall of Sound prallen, was dann hundertfach verstärkt auf den Platten landete, die unbedingt in Mono gehalten sein mussten.

Weil in der klassischen Erzählung die Kunst naturnotwendig mit dem Unglück verschwistert ist, heiratete er seinen Star Ronnie Spector und sperrte sie karrieretötend zu Hause ein. Die Beatles holten ihn raus, Dennis Hopper drehte «Easy Rider» mit ihm, die Ramones erhofften sich seinen Glanz für ihre Platten: jedem Triumph folgte ein Absturz ins halbe Vergessen, und dann kam der Mord.

Wenn, wie der Rock'n'Roller Bill Shakespeare wusste, Musik der Liebe Nahrung ist, dann spielt Phil Spector jetzt, erlöst von aller Erdenschwere, im überirdischen Tonstudio weiter, waffenlos zum Glück und entwaffnend himmlisch.

1 Kommentar
    Burkard Markus

    Naja. Genie. Phil Spector ist ein Kind seiner Zeit. Die Audiotechnik machte es damals das erste Mal möglich einen so satten Ton zu kreieren, auch wenn manchmal das Basistonmaterial nur ausgereicht hätte, ein Badezimmer zu beschallen. Chorus, Echo & Co. wie Flanger. Verzerrung. Mit diesem Mix kann man jedes dünne Stimmchen & Tönchen aufpeppen. Nicht das sich nur Stimmlose in seinem Studio die Klinge in die Hand gedrückt hätten. Natürlich hat er auch Stimmgewaltige noch grösser gemacht. Geboostet. Wie auch immer. Das Album von Leonard Cohen "Death of a Ladies Man" zu erwähnen? Tatsache ist: Die Arbeit Phil Spector hat das Album nicht besser gemacht. Es ist schlichtweg eine Katastrophe. Wie zuviel Glutamat in der Küche. Leonard Cohen hat in seinen letzten 30 Jahren vor seinem Tod ziemliche viele LiveMittschnitte aus seinen Konzerten veröffentlicht. Soviele wie wenige andere Musiker seiner Zeit. Und darauf ist kein einziger Song aus der Episode Phil Spector zu finden, von eben diesem Album. Im Bereich Folk/Singer-Singwriter gab es wesentlich bessere Musikproduzenten als Phil Spector, die die neusten tontechnischen Errungenschaften wesentlich gekonnter eingesetzt haben. Ich denke, Phil Spector ist ein völig verklärter Mythos. Zu viel Koks. Mit den offensichtlichen Entgleisungen, die Drogen eben so an sich haben.