Zurück im Katastrophenreaktor

Zum ersten Mal seit dem Tsunami und der Atomkatastrophe in Japan haben Arbeiter gestern Block I des havarierten AKW in Fukushima betreten, um Reparaturarbeiten vorzunehmen.

Von Christoph Neidhart, Tokio Beim havarierten AKW Fukushima I drangen gestern erstmals Arbeiter in Block I ein, den eine Wasserstoffexplosion am 12. März schwer beschädigt hat. In Strahlenschutzanzügen legten sie in kleinen Gruppen sechs Schläuche, mit denen die Luft aus dem Gebäude zur Dekontaminierung in eine Filteranlage gepumpt werden soll. Die Radioaktivität in Block I betrug bis 40 Millisievert. Die Arbeiter konnten deshalb jeweils nur zehn Minuten drinbleiben. Die eigentliche Filteranlage wird ausserhalb des Gebäudes installiert. Sie soll am Sonntag bereitstehen. Die Betreiberfirma Tepco teilte mit, wenn die Filteranlage funktioniere, könnten Arbeiter Mitte Mai damit beginnen, die Druckkammer von Reaktor I mit Wasser zu fluten, um ihn damit kalt abzuschalten. Tepco teilte ausserdem mit, die etwa 240 Arbeiter, die in einer Turnhalle im Nebengebäude des Meilers wohnten, würden bald eine Dusche und Kajütenbetten erhalten. Bisher schlafen sie auf dem Boden. Auch ihre Verpflegung – Fertiggerichte – soll verbessert werden. Die Gefahr der Abklingbecken Im Meer vor der AKW-Ruine plant Tepco einen vier Meter hohen Damm, um den havarierten Meiler zu schützen, falls ein Nachbeben einen Tsunami auslösen sollte. Zur Stützung des Abklingbeckens im Block 4 wird Tepco bis Juli Stahlstützen und eine Betonmauer errichten. Das Abklingbecken ist ein Wassertank, in dem 1331 Atombrennstäbe aufbewahrt werden. Wenn sie nicht gekühlt werden, schmelzen sie und geben Strahlung ab. Viele Experten halten die Brennstäbe in den Abklingbecken für die derzeit grösste Gefahr. Der Brennstoff liegt in diesen Tanks auf der Höhe des vierten Stocks; drei von ihnen stehen unter freiem Himmel, weil Explosionen die Dächer weggesprengt haben. Anfang nächster Woche werden erste Gruppen Evakuierter ihre Häuser in der Sperrzone um das AKW besuchen können. Sie werden von Strahlenschutz-teams mit Bussen in ihre Wohnorte gebracht. Pro Familie darf nur eine Person mit. Die Leute dürfen zwei Stunden in ihren Häusern bleiben, um wichtige Gegenstände wie Ausweise und Sparhefte, aber auch Erinnerungsstücke wie Fotoalben einzusammeln. Wer im Notfall nicht zum Bus laufen kann – Alte und Behinderte –, wird nicht mitgenommen. Damit sei ein erheblicher Teil ihrer Bürger von den Besuchen ausgeschlossen, liess sich die Stadt Minamisoma dazu verlauten. Wer näher als 3 Kilometer vom AKW wohnte, darf ebenfalls nicht zurück. In den nächsten Wochen sollen 26 000 solcher Kurzbesuche ermöglicht werden. Nachdem Wirtschaftsminister Banri Kaieda anlässlich der Veröffentlichung des Zeitplans von Tepco behauptet hatte, die ersten Evakuierten könnten Ende Jahr in ihre Häuser zurück, sagte Premier Naoto Kan nun zum Bürgermeister von Futaba, Katsutaka Itogawa, man werde erst nächstes Jahr entscheiden, ob die Evakuierten überhaupt zurückkehren könnten.Futaba liegt direkt hinter dem AKW. Itogawa hatte die Evakuierung selber durchgeführt, weil die Zentralregierung nicht rasch gehandelt hatte. 2500 Einwohner wohnten drei Wochen lang in einem Sportstadion. Sie sind nun in einem alten Schulhaus untergebracht. Aber auch das ist ein Provisorium, in dem sie offenbar mindestens bis Anfang nächsten Jahres bleiben müssen. Ein ferngesteuerter Roboter im beschädigten Block I in Fukushima. Foto: AP, Keystone Dossier: Japan im Ausnahmezustandwww.japan.tagesanzeiger.ch

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