«Zufallsopfer geben sich oft selbst die Schuld»

Ein Mann schlug Beat Schlatter unvermittelt auf offener Strasse nieder. Warum Verdrängungsversuche der Opfer scheitern und welche Rolle die Medien spielen, erklärt Psychologe Andreas Maercker.

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Martin Sturzenegger@Marsjournal

Herr Maeckler, Beat Schlatter wurde auf der Strasse niedergeschlagen – offenbar eine Tat ohne jeden Anlass. Wie gehen Opfer mit solchen Attacken um? Jeder Fall verhält sich anders. Wobei gewisse Muster immer wieder auftreten: Typisch ist etwa der Schockzustand, in dem sich die Opfer befinden. Die meisten erinnern sich sehr genau an das, was vorgefallen ist. Auch an kleinste Details. Die Zeit, in der sich die Tat abspielte, wird wie angehalten. Es kommt zu einer Zeitdehnung. Die Tat nimmt nun sehr viel Raum beim Opfer ein. Es kann an nichts anderes mehr denken – Tag und Nacht. Verdrängungsversuche scheitern zumeist nach kurzer Zeit. Bei anderen Betroffenen passiert das Gegenteil.

Das heisst? Wenn der Schock noch grösser ist, kann es zu einem Filmriss kommen. Es kann sein, dass sie sich an nichts erinnern. Dann schaltet sich das Bewusstsein erst später ein. Plötzlich treten Bilder und Geräusche des Vorfalls auf. Bis es so weit ist, herrscht eine innere Betäubung, die keine klaren Gedanken mehr zulässt.

Ist es möglich, dass die Opfer sich nicht mehr aus dem Haus getrauen? Dieser Zustand tritt in den wenigsten Fällen auf. Häufiger tritt eine Angst vor dem Alleinsein auf. Es ist beispielsweise wichtig, dass sie den Tatort nicht alleine besuchen.

Wie sollten Menschen aus dem persönlichen Umfeld der Opfer reagieren? Die ersten Stunden sind oftmals entscheidend. Die Opfer fragen sich: Warum ich? Warum gerade jetzt? Es fehlt die Einordnung. Wenn Freunde oder Betreuer falsch auf diese Fragen reagieren, kann sich der Negativzustand verlängern und verstärken. Viele neigen dazu, gut gemeinte Ratschläge zu erteilen, die sich negativ auswirken. Ein Beispiel: Die Aussage «Du warst zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort» trifft zwar meistens zu, kann sich aber kontraproduktiv auswirken. Man sollte die Opfer nicht forcieren, damit sie zu dieser Erkenntnis gelangen. Oftmals sind sie unfähig, solch klare Gedanken zu fassen. Viele Zufallsopfer kommen ins Grübeln und geben sich selbst die Schuld. Von aussen gesehen, erscheint dies unverständlich. Das Umfeld darf dem Betroffenen diese Gedanken keinesfalls ausreden. Es muss mit Empathie reagieren, sie ernst nehmen und darauf eingehen. Das schlimme Erlebnis muss gewürdigt werden, ansonsten verliert man den emotionalen Anschluss zum Betroffenen.

Wie können sich Betroffene selbst helfen? Oftmals geht es nicht ohne professionelle Hilfe. Viele wollen schnell wieder auf die Beine kommen, sehen sich gezwungen, im Alltag zu funktionieren. Sie neigen auch dazu, an sich selbst herumzudoktern, wollen sich innert kurzer Zeit wieder geradebiegen. Unbewusst katastrophisieren sie und denken, dass die Gefahr nun an jeder Strassenecke lauert. Um diesen Zustand zu überwinden, braucht es vor allem eins: viel Zeit.

Müssen Opfer akzeptieren, dass sich ihr Leben für immer verändert hat? Das denken viele. Es ist auch das Bild, das oft von den Medien kreiert wird mit Überschriften wie «Es wird nie mehr so sein, wie es war». Zunächst ist der Einschnitt gross. Doch das Gefühl, dass sich das Leben unwiderruflich verändert hat, wandelt sich meist nach einer gewissen Zeit.

Apropos Medien: Sie haben die Wirkung der Berichterstattung auf die Opfer untersucht. Zu welchem Resultat sind Sie gekommen? Die Menschen, die sich im psychischen Ausnahmezustand befinden, reagieren zumeist negativ auf Medienberichte. Allerdings kommt es stark auf die Art der Berichterstattung an: Subjektive Unterstellungen und falsche Fakten führen dazu, dass die Opfer nicht nur mit dem Vorfall zu kämpfen haben, sondern zusätzlich mit der Berichterstattung. Es gibt die Tendenz, dass Journalisten den Betroffenen direkt das Mikrofon ins Gesicht halten. Im Schockzustand geben Menschen oftmals Aussagen von sich, die sie hinterher bereuen. Zum Täter-Trauma gesellt sich ein Journalisten-Trauma.

Kann sich die Berichterstattung auch positiv auswirken? Eine korrekte und nüchterne Abhandlung des Ereignisses kann beim Opfer das Gefühl von Anteilnahme auslösen. Es kann sein, dass es sich mit seinem Schicksal weniger alleingelassen fühlt.

Die meisten Menschen sind es sich nicht gewohnt, in den Medien zu stehen. Wie gehen sie mit der plötzlichen Berühmtheit um? Gegen Berühmtheit wenden die wenigsten etwas ein. Problematisch ist, dass die Leute denken, sie seien für ihren «schwächsten Moment» berühmt geworden. Das sucht niemand. Menschen wollen bekannt sein für das, was sie leisten.

Beat Schlatter ist den Umgang mit Medien gewohnt. Kann ihm dies helfen? Kann sein. Allerdings wird es kaum in seinem Interesse sein, dass er nun durch diesen Vorfall einen Berühmtheitsschub erhält. Er hätte es wohl lieber, die Medien würden über seine Arbeit berichten.

DerBund.ch/Newsnet

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