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Teurer Nachbarschaftsstreit endet erst vor Obergericht

Wie kann man viel Geld sparen? Indem man sich mit dem Nachbarn einigt, bevor es ans Gericht geht.

Ein Rentner hatte sechs Monate lang eine Art Tagebuch geführt über wiederholt auftretende Störungen zur Nachtruhezeit. Symbolbild: Alessandro Della Bella (Keystone)
Ein Rentner hatte sechs Monate lang eine Art Tagebuch geführt über wiederholt auftretende Störungen zur Nachtruhezeit. Symbolbild: Alessandro Della Bella (Keystone)

Man kann sich das sehr gut vorstellen. Da kauft sich einer für sich und seine Frau eine Eigentumswohnung im Zürcher Unterland. Ein Ort und eine Wohnung, die «für die letzte Phase unseres Lebens gedacht» ist. Und dann wird das Paar, so empfindet er es, von dort «vertrieben». Vertrieben von einem später zugezogenen Nachbarn, dem es im Mehrfamilienhaus scheinbar an «Anstand und Rücksichtnahme» fehlt.

Auf den Gedanken, den Neuzuzüger wegen Nachtruhestörung anzuzeigen, war er schon gekommen. Hatte ebenso gehört, dass er damit eventuell Beweisprobleme bekommen könnte. Sechs Monate lang hatte er eine Art Tagebuch geführt über die wiederholt auftretenden Störungen zur Nachtruhezeit.

Im Pyjama ins Treppenhaus

Eines Abends im Mai 2016, kurz nach Mitternacht, war offenbar «gnue Heu dunne». Bereits im Bett liegend, wurden der 71-Jährige und seine Frau wach, als der Nachbar die Haupteingangstür zum Mehrfamilienhaus wieder einmal «tätsche» liess. Der 46-jährige Nachbar war wie üblich mit seinen Hunden rausgegangen. Doch diesmal ging es nicht um einen Eintrag ins Tagebuch. Diesmal sollte der Hundebesitzer zur Rede gestellt werden.

Als dieser nach einer Viertelstunde zurückkam und, wie üblich, die Tür knallen liess, zeigte sich der Rentner im Pyjama im Treppenhaus. Die etwas seltsame Formulierung ist dem Umstand geschuldet, dass offenbar die Meinungen darüber auseinandergehen, wie dies geschah. Der Rentner meint, er habe das Treppenhaus betreten. Der Hundebesitzer meint, er sei mit hochrotem Kopf aus der Wohnung gestürmt.

Folgen wir zunächst dem Rentner: Das sei jetzt das letzte Mal gewesen, das nächste Mal gebe es eine Anzeige, will er dem Nachbarn in allem Anstand gesagt haben. Dann habe er die Haupteingangstür sanft geschlossen und an den Nachbarn gerichtet gesagt: «Das ist Anstand und Rücksichtnahme. Haben wir uns jetzt verstanden?» Der Nachbar aber habe nur eine verächtliche Handbewegung gemacht. Er, der Rentner, sei jedenfalls wieder in Richtung seiner Wohnung gegangen und habe zu sich gesagt: «Und so einer ist Anwalt.»

«Anstand und Rücksichtnahme» versus «huere Arschloch».

Folgen wir dem Anwalt: Der Rentner sei aus seiner Wohnung gestürmt, im Pyjama und mit hochrotem Kopf, und habe ihn als «huere Arschloch» und «rücksichtslose Siech» betitelt. Was ein Anwalt quasi berufsreflexartig natürlich als eine ehrenrührige Äusserung betrachtet, die nach Artikel 177 des Strafgesetzbuchs eine Beschimpfung darstellt, die auf entsprechenden Strafantrag hin auch bestraft werden kann.

So geschah es. Das zuständige Bezirksgericht scheiterte beim Versuch, die beiden Männer zu einem Vergleich zu bewegen. Dazu muss man wissen: Es ist ja nicht einfach so, dass der Hundebesitzer gegen den Rentner eine Strafanzeige eingereicht hat. Es ist auch so, dass umgekehrt der Rentner gegen den Hundebesitzer Strafanzeige einreichte. Denn der Hundebesitzer soll im Zusammenhang mit Kosten des Gartenunterhalts der Stockwerkgemeinschaft ein E-Mail geschickt haben, dessen Inhalt der Rentner als ehrenrührig und verleumderisch empfand.

Beim Versuch eines Vergleichs vor Bezirksgericht wäre es also darum gegangen, die beiden Männer zum gegenseitigen Rückzug ihrer Strafanträge zu bewegen. Wäre dies gelungen, wäre der Prozess wegen fehlender Prozessvoraussetzung erledigt gewesen.

Wer übernimmt welche Kosten?

Während der Strafprozess gegen den Hundebesitzer noch nicht stattgefunden hat, wurde der Rentner vom Bezirksgericht zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt, was er nicht akzeptierte und weshalb er am Donnerstag das Obergericht bemühte. Obwohl ein Vergleich desto unwahrscheinlicher wird, je fortgeschrittener der juristische Streit gediehen ist, unternahm der Gerichtsvorsitzende einen erneuten Anlauf. «Sie sind jetzt nicht mehr Nachbarn, die Situation ist gelöst. Möchten Sie es nicht noch einmal mit einem Vergleich versuchen?»

Und sie versuchten es. Und es gelang, vielleicht weil der Rentner und seine Frau inzwischen den Kanton wechselten. Vielleicht gelang es, weil sich die Anwälte der beiden gut verstanden. Vielleicht gelang es, weil man eine Lösung fand, wie die inzwischen aufgelaufenen, nicht unerheblichen Anwaltskosten sinnvoll aufgeteilt werden. Der mündlichen Einigung soll noch die schriftliche folgen.

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