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Das Weinland setzt auf das Prinzip Hoffnung

Nach dem ersten Schock hofft das Weinland, dass es als Endlagerstandort doch noch ausscheidet. Dazu soll der Kanton den dicken Nagra-Report kritisch durchleuchten.

Solche seismischen Messungen wie hier bei Gösgen gibt es künftig auch wieder im Weinland. Foto: Beat Müller / Nagra
Solche seismischen Messungen wie hier bei Gösgen gibt es künftig auch wieder im Weinland. Foto: Beat Müller / Nagra

Die Gemeindepräsidentin von Benken, Beatrice Salce, war nach der Bekanntgabe der beiden präferierten Standorte für ein atomares Endlager «schockiert», wie sie sagt. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) hat gestern bekannt gegeben, dass sie nur noch die Standorte Zürich-Nordost und Jura-Ost näher untersuchen will. Genauer gesagt das Weinland mit den Gemeinden Rheinau, Marthalen und Benken und den aargauischen Standort Bözberg bei Villigen.

«Dass die Nagra die Suche so schnell von sechs auf zwei Orte verengt hat, kommt für uns sehr unerwartet», sagt die parteilose Salce. «Die Einengung bedeutet, dass einer der beiden Standorte zu einem Kombilager für hoch radioaktive und für schwach bis mittel aktive Atomabfälle wird. Wenn das Weinland sich als sicherster Ort für die Atomabfälle erweisen sollte, können wir uns nur noch dafür einsetzen, dass die Lebensqualität trotz der nuklearen Anlagen erhalten bleibt», so Salce.

Beim Gemeinderat der Nachbargemeinde Marthalen erzeugt der Entscheid den Eindruck, dass «für die weiteren Schritte der finanziell günstigste Weg gesucht wurde». Über die «Kriterien, die zur starken Reduktion der Standorte geführt haben», will er genau informiert werden. Gemeindepräsidentin Barbara Nägeli (SVP) hofft dabei auf das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) und die Fachkompetenz des Kantons. «Das Ensi und der Regierungsrat müssen die Nagra-Berichte jetzt kontrollieren», fordert Nägeli. «Bei mehr als 15'000 Seiten haben wir als Gemeinde dazu nicht genügend Kapazität und Expertenwissen.» Nägeli betrachtet die Reduktion auf zwei mögliche Endlagerstandorte lediglich als «Vorschlag der Nagra».

«Eine politische Scheinübung»

Die atomkritische Organisation «Klar! Schweiz» äussert eine gänzlich andere Sicht. Co-Präsident Jean-Jacques Fasnacht erinnert daran, dass die Nagra das Weinland bereits 2012 als Lager für hoch radioaktive Abfälle und Jura-Ost als Standort für schwach und mittel radioaktive Abfälle skizziert habe. «Einmal mehr kommt man nicht vom Eindruck los, dass das Sachplanverfahren bloss eine politische Scheinübung ist», urteilt «Klar! Schweiz».

Der Präsident der Regionalkonferenz Zürich-Nordost, Jürg Grau (SVP), setzt dagegen wie Nägeli auf Regierungsrat Markus Kägi (SVP). Die Berichte und Gutachten, die zur Verengung auf zwei Standorte geführt hätten, müssten kritisch hinterfragt werden.

Zudem fordert Grau, dass bei der Beurteilung eines Endlagers auch der sichere Transport des Atommülls miteinbezogen wird. «Über zwei bis drei Generationen werden die radioaktiven Abfälle vom Zwischenlager in die Oberflächenanlage des Endlagers transportiert werden», gibt er zu bedenken. Da der Transport der Atommüllbehälter voraussichtlich über den Bahnhof Winterthur erfolge, macht sich auch der dortige Stadtrat Sorgen. Stadtpräsident Michael Künzle verlangt, «endlich in den Entscheidungsprozess miteinbezogen zu werden». Die GLP Kanton Zürich betont: «Falls in 40 bis 50 Jahren im Wochentakt Castorbehälter mit Atommüll von Würenlingen über Winterthur transportiert werden, ist dies ein Risiko für die sechstgrösste Schweizer Stadt.»

Die SP des Kantons kritisiert ebenfalls, «dass nicht alle infrage kommenden Standorte mit derselben wissenschaftlichen Gründlichkeit untersucht wurden». Daran stösst sich auch der Verein «Hochrhein aktiv» aus dem deutschen Jestetten. Er fürchtet, dass der Entscheid vor allem politisch motiviert ist. «Nur im Zürcher Weinland wurde der Untergrund mit der teuren 3-D-Seismik untersucht», sagt Ulrike Elliger. Zudem würden Endlager immer gerne an der Staatsgrenze gebaut. In der Regionalkonferenz Nordost wolle «Hochrhein aktiv» jetzt noch stärker dafür kämpfen, «dass aus der Scheinpartizipation der Nagra eine echte Beteiligung der Bevölkerung wird». Auch der Regierungsrat des Kantons Zürich hält es für verfrüht, bereits jetzt nur noch zwei Standorte weiterzuverfolgen. Eine erste Analyse der Nagra-Unterlagen vermittle den Eindruck, dass nicht alle potenziellen Standorte auf vergleichbarer Basis untersucht worden seien, heisst es in einer Medienmitteilung.

«Erfreut und erleichtert»

«Die Fachleute der Arbeitsgruppe Sicherheit Kantone werden die Nagra-Unterlagen mit mehr als 15'000 Seiten jetzt gründlich studieren. Im Spätsommer erstatten sie dann Bericht, ob die frühe Eingrenzung auf nur noch zwei Standortgebiete gerechtfertigt ist», kündigt Regierungsrat Markus Kägi an.

«Erfreut und erleichtert» ist der Wei­acher Gemeindepräsident Stefan Arnold. Der Entscheid, Nördlich Lägern als Standort zurückzustellen, sei «zwar mit Vorsicht zu geniessen», für die Gemeinde aber positiv. «Unter wirtschaftlichen Aspekten wäre das Projekt zwar interessant gewesen», so Arnold. Die Untersuchung als Endlagerstandort habe bei der Bevölkerung jedoch für viel Unsicherheit gesorgt. «Niemand hat so ein Endlager wirklich gerne.»

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