Zürichs Portugiesen – fleissig, unauffällig und oft schlecht gebildet

Die Portugiesen sind die drittgrösste Ausländergruppe in der Stadt Zürich. Dennoch nimmt man sie wenig wahr. Probleme gibt es trotzdem – etwa in der Schule.

Im Schrebergarten zeigen Portugiesen Flagge. Ansonsten aber ziehen sie es vor, nicht aufzufallen und unter sich zu bleiben. Foto: Reto Oeschger

Im Schrebergarten zeigen Portugiesen Flagge. Ansonsten aber ziehen sie es vor, nicht aufzufallen und unter sich zu bleiben. Foto: Reto Oeschger

Iwan Städler@Iwan_Staedler

«Não dar nas vistas», sagen sich Portugiesen. Kein Aufsehen erregen! Und so leben sie vor allem unter sich. Einzig wenn sie während einer Fussball-WM oder -EM ihre Flagge aus den Fenstern hängen, nimmt man sie breit wahr. Dann wird spürbar, wie stark sie in der Stadt Zürich vertreten sind. Ihre Diaspora ist mit 8559 Portugiesinnen und Portugiesen mehr als doppelt so gross wie jene der Türken. Nur die Deutschen und die Italiener sind zahlreicher.

Auch gesamtschweizerisch sind die Portugiesen die drittgrösste Ausländergruppe. Ohne sie hätte manch eine Branche ein grösseres Personalproblem. Sie arbeiten auf fast jeder Baustelle, machen Hotelbetten, reinigen Büros und Wohnungen. Und sie sind bei ihren Arbeitgebern sehr beliebt. Denn Portugiesen sind meist fleissig und diskret. Sie reklamieren nicht und machen, was man ihnen sagt.

«Die Arbeit hat für sie einen enorm hohen Stellenwert», sagt Isabel Bartal. Die Zürcher SP-Kantonsrätin ist selbst aus Portugal migriert, hat hier in Fabriken und im Gastgewerbe gearbeitet, einen Appenzeller geheiratet, die Matur gemacht, Soziologie studiert und diverse Migrationsstudien verfasst. Inzwischen ist Bartal portugiesisch-schweizerische Doppelbürgerin.

Selbst die Nachbarn wissen wenig

Sie hat einen eher ungewöhnlichen Werdegang hinter sich. Die meisten Portugiesen arbeiten unverändert in körperlich anstrengenden Berufen – und zwar in der Regel Mann und Frau, zu je 100 Prozent oder mehr. Deutsch lernen sie dabei oft wenig. Beim Putzen wird nicht viel gesprochen, und auf Baustellen treffen sie auf Landsmänner. Auch zu Hause unterhalten sie sich auf Portugiesisch – und bleiben meist unter sich.

Selbst die Nachbarn wissen wenig über ihre Mitmenschen aus Portugal. «Man kommt nicht an sie heran», sagt Renata Taiana, Präsidentin des Quartiervereins Aussersihl-Hard. «Die Portugiesen fallen nicht auf – weder positiv noch negativ.» Meist sehe sie diese nur auf den Bus warten, den Bus zur Arbeit.

Besonders viele Portugiesen leben beim Hardplatz im Kreis 4. Aber auch dort fallen sie kaum auf. Es sei denn, man achte auf die Namensschilder an den Briefkästen. Dann wird sofort klar, dass hier vor allem de Sousas, Olivieras und da Silvas wohnen. Sie schätzen die relativ günstigen Wohnungen – und die Nähe zur Kirche St. Felix und Regula, wo sonntags um 11.30 Uhr eine portugiesische Eucharistiefeier stattfindet. Wenn dort Padre Walfrido Knapik predigt, reichen die rund 600 Sitzplätze nicht aus. «Das ist immer so», sagen portugiesische Kirchengänger. Sonntag für Sonntag müsse ein Teil stehen.

Welch ein Kontrast zum deutschsprachigen Gottesdienst zwei Stunden zuvor, an dem gerade mal gut 20 Besucher teilnehmen, darunter kein einziges Kind. Bei den Portugiesen hingegen wimmelt es von Kindern. Und auf der Empore singt lautstark ein gut 20-köpfiger Chor. Der Pfarrer der portugiesischen Mission hat keine Mühe, freiwillige Mitwirkende für seine Gottesdienste zu finden. Die katholische Kirche sei eben wichtig für die Migranten aus Portugal, sagt Knapik. Viele Einwanderer stammen aus der nördlichen Region Braga, verehren die Muttergottes von Fátima und pilgern an Pfingsten in Scharen zur Schwarzen Madonna von Einsiedeln.

«Die tun einem leid»

Im Zürcher Hard-Quartier sind die Portugiesen die grösste Einwanderergruppe – noch vor den Deutschen, Italienern und Ex-Jugoslawen. Hier, wo die Grünflächen rar sind, der Verkehr intensiv und die Arbeitslosenquote hoch. In der Hard wird auch besonders wenig Deutsch gesprochen, wie Elisa Ruoff und Eva Schilling wissen. Gemeinsam leiten sie die Schule Hardau, wo lediglich 17 Prozent aller Kinder deutscher Muttersprache sind. Deutlich mehr – nämlich 24 Prozent – reden Portugiesisch. «Wenn sie in den Kindergarten kommen, können sie oft kein Wort Deutsch», sagt Schilling. Wie sollen sie auch, wenn sie zu Hause, in der Nachbarschaft und in der Verwandtschaft nur Portugiesisch hören?

In der Regel besuchen diese Kinder keine Krippe. Zum einen fehlt ihren Eltern das Geld. Zum andern richten sich die Öffnungszeiten der Krippen nicht nach den Gastarbeitern, sondern nach den Schweizer Bürozeiten. Das ist gut für jene, die in den Büros arbeiten. Weniger ideal ist es für jene, die die Büros am späten Abend oder am frühen Morgen putzen. Weil die Krippen dann geschlossen sind, schicken die Eltern ihre Kinder eben zu portugiesischen Tanten, Gross- und Tagesmüttern.

Wechseln die Vierjährigen in den Kindergarten, müssen sie von einem Tag auf den andern umstellen. Dann ist plötzlich Deutsch statt Portugiesisch verlangt, was vielen Kindern zusetzt. «Etliche weinen tagelang, manche wochenlang», sagt Ruoff. «Die tun einem leid.»

Auch die Kindergärtnerinnen sind gefordert. Sie müssen etwa darauf achten, dass nicht drei portugiesische Kinder miteinander im «Bäbiegge» spielen. Sonst unterhalten sich diese auf Portugiesisch statt auf Deutsch. Um wirklich verstanden zu werden, sprechen die Kindergärtnerinnen oft mit den Händen. Sie sagen nicht nur «Buch» oder «Stift», sondern heben auch gleichzeitig den entsprechenden Gegenstand in die Höhe. Das hilft.

In einzelnen Kindergärten des Quartiers ist rund die Hälfte der Kinder portugiesischer Muttersprache. Würden die Klassen nach rein geografischen Kriterien zusammengestellt, wären es zuweilen gar fast 100 Prozent. Das wollen Ruoff und Schilling verhindern. So muten sie den Kleinen einen etwas längeren Schulweg zu, damit sich diese stärker mit Kindern anderer Nationalitäten mischen. Denn die beiden Schulleiterinnen wissen: «Je mehr Kinder in einer Klasse Deutsch sprechen, desto schneller lernen es auch die andern.»

Kleinkinder zu wenig gefördert

Gemäss einer Untersuchung der Stadt Zürich sprechen die Portugiesen am schlechtesten Deutsch von allen erfassten Ausländergruppen. Und auf der Sekundarstufe besuchen sie zu zwei Dritteln die weniger anspruchsvolle Sek B. Ans Gymnasium schafft es nur jeder Fünfzigste, ein auch unter Migranten sehr tiefer Wert. Serbische, kroatische und türkische Schülerinnen und Schüler schneiden besser ab (TA von gestern).

Wie kommt es zu dieser Schulschwäche? Migrationsexpertin Bartal ortet das Problem bei der mangelnden frühkindlichen Förderung: Oft sitzen die portugiesischen Kinder bei den betreuenden Verwandten herum, statt dass sie gefördert werden. Auch die Eltern haben wenig Zeit, um sich mit ihren Kindern abzugeben. «Einige übertreiben es mit arbeiten und sehen zu wenig zu ihren Kindern», findet Padre Knapik.

Laut Bartal wäre es aber falsch, zu behaupten, portugiesische Eltern interessierten sich nicht für den Schulerfolg ihrer Kinder. Dieser sei ihnen durchaus wichtig. Gleichzeitig geniesst die harte Arbeit einen hohen Stellenwert. So empfinden es viele Portugiesen nicht als tragisch, wenn ihr Sohn einst auf den Bau geht. Schon gar nicht, wenn auch der Vater diesen Weg gegangen ist. Etliche haben ihre Rolle in der sozialen Hierarchie verinnerlicht. Bartal will nicht von Kastendenken sprechen, aber von «Schicksalsgläubigkeit».

Kommt hinzu, dass Portugiesen in der Regel in ihre Heimat zurückkehren wollen. Das lässt die Deutschschwächen der Kinder weniger gravierend erscheinen. Und wahrscheinlich kann man im portugiesischen Dorf einen Bauarbeiter besser gebrauchen als einen Akademiker.

Klassische Fremdarbeiterjobs

«Verglichen mit anderen ausländischen Bevölkerungsgruppen in der Schweiz zeichnen sich die portugiesischen Migranten unbestrittenermassen durch eine starke Rückkehrneigung aus», schreibt das Staatssekretariat für Migration (SEM) in einem Bericht über die Portugiesinnen und Portugiesen. Dies prägt auch deren Leben in der Schweiz. Denn wer zurückkehren will, schlägt in der Schweiz keine tief reichenden Wurzeln. Entsprechend verkehren Portugiesen vor allem unter ihresgleichen, schauen portugiesische Fernsehsender und reisen regelmässig in ihre Heimat in die Ferien.

Dort könnten sie «sozial kompensieren», sagt Bartal. Anders als hier, wo sie in günstigen Wohnungen leben, besitzen sie dort oft ein schönes Haus, das sie nach und nach ausbauen. Viele dieser Gebäude sind in einem überspitzten portugiesischen Stil mit zahlreichen Kacheln gebaut. Oft stehen sie leer – ausser in den Sommerferien und an Weihnachten, wenn man sich im Heimatdorf trifft. Dann sind die Migranten nicht mehr die armen Fremdarbeiter, sondern die in der Fremde Gutverdienenden.

Hierzulande hätten die Portugiesen «den niedrigsten sozioökonomischen Status» im Vergleich zu anderen Migrantengruppen, schreibt das SEM in seinem Bericht aus dem Jahr 2010. Seither sind auch etliche hoch qualifizierte Portugiesen eingewandert. Doch ein Grossteil ist immer noch in klassischen Fremdarbeiterjobs beschäftigt. In Jobs, die oft saisonalen und konjunkturellen Schwankungen ausgesetzt sind. Entsprechend stark oszilliert die Arbeitslosenquote der Portugiesen – so stark wie bei keiner anderen Nationalität. Im Winter, wenn auf dem Bau nicht viel läuft, klettert die Arbeitslosenquote auf über 10 Prozent.

Manchmal arbeiten zahlreiche Männer und Frauen aus demselben portugiesischen Dorf in einem Schweizer Betrieb. Denn die Migranten kennen meist einen Verwandten oder Nachbarn, wenn ihr Patron zusätzliche Arbeitskräfte braucht. Und die Patrons wissen die fleissigen und wenig aufmüpfigen Portugiesen zu schätzen.

Vor gut 50 Jahren wollte die Schweiz allerdings noch nichts von ihnen wissen und setzte auf andere Arbeitskräfte: 1958 unterzeichnete die Eidgenossenschaft ein Migrationsabkommen mit Italien und 1961 eines mit Spanien – nicht aber mit Portugal. Die Unterschiede zwischen der schweizerischen und der portugiesischen Lebensart erschienen den Behörden als zu gross. So kam Portugal erst in den 80er-Jahren zu einem Abkommen, worauf mehr und mehr Portugiesen in die Schweiz strömten – vor allem in die Westschweiz.

Fussball, Fátima und Fado

Viele haben einen «sehr niedrigen Bildungsstand», wie das SEM schreibt. In Portugal habe sich die Grundschule eben erst spät etabliert. Einen obligatorischen Schulunterricht für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren kennt das Land seit 1960. Das neunjährige Ob­ligatorium wurde gar erst 1996 vollständig verwirklicht. Viele Migranten, die in den 80er- und 90er-Jahren in die Schweiz kamen, gingen lediglich vier Jahre zur Schule. Und die meisten absolvierten weder eine Berufslehre noch ein Hochschulstudium. Doch ihr Arbeitswille ist gross.

Vom Lohn, den sie in der Schweiz verdienen, fliesst oft ein Teil an Eltern oder Geschwister in der Heimat. Denn Portugiesinnen und Portugiesen sind sehr fürsorglich und kümmern sich um ihre Verwandtschaft. «Sie sind auch sehr gastfreundlich, lebensfroh und gesellig», weiss Bartal. Das zeigt sich etwa beim Zusammensein in den Schrebergärten. Oder in den portugiesischen Centros, wo sie sonntags gemeinsam essen und Fussball schauen.

Überhaupt, der Futebol: Er dominiert die Freizeit zusammen mit den beiden anderen F: Fátima (Religion) und Fado (Musik). Dabei bleiben die Portugiesinnen und Portugiesen meist unter sich. Und so verwundert es nicht, dass sie sich in neun von zehn Fällen auch unter ihresgleichen vermählen, wie die Statistik zeigt.

Am Ende bleiben viele doch

Die Familie ist ein weiteres, ganz wichtiges F für die Portugiesen. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass sie viel häufiger Kinder haben als andere Migranten. Und an diesen Kindern scheitert dann oft die Rückkehr in die Heimat. Die Eltern wollen zwar, aber die Nachkommen nicht. Und so bleibt man eben hier. Oder man pendelt zwischen dem schönen Haus in Portugal und den Kindern in der Schweiz. Manche kehren auch nach Portugal zurück, finden sich dort aber nicht mehr zurecht und ziehen erneut in die Schweiz.

Dies ist die Tragik vieler Portugiesinnen und Portugiesen: Sie sprechen von Rückkehr und richten ihr Leben danach aus. Doch am Ende gehen sie doch nicht. Ähnlich wie einst die Italiener. Natürlich gibt es auch Ausnahmen – Portugiesinnen und Portugiesen, die in der Schweiz bleiben wollen und ihr Leben entsprechend ausrichten. Zu ihnen gehört etwa Isabel Bartal. Auch sie sagt: «Die Sehnsucht nach der Heimat ist gross.» Doch Bartal weiss: Sie ist gekommen, um zu bleiben.

Tages-Anzeiger

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