Zürichs Aufstieg zur grössten Schweizer Tourismusdestination

Früher kamen Briten, heute Chinesen: Wie sich die Hotellerie in der Stadt in den letzten 138 Jahren verändert hat.

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Der grösste Schweizer Tourismusmagnet befindet sich nicht in den Alpen und auch nicht im Süden, sondern an der Limmat: Mit jährlich 1,8 Millionen Ankünften zieht die Stadt Zürich mehr Gäste an als jede andere Destination.

Während klassische Tourismusstandorte mit rückläufigen Übernachtungszahlen kämpfen, erlebt Zürich seit Jahren einen beispiellosen Aufschwung. 2003 zählte die Stadt noch 2 Millionen Logiernächte, heute sind es über 3 Millionen oder 57 Prozent mehr. Jede dreizehnte Schweizer Logiernacht wird damit in Zürich verbracht.

Einen vergleichbaren Aufschwung hatte die Stadt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfahren, als die grösstenteils verschonte Schweiz wieder zur attraktiven Destination für ausländische Touristen wurde. In Zürich stieg die Zahl der Logiernächte bis zur Erdölpreiskrise von 1973 stark an. Danach folgten Jahre, in denen die Zahl der Gäste aus dem Ausland vor allem von den Wechselkursen und den wirtschaftlichen und politischen Ereignissen ausserhalb der Schweiz bestimmt wurde. Ein Tiefpunkt wurde 1995 mit nur noch 1,79 Millionen Übernachtungen erreicht.

Seither konnten die Zürcher Hotels aber von Jahr zu Jahr mehr Gäste begrüssen. Nur zweimal erlebte der Tourismus einen kurzen Dämpfer: 2001 im Zuge der Terroranschläge in den USA und 2008/09 als Folge der weltweiten Finanzkrise.

«Ein regelrechter Boom ist bei Gästen aus China und den Golfstaaten zu beobachten.»Stadt Zürich

Die Anfänge von Zürich als Reise- und Ferienziel gehen weit zurück, wie historische Postkarten zeigen, welche die Stadt veröffentlicht hat. Die älteste datiert aus dem Jahr 1893. Ein beliebtes Sujet war die Altstadt mit der Limmat und dem Grossmünster. Aber auch mit der Abbildung einzelner Bauwerke wie der Tonhalle, der ETH oder exotischer Veranstaltungen warb Zürich um Touristen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lockte Zürich neben Schweizern vor allem Touristen aus den Nachbarländern an, insbesondere aus Deutschland. 1925 beispielsweise kamen 95’000 Deutsche, 7600 Franzosen, 6200 Italiener sowie rund 11’000 aus Österreich und Liechtenstein. Die Nachbarländer machten damit fast 74 Prozent aller ausländischen Gäste aus.

Seither hat sich viel geändert. Zwar stellt Deutschland heute immer noch den grössten Anteil der ausländischen Touristen, dahinter folgen aber Länder, die früher noch keine Rolle spielten. So besuchten im Jahr 2016 fast gleich viele US-Amerikaner wie Deutsche die Stadt. Auch bei den Briten ist Zürich beliebt.

Für einen regelrechten Boom sorgten in den letzten Jahren Gäste aus China und den Golfstaaten (Saudiarabien, Kuwait, Bahrain, Katar, Oman, Vereinigte Arabische Emirate). Seit 2005 haben sich deren Übernachtungen versechs- beziehungsweise verfünffacht.

Die grösste Gruppe stellen mit Abstand die Schweizerinnen und Schweizer. Das war aber nicht immer so. Ab Mitte der 1940er-Jahre bis in die 90er-Jahre, also ein halbes Jahrhundert lang, ging die Zahl der inländischen Touristen kontinuierlich zurück. 1993 kamen noch knapp 304’000, der Anteil ausländischer Gäste betrug 85 Prozent. Dann begann der allgemeine Aufschwung, und beide Gruppen wuchsen stark. Heute liegt der Auslandsanteil bei gut 78 Prozent.

Auswählen können die Touristen aus 122 Hotels (Stand Ende 2017). Das sind gleich viele wie 1936, also vor 82 Jahren. Die Hotellerie in Zürich war über die Zeit allerdings alles andere als ein beständiges Geschäft. Während des Zweiten Weltkriegs schrumpfte die Zahl der Betriebe auf 90. Nach einem Aufschwung in der Nachkriegszeit kam es ab den 1970er-Jahren erneut zu einem Aderlass. Viele kleinere Pensionen und Hotels mussten schliessen. 1994 war die Talsohle der Entwicklung erreicht, als es in Zürich fast so wenige Hotels gab wie am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Heute ist die Zahl der Hotels in Zürich wieder auf dem Stand der 1980er-Jahre. Dass gleich viele Betriebe eine viel grössere Menge an Touristen beherbergen können, liegt am Ausbau der Infrastruktur. In den 40er-Jahren verfügten die Hotels im Schnitt noch über 40 Betten, heute sind es 121. Zudem bleiben die Gäste immer weniger lang. Im Jahr 1947 beispielsweise betrug die durchschnittliche Aufenthaltsdauer 3,51 Nächte, im vergangenen Jahr noch 1,78 Nächte.

In gut der Hälfte aller Fälle werden heute 4- und 5-Stern-Hotels gebucht. Im Schnitt zahlten die Touristen 147 Franken für eine Nacht. Früher war das natürlich bedeutend billiger, die Unterkünfte verfügten aber auch noch nicht über den gleichen Standard.

Zürich war und ist aus verschiedenen Gründen attraktiv für Touristinnen und Touristen: Die Stadt hat ein breites Kunst- und Kulturangebot und eine der luxuriösesten Shoppingmeilen der Welt. Sie ist Austragungsort zahlreicher Grossanlässe sowie Sitz wichtiger Unternehmen und Verbände und liegt gleichzeitig nah bei den Alpen.

Eine wichtige Rolle spielt auch das Wasser. Eine Rundfahrt auf dem See war für viele Gäste schon früher ein fester Bestandteil ihres Besuchs in Zürich. 1937 zählte die Stadt über 1,1 Millionen Schiffspassagiere. Heute sind es gut 1,6 Millionen, wenn man vom Einbruch im vergangenen Jahr absieht, der auf die Einführung des umstrittenen «Schiffsfünflibers» zurückzuführen war. Seit dessen Abschaffung im März 2018 klettern die Passagierzahlen wieder nach oben.

In den Jahren um die erste Eingemeindung 1893 wurden auch Ausflüge in die nahe Umgebung beliebt. Die Polybahn (Inbetriebnahme 1889), die Dolderbahn (Betriebseröffnung 1895) und die Seilbahn Rigiblick (Inbetriebnahme 1901) wurden alle in dieser Zeit gebaut. Die verschiedenen historischen Bahnen in Zürich sind auch heute noch ein Klassiker bei Touristen.

Alle bisherigen Artikel zum Jubiläum «125 Jahre Zürich» finden Sie in unserer Collection.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.07.2018, 16:29 Uhr

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