Jetzt steht das «Projekt Central» an

Zürcher Knotenpunkte wie Bellevue oder Albisriederplatz gelten als Velo-Ärgernisse. Die Stadt will handeln, doch die Fahrrad-Lobby hat die Vision einer Velostadt längst aufgegeben.

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Was lange währt, wird endlich gut. Nicht so bei der Verkehrsplanung fürs Bellevue. Wer den Knotenpunkt mit dem Velo innert vernünftiger Frist passieren will, wird unfreiwillig zum Gesetzesbrecher. Dies das ernüchternde Fazit des TA-Selbsttests. «Die Stadt weiss einfach nicht, wie eine vernünftige Veloförderung funktioniert», sagt Dave Durner von Pro Velo Zürich. Seit Jahren kämpft der Verband für ein entspannteres Rollen mit dem Zweirad durch die Stadt. Es gebe kaum ein Bauprojekt, bei dem Pro Velo keine Verbesserungen fordern müsse, sagt Durner.

Die Stadt hätte durchaus Gelegenheiten, um die erhitzten Gemüter der Velo­freunde zu besänftigen. Zum Beispiel mit der Neugestaltung des Centrals – jenes hektischen Konglomerats aus Gleisen, Trottoirs, Warteinseln, Auto- und Busspuren, das die Verkehrspolitiker seit Jahren beschäftigt. Im November 2017 soll es endlich so weit sein. Dann sollen die Umbauarbeiten zum «Projekt Central» abgeschlossen sein, wie das Tiefbauamt dem TA sagt.

Dabei sind Verbesserungen für den Veloverkehr enthalten – auf Kosten der Autofahrer. Die beiden Fahrspuren ab Bahnhofbrücke in Richtung Limmatquai und Seilergraben werden auf eine Spur zusammengelegt. Dadurch entsteht ein Eigentrassee für den Bus, das auch Velofahrer benutzen können. Hinzu kommt: die Installierung eines sogenannten Velosacks. Ein separater Warteraum am Rotlicht für Velofahrer – vor dem ersten Auto in der Kolonne. Velos, die von der Weinbergstrasse her kommen, werden neu links in das Limmatquai biegen dürfen.

Niederlage der Autolobby

Genau diese Massnahmen plante der Stadtrat bereits 2013, als das 19-Mil­lionen-Franken-Projekt beschlossen wurde. Durch den geplanten Spurenabbau wurde die Autolobby aufgeschreckt. Die Zürcher Sektionen der Automobilverbände sowie die City-Vereinigung reichten beim Bundesamt für Verkehr Einsprache ein. Ihre Bemühungen verliefen im Sand und verzögerten den Umbau um mehrere Jahre.

Die Niederlage der Autolobby freut deren Gegenspieler nur mässig. Denn Pro Velo Zürich hätte sich mehr vom Central-Umbau erhofft. «Die Situation verbessert sich geringfügig. Aber zu­friedenstellend sind die Massnahmen nicht», sagt Durner. Der Verband stört sich daran, dass im letzten Abschnitt der Rechtskurve beim Polybähnli – also zwischen Niederdorfstrasse und Seilergraben – kein Velostreifen geplant ist. Stefan Hackh, Kommunikationschef Tiefbauamt, begründet dies mit dem grossen Platzanspruch der Trolleybusse: «Durch einen Radstreifen würden sich Velofahrende in falscher Sicherheit wiegen.» Pro Velo Zürich wollte zunächst Einsprache erheben, liess letztlich aber aus Kostengründen davon ab.

Infografik: Kritische Stellen – geplante Verbesserungen Grafik vergrössern

«Die Situation beim Central ist auch längst nicht so katastrophal wie beim ­Albisriederplatz», sagt Durner. Der Knotenpunkt an der Grenze Wiedikon - Aussersihl, dessen Umbau im letzten Jahr abgeschlossen wurde, sei für ihn ein ­typisches Beispiel einer schlechten Verkehrspolitik: «Der Albisriederplatz ist ein schwarzes Loch im Veloroutennetz.» Es gebe kaum förderliche Massnahmen für den Veloverkehr. Zudem sei bekannt, dass Kreisel eine grosse Gefahr für Fahrradfahrer darstellen.

Eigentlich sei er es ja leid, ständig nur zu kritisieren, sagt Velolobbyist Durner. «Wir würden gerne auf positive Beispiele – auf sogenannte Leuchtturmprojekte –verweisen. Die gibt es aber nicht.» Das Tiefbauamt lässt das nicht gelten: «Es gibt mehrere neu geschaffene Angebote, die besonders gut umgesetzt wurden», sagt Hackh. Er verweist auf bereits abgeschlossene Projekte in der Lager-, Badener- und Hardturmstrasse. Oder auf den geplanten Velotunnel zur Durchquerung des Hauptbahnhofs sowie neue, breit angelegte Radwege am Sihlquai und Mythenquai/General-Guisan-Quai. Pro Velo Zürich zieht trotz dieser Projekte eine düstere Bilanz. Durner sagt: «Wir haben den Glauben an eine Velostadt Zürich längst verloren.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2016, 21:06 Uhr

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