Verantwortung der Mitläufer

Es ist sinnvoll, dass die Justiz klärt, wie viel Verantwortung der Like-Knopf uns abverlangt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Mann ist wegen übler Nachrede angeklagt. Das Strafverfahren hat er sich durch Drücken des Like-Knopfs auf Facebook eingehandelt. Diese Klage schreckt auf: Denn der typische Nutzer verteilt seine Zustimmung in sozialen Netzwerken grosszügig und ohne lange nachzudenken. So ist das von Mark Zuckerberg gewollt: Der Like ist ein kleines, persönliches Zeichen der Zustimmung. Wenn einem daraus ein Strick gedreht werden kann – wie weit sind wir dann noch von einer Gesinnungsjustiz entfernt? Muss man künftig auch Angst haben, vor dem Fernseher zustimmend zu nicken, weil einer etwas Justiziables gesagt hat, das man insgeheim gut findet?

Doch auch wenn es absurd klingt: Es ist sinnvoll, dass die Justiz klärt, wie viel Verantwortung der Like-Knopf uns abverlangt. Der Klick aufs gereckte Däumchen ist nämlich keine rein persönliche Angelegenheit. Er beeinflusst die Auswahlmechanismen von Facebook. Je mehr Leute etwas gut finden, desto weitere Kreise zieht es auf dem sozialen Netzwerk. Und er entfaltet auch eine psychologische Wirkung. Die digitalen Sympathiebekundungen haben gerade auf Hasskommentatoren eine ungemein anfeuernde Wirkung. Noch krasser, noch mehr Likes!

Diese Formel geht deshalb so gut auf, weil Facebook davon lebt, dass sich Gleichgesinnte in ihren Ansichten gegenseitig bestärken. Weswegen es auch keinen Knopf gibt, der besagt: «Du, was du da geschrieben hast, ist ganz grosser Mist. Willst du dir das nicht vielleicht noch einmal überlegen?»

Das führt zu enthemmten Meinungsführern, die glauben, alles sagen zu können. Und es hat Mitläufer zur Folge, die der Meinung sind, dass ein Like für einen boshaften Post ja niemandem wehtut. Beides ist falsch. Bis jetzt hat sich die Aufmerksamkeit auf die Agitatoren gerichtet: Ihre Beiträge müssen zügig gelöscht werden, so fordert es beispielsweise der deutsche Justizminister Heiko Maas in einem Gesetzesentwurf. Doch auch die Mitläufer sollten sich nicht komplett unangreifbar fühlen. Es schadet nichts, sich vor dem Like-Klick zu überlegen, ob man dafür wirklich geradestehen will.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.04.2017, 23:04 Uhr

Artikel zum Thema

«Zuerst denken, dann klicken»

Interview Was Anwalt Martin Steiger über den ersten Facebook-Like-Prozess in der Schweiz sagt. Mehr...

Polizei fasst Verdächtigen nach «Live-Vergewaltigung» auf Facebook

In Chicago haben Dutzende Personen eine Vergewaltigung auf Facebook mitverfolgt – niemand verständigte die Polizei. Mehr...

Dossiers

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Blogs

Geldblog Clariant ist bereit für neue Dimensionen

Von Kopf bis Fuss Die Schönheit zum Schlucken boomt

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...