«Gewalt ist ein menschliches Phänomen, kein religiöses»

Der Präsident der Zürcher Muslime, Mahmoud El Guindi, spricht im Interview über den Pariser Terror und Schweizer Imame.

«Terrorismus gehört nicht zum Islam»: Ein Muslim trauert in Paris um die Todesopfer. Foto: Keystone

«Terrorismus gehört nicht zum Islam»: Ein Muslim trauert in Paris um die Todesopfer. Foto: Keystone

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Welches war Ihr erster Gedanke, als Sie von den Anschlägen in Paris hörten?
Ich war geschockt – und traurig wegen der vielen Opfer. So etwas lässt sich mit einer Religion nicht vereinbaren.

Der Islamische Staat sieht das Massaker aber als Teil seines Krieges für den Islam.
Dies hat mit Religion wenig zu tun. ­Natürlich suchen die Leute, die auf diese schreckliche Art Politik betreiben, in heiligen Büchern irgendwelche Begründungen. Und sie finden immer etwas. Sie würden freilich auch das Gegenteil finden. Wie die Geschichte zeigt, findet man in allen Religionen Gewalt.

Worauf spielen Sie an?
Mahatma Gandhi sagte: «Es gibt mehrere Ziele, für welche ich bereit wäre, zu sterben – aber keine, für welche ich bereit wäre, zu töten.» Er wurde von einem fanatischen Hindu ermordet. Der israelische Friedensnobelpreisträger Yitzhak Rabin ist Opfer eines jüdischen Extremisten geworden. Und Anwar al-Sadat von Ägypten – auch er Friedensnobelpreisträger – wurde von einem muslimischen Fundamentalisten umgebracht. Bleibt das Christentum, diese pazifistische Religion. Sie hat zwei Weltkriege und den Holocaust hinter sich. Natürlich geschah dies nicht, weil die Täter Christen waren – sondern obwohl sie Christen waren. Gewalt ist ein menschliches ­Phänomen, kein religiöses Phänomen.

Sie haben es aber bereits angetönt: Es gibt im Koran etliche Stellen, die Gewalt und das Töten von Ungläubigen legitimieren.
Das muss man im geschichtlichen Zusammenhang sehen. Diese Suren beziehen sich auf kriegerische Zeiten, wie sie der Prophet erlebt hat – nicht auf heute. Man findet im Koran auch andere Stellen wie: «Wer einen Menschen tötet, für den soll es sein, als habe er die ganze Menschheit getötet. Und wer einen Menschen rettet, für den soll es sein, als habe er die ganze Welt gerettet.»

Können Sie denn ausschliessen, dass in Schweizer Moscheen Gewalt gegen Ungläubige gepredigt wird?
Ich hoffe nicht, dass dies geschieht. Ich habe auch keine Kenntnis davon. Früher gab es Schwierigkeiten mit einigen Imamen. Inzwischen hat aber ein Reifeprozess stattgefunden. Ich halte die Imame in der Schweiz für recht vernünftig.

Ist es ein Problem, dass in der Schweiz keine Imame ausgebildet werden? Dadurch kommen diese aus dem Ausland und kennen die hiesigen Gegebenheiten kaum.
Es ist ein Defizit. Wir würden daher eine Imamausbildung in der Schweiz begrüssen. Aber der Islam ist nicht öffentlich-rechtlich anerkannt, weshalb die Finanzierung nicht gewährleistet ist.

Moscheen können Fundamentalisten auch als Treffpunkt dienen, wo IS-Kämpfer rekrutiert werden. Was unternehmen Sie dagegen?
Es ist nicht auszuschliessen, dass solche Leute in Moscheen verkehren. Wir sind als Religion offen für alle und erteilen niemandem ein Hausverbot. Gleich­zeitig respektieren und schätzen wir die Schweizer Rechtsordnung. Daran müssen sich alle Mitglieder halten. Meist erfahren wir aus den Medien, dass jemand nach Syrien gereist ist. Dann gehen wir den Ursachen nach und arbeiten eng mit den Behörden zusammen. Befürchtet eine Familie, dass sich ein Sohn oder eine Tochter dem IS anschliessen könnte, gehen wir den Fall nicht nur ­sicherheitspolitisch, sondern auch sozialpädagogisch an. Oft sind die Probleme ja vielschichtig.

Fürchten Sie, dass das Leben der Schweizer Muslime nach den Anschlägen in Paris nun schwieriger wird?
Ich denke, eher nicht. Vielleicht ist dies Wunschdenken. Aber die Muslime sind schon länger in der Schweiz und alles in allem relativ gut integriert. Dies liegt wohl auch daran, dass die 450'000 Schweizer Muslime mehrheitlich aus ­europanahen Kulturen stammen. Sie kommen zu je rund 30 Prozent aus Bosnien, Albanien und der Türkei. In Frankreich haben sich dagegen vor allem Nordafrikaner aus einstigen französischen Kolonien niedergelassen, wo Integrationsprobleme herrschen.

Im Minarettverbot zeigen sich allerdings sehr wohl Schweizer Vorbehalte gegenüber Muslimen.
Ja. Es gibt meines Wissens zwei Länder mit einem Minarettverbot: Nordkorea und die Schweiz. Man braucht aber kein Minarett, um in den Himmel zu kommen. Muslime können auch ohne beten. Uns wundert indessen, warum die ansonsten so rational denkenden Schweizer auf diese Idee kamen. Diese löst ja kein Problem wie etwa die überproportionale Vertretung von Muslimen in Gefängnissen. Dafür konnten einige Leute mit dem Verbot einen politischen Erfolg feiern. Ausgerechnet jene, die sagen, man müsse Politik und Religion trennen, haben mit Religion Politik gemacht.

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Erstellt: 15.11.2015, 23:25 Uhr

Der 71-Jährige Mahmoud El Guindi ist Präsident der Vereinigung Islamischer Organisationen im Kanton Zürich und vertritt diese im Zürcher Forum der Religionen.

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