Rache an der «linken» Kultur

Die Busse für das Theater Neumarkt ist peinlich und kleingeistig.

Die Künstlergruppe «Zentrum für politische Schönheit» performte im März mit Künstler Philipp Ruch (sitzend) das Stück «Roger Köppel - Eine Abschiebung».

Die Künstlergruppe «Zentrum für politische Schönheit» performte im März mit Künstler Philipp Ruch (sitzend) das Stück «Roger Köppel - Eine Abschiebung».

(Bild: Keystone Ennio Leanza)

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Vor drei Wochen hat der Zürcher Gemeinderat die Motion abgeschmettert, dem Theater Neumarkt als Strafe für die Voodoo-Aktion «Schweiz entköppeln» von Philipp Ruch die städtischen Subventionen zusammenzustreichen. Jetzt liess der Kanton eine Retourkutsche los: Explizit bekennt er sich zur Bestrafung einer einzigen, ihm missliebigen – zugegeben eindeutig misslungenen – Kunstaktion. An der jährlichen Subvention von 330'000 Franken wird im Prinzip nicht gerüttelt. Aber der Beitrag wird – nur für 2017 – um 50'000 Franken gekürzt. Begründung: So würden die kantonalen Aufwendungen im Zusammenhang mit der umstrittenen Ruch-Vorstellung berücksichtigt.

Vermutlich habe nicht mal das ganze Festival, wo die Chose stattfand, so viel gekostet, sagt Neumarkt-Leiter Peter Kastenmüller, ergänzt aber staatsmännisch: «Falschparken in Zürich ist eben teuer.» Nicht staatsmännisch, sondern peinlich kleinlich und kleingeistig zeigt sich der Regierungsrat.

Es geht nicht ums schöpferische Zerstören der Theaterlandschaft auf kaltem Weg, sondern um eine direkte, retrospektive und zugleich prospektive Zensur.

Das Theater Neumarkt will sein Programm dennoch irgendwie durchziehen. Das geht, denn die «Busse» ist schmerzhaft, aber nicht substanziell: Es geht nicht ums schöpferische Zerstören der Theaterlandschaft auf kaltem Weg, sondern um eine direkte, retrospektive und zugleich prospektive Zensur. Um Strafe, gar Rache an der «linken» Kultur und um Populismus. Es ist ein Wink mit dem Liktorenbündel der Macht. Dies soll wohl eine Kunst des «Wes Brot ich ess, des Lied ich sing» fördern.

Schon 2005 kürzte man wegen einer Blocher-kritischen Installation Thomas Hirschhorns das Budget der Kulturstiftung Pro Helvetia um 1 Million Franken; das Werk hatte 180'000 Franken gekostet. Man inkriminierte, wie nun am Neumarkt, SVP-kritische Kunst und nahm künftige Kunstschaffende quasi in Sippenhaft. Wollen wir, dass unsere Künstler mit Peitsche und Zuckerbrot zu Wohlverhalten angehalten werden? Dass sie sich um ihre Veranstalter sorgen müssen? Keinen Mut zum Risiko und zu spektakulären Reinfällen mehr fassen können? Ja, Subventionen müssen immer wieder auf den Prüfstand, ihre Verteilung muss gut überlegt sein – um der Kultur willen, die durch sie aufblühen soll; aber nie, nie als politische Dressur!

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