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Noser: Vom Zigerschlitz ins Stöckli

Mit Applaus hat die FDP gestern den Nationalrat und Unternehmer Ruedi Noser als Ständeratskandidaten nominiert. Er soll Nachfolger von Felix Gutzwiller werden.

Ruedi Noser ist in Gedanken häufig weit in der Zukunft. Foto: Thomas Wüthrich (13 Photo)
Ruedi Noser ist in Gedanken häufig weit in der Zukunft. Foto: Thomas Wüthrich (13 Photo)

Um alle populären Politiker ranken sich Legenden – bei Ruedi Noser sind die meisten sogar wahr. Aufgewachsen in einer siebenköpfigen Familie in Niederurnen GL als Sohn eines Automechanikers hatte Noser schon früh ein Problem – er war Legastheniker. Blanke Einer im Deutsch waren für ihn die Regel. «Die Legasthenie aber hat mich zum Strategen gemacht», sagt er heute. Er lernte früh, dort zu investieren, wo es sich lohnt: Statt Deutsch zu büffeln und trotzdem Fehlerorgien zu hinterlassen, konzentrierte er sich aufs Handfeste.

Als 16-Jähriger kam Ruedi Noser in ein Lehrlingsheim in Winterthur, absolvierte bei Rieter eine Lehre als Maschinenschlosser und legte die zweitbeste Abschlussprüfung hin. Mit Noser, gesegnet mit Tatendrang und Charme, gings nun steil aufwärts: Berufsmittelschule, Elektroingenieur am Technikum Rapperswil, Einstieg bei seinem Bruder in einem kleinen Software-Engineering-Unternehmen. Heute ist er Alleininhaber der Noser-Gruppe, beschäftigt 500 Angestellte und macht einen Jahresumsatz von 84 Millionen Franken (2013).

Quereinsteiger zur rechten Zeit

Für die FDP, die Partei der Goldküsten-Juristen und -Banker, kam dieser bubenhaft-frische Ruedi Noser in seinen Wollpullovern goldrichtig. Die Freisinnigen waren nach dem Swissair-Grounding im freien Fall und wurden von Blochers SVP als «Weichsinnige» drangsaliert. Noser wurde 1999 als Quereinsteiger Kantonsrat, bei der nächsten Wahlschlappe 2003 gar Parteipräsident. Gleichzeitig wurde er Nationalrat und auch gleich noch Vizepräsident der FDP Schweiz.

Heute sitzt Noser, der einst so miserable Deutschschüler, im Verwaltungsrat des Zürcher Schauspielhauses. Um sein noch wackligeres Französisch zu verbessern, zog er mit seiner Frau und den vier Kindern 2010 fast für ein ganzes Jahr nach Versoix am Genfersee. Noser hat sein Bestes getan, die abgehobene Zürcher FDP wieder bürgernäher zu machen – sogar in der welschen Schweiz.

Alles ohne Vitamin B

Ruedi Noser hat vieles erreicht – und das ohne Vitamin B, wie er immer betont. Aber nicht alles. Da sind nämlich wieder diese Legenden: Der junge Ruedi, so die eine, habe schon früh FDP-Schweiz-Präsident werden wollen. Und die andere besagt, er habe schon immer das Ziel Bundesrat angestrebt. Beide Bubenträume sind vorderhand gescheitert. Beim Parteipräsidium setzte sich Philipp Müller durch, beim Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Ein dritter Traum, den Noser schon lange hegt und vorantreibt, steht dagegen kurz vor der Erfüllung: der Technopark Dübendorf.

In Bern gilt Noser, der heute seine legendären Pullover abgestreift hat, als Krampfer. Er fliegt als Unternehmer in der Welt herum, meldet sich zu allen Tages- und Nachtzeiten bei Politikern und Journalisten aus Asien oder aus New York. Seine Firmen sind schliesslich vorne in der Internettelefonie dabei. Im letzten Oktober hatte Noser die operative Führung seiner Gruppe abgegeben und nimmt seither nur noch als Verwaltungsrat auf deren Geschäfte Einfluss.

Dass Noser Legastheniker ist, merkt man nur noch an seinen Kommentaren auf Facebook; er steht offen zu seiner Schwäche. Die geschliffene Rede ist aber noch immer nicht sein Ding. Im Gespräch neigt er zu Andeutungen und Visionen, oft ist er auch sehr emotional. Zum Beispiel, als er vor den FDP-Frauen nach dem Rücktritt von Präsidentin Christiane Langenberger in Tränen ausbrach.

Noser ist mit seinen Gedanken häufig weit in der Zukunft, etwa beim Innovationspark. 2009 kritisierte er die Steuerprivilegien für ausländische Holdings und reiche Ausländer und erklärte als einer der ersten Bürgerlichen, die Zeit des Bankgeheimnisses sei abgelaufen. Auch für den Ständeratswahlkampf hat er eine neue Idee bereit: Er will die Finanzierung der Kampagne offenlegen.

Zwischen Träumer und Stratege

Die Einschätzungen über Noser pendeln zwischen Fantast und Superstratege. Einmal wirke er wie ein träumender Bub, der in der grossen weiten Politikwelt noch nicht alle fiesen Tricks begriffen habe. Und dann wieder als sehr berechnend und durchaus auf den eigenen Vorteil bedacht. SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer hatte ihn in der NZZ einst als «Sphinx» bezeichnet. Politisch steht Noser eingemittet in der FDP. In seiner gestrigen Rede vor den Delegierten versprach er, «Probleme jenseits von jeglichen ideologischen Schranken zu lösen».

Noser ist nicht der verbissene Ordoliberale, wie es ein Fulvio Pelli ist. Seine letzte bemerkenswerte Initiative fordert, die Schweiz solle einseitig allen OECD-Ländern und wichtigen Partnern Steueramtshilfe anbieten, die ausländischen Steuerbehörden eine Identifikation von Bankkunden als Steuerhinterzieher zulässt. Ziel: rasch eine hohe Zahl von Doppelbesteuerungsabkommen erreichen und das Länderexamen des Global Forum der OECD bestehen. Damit würde es die Schweiz abwenden, erneut auf einer schwarzen Liste der G-20 zu stehen. Die Vorlage ist vom Bundesrat angenommen worden und hat gute Chancen, noch in diesem Jahr eingeführt zu werden.

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