Kiffen ohne Rausch

Die Stadt Zürich überlegt, jugendlichen Problemkiffern Cannabis abzugeben. Die Pflanzenzüchter Patrick Widmer und Mike Toniolo halten THC-armen Hanf für die bessere Alternative.

Mike Toniolo (rechts) inspiziert mit Oliver Tschäppät, dem Entwicklungschef von Medropharm, ein Feld mit Pharma-Hanf. Foto: Urs Jaudas

Mike Toniolo (rechts) inspiziert mit Oliver Tschäppät, dem Entwicklungschef von Medropharm, ein Feld mit Pharma-Hanf. Foto: Urs Jaudas

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Es war reiner Zufall, der Patrick Widmer und Mike Toniolo auf die Idee brachte, dass THC-armer Hanf Problemkiffer zum Umdenken bewegen könnte. Die beiden Männer sind die Besitzer der im thurgauischen Kradolf ansässigen Firma Medropharm, und die produziert Hanfextrakte für medizinische und kosmetische Zwecke.

Damit die Extrakte legal gehandelt werden dürfen und den gewünschten Heileffekt erzielen, darf die Ausgangspflanze nicht mehr als 1 Prozent der psychoaktiven Substanz THC enthalten, dafür aber muss sie möglichst reich an Cannabidiol (CBD) sein. Solche Pflanzen sind normalerweise kaum erhältlich; heutige Züchtungen enthalten bis zu 14 Prozent und mehr THC. «Seit Jahren wurde Hanf auf möglichst viel THC gezüchtet», sagt Widmer. «Früher war das anders. Hanf enthielt mehr Cannabidiol und deutlich weniger THC. Wir haben den Hanf sozusagen zur natürlichen Form zurückgezüchtet und den Cannabidiolgehalt gesteigert.»

Dass dieser Hanf auch zum Rauchen geeignet sein könnte, kam Widmer und Toniolo nicht in den Sinn: «Wir nahmen nicht an, dass dieser Hanf schmeckt. Und auch wirtschaftlich sind unsere Extrakte attraktiver.» Es waren Kiffer, die von der Firma Medropharm gelesen hatten, welche die beiden Männer darauf aufmerksam machten. «Wir bekamen immer wieder Anfragen von Konsumenten, die sagten, der hohe THC-Gehalt im Cannabis bereite ihnen Mühe, und die uns baten, ihnen unseren Hanf zu verkaufen.» Irgendwann entschlossen sich Widmer und Toniolo, einigen Konsumenten den Hanf probeweise zu Beobachtungszwecken abzugeben.

Zu diesen harten Konsumenten gehört ein heute 32-jähriger Basler, der kifft, seit er 13 ist. Er ist vom THC-armen Hanf begeistert: «Ich bin nicht mehr so vergesslich, stehe morgens fit auf und habe keine roten Augen mehr. Und trotzdem kann ich mein Ritual, einen Joint zu rauchen, weiter zelebrieren.» Zuvor habe er sich mit Cannabis jahrelang selbst Steine in den Weg gelegt. Seine Lehre habe er aufgeben müssen, gearbeitet habe er nur temporär. Nun hofft der Mann auf eine feste Anstellung – und darauf, dass ihm der Ausstieg gelingt.

«Sucht ist erlernt»

Der gebürtige Bülacher Patrick Widmer und der aus Frauenfeld stammende Mike Toniolo sind nach diesen ersten Erfahrungen überzeugt, dass ihr Hanf eine Alternative zur Cannabis-Abgabe wäre und gute Dienste in der Behandlung leisten würde. Sie hoffen, im Hinblick auf die geplante testweise Cannabis-Regulierung eine Diskussion anzustossen und mitarbeiten zu können.

«Wir sind überzeugt, dass Sucht erlernt ist, also kann man sie auch wieder verlernen», sagt Toniolo. Bei vielen Kiffern sei die Sucht eine gute Entschuldigung, um weiterzurauchen: «Nach unserem Denkansatz sind die Jugendlichen voll selbst verantwortlich.» Aber um das zu verstehen, müssten die Konsumenten erst die Folgen des THC-Konsums überwinden. Und dabei könne ausgerechnet Cannabidiol helfen. «THC verstärkt das psychische Grundsetting und verdrängt weniger starke Gefühle», erklärt Tonio­lo. Das kann einen regelrechten Teufelskreis auslösen – etwa bei Jugendlichen, die kiffen, um ihr mangelndes Selbstbewusstsein zu kompensieren: «THC löscht in vielen Fällen das Selbstwertgefühl komplett. Und der Konsument raucht irrtümlicherweise noch mehr THC mit der Idee, das unangenehme Gefühl zu kompensieren.»

Anders mit Cannabidiol: Dieses verursacht keinen Rausch, sondern beruhigt, dämpft starke Emotionen und macht empfänglich für andere Empfindungen. Widmer spricht von verblüffenden Effekten: «Nach drei Wochen kann man selbst mit harten Konsumenten plötzlich wieder normal reden.» Überdies sei das unter professionellen Bedingungen kontrolliert produzierte Cannabis, anders als das auf der Strasse gehandelte, frei von schädlichen Pestiziden und Düngern.

Experten sind zurückhaltend

Bei Suchtexperten stösst die Idee auf zurückhaltendes Wohlwollen – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Sandro Cattacin, Soziologe an der Uni Genf und treibende Kraft hinter dem dort geplanten Cannabis-Versuch, sagt, bei psychischen Abhängigkeiten gelte generell: «Viele Wege führen nach Rom. Wir brauchen viele differenzierte Angebote, die sich so gut wie möglich der Persönlichkeit annehmen.» In Genf denke man deshalb auch daran, THC-armes Cannabis anzubieten. Aber er warnt vor hohen Erwartungen: «Dass dies zu Therapien führt, kann kurzfristig nicht gesagt werden.»

Nicole Disler, Sprecherin des Stadtzürcher Gesundheitsdepartements, will sich im Moment noch nicht zum THC-armen Hanf äussern: «Noch sind viele Fragen um die Cannabis-Regulierung nicht beantwortet. Auch ob Jugendliche überhaupt in den Versuch aufgenommen werden, ist noch nicht ganz klar.»

Kein Gras für Jugendliche

Widmer und Toniolo geht das zu langsam. Widmer sagt: «Wir würden uns klärende Gespräche mit Politikern und Präventionsfachleuten wünschen. Aber bislang hat uns niemand die Hand gereicht.» Die beiden Männer überlegen sich nun, ihren Hanf innert wenigen Monaten auf eigene Faust öffentlich zu verkaufen. Nicht aus finanziellem Interesse, wie sie beteuern: «Wir verdienen unser Geld mit Extrakten. Der Schweizer Cannabis-Markt ist für uns wirtschaftlich nicht interessant, solange es keine klaren Regulierungen gibt.» Es gehe auch keineswegs darum, Gras für Jugendliche zu designen, sondern um eine Ausstiegshilfe. «In der Cannabis-Frage darf es keine Tabus geben», findet Widmer. «Das Jugendproblem muss man lösen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2016, 22:42 Uhr

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