Ein Discounter-Gürtel um Zürichs Innenstadt

Aldi, Denner, Spar und jetzt auch noch Lidl: Was die Billiganbieter im Zentrum vorhaben und warum Sprüngli-Chef Milan Prenosil die Nase rümpft.

Die Fraumünsterpost: Ende Oktober zieht die Post aus, Lidl möchte das Lokal danach übernehmen. Foto: Thomas Egli

Die Fraumünsterpost: Ende Oktober zieht die Post aus, Lidl möchte das Lokal danach übernehmen. Foto: Thomas Egli

Matthias Pfander@MatthiasPfander

Diskret soll dieser Umbau über die Bühne gehen, das ist offensichtlich. Nur ein kleines, mobiles Baugerüst und ein mit Schaltafeln verstellter Zugang verraten von aussen, dass es im Erdgeschoss der Zollstrasse 58, im Kreis 5 hinter dem Hauptbahnhof, zur Sache geht. Hier entsteht die neueste Filiale des Discounters Aldi. Während der Konkurrent Lidl am Wochenende mit seinen Plänen für einen neuen Laden in der Fraumünsterpost einen Wirbel auslöste, steht bei Aldi die Eröffnung der ersten Filiale im Zürcher Stadtzentrum kurz bevor.

Ende September will Aldi diese laut eigenem Marketingslogan «urbanste Filiale der Schweiz» in Betrieb nehmen. Ein Blick durch eine offen stehende Seitentür an der Zollstrasse zeigt, dass die Handwerker noch ordentlich zu tun haben bis zum Einweihungstermin. Lüftungsrohre stehen im Raum, der noch weitgehend nach Rohbau aussieht.

Nimmt man das Central als Mittelpunkt von Zürich – und der Schweiz –, wird Aldi mit dem neuen Standort tatsächlich zum zentralsten Discounter des Landes. Aber nur vorläufig und nicht für lange: Noch im vierten Quartal will Denner am Anfang des Niederdorfs seine neueste Filiale eröffnen. Und zwar an der Niederdorfstrasse 88, wo früher Companys eingemietet war. Ursprünglich wollte die Discounter-Tochter der Migros den Laden noch im dritten Quartal eröffnen können. «Die Baubewilligung steht noch aus», erklärt Sprecher Thomas Kaderli die Verzögerung. Da am neuen Denner-Standort zuvor Kleider verkauft wurden, sind einige bauliche Anpassungen nötig.

Suche nach attraktiven Lagen

Nimmt man die neu angekündigte Filiale von Lidl in der Fraumünsterpost und den geplanten Laden von Spar beim Schauspielhaus dazu, so scheint sich ein richtiger Discounter-Gürtel um die Zürcher City zu ziehen. Wenngleich Spar trotz seiner bekannten Rabattpolitik streng genommen kein Discounter ist.

Was löst den Run auf die Innenstadt unter diesen Anbietern aus? Immerhin ist Denner mit seinen knapp 34 Läden auf dem gesamten Stadtgebiet schon gut vertreten. Auch an relativ zentraler Lage wie in der Nähe des Stauffachers oder an der Kreuzstrasse hinter dem Bellevue.

Grafik: Neue Discounter-Filialen in der InnenstadtGrafik zum Vergrössern anklicken.

Man sei immer auf der Suche nach attraktiven Lagen, heisst es unisono. Die Zeit scheint wie gemacht zu sein für Expansionspläne. Durch die diverse Pleiten und Rückzüge von Kleiderhändlern und Schuhläden werden nun schon seit Monaten neue Verkaufsflächen frei. Und solche Lagen im Zentrum versprechen hohe Kundenfrequenz.

Denner sieht sich bei der Jagd nach neuen Verkaufslokalen gegenüber der Konkurrenz im Vorteil: «Wir haben auch Konzepte für sehr kleine Flächen, das unterscheidet uns von den anderen Discountern», sagt Kaderli. Der Standort beim Central misst nur 250 Quadratmeter und wird als Denner Express eröffnet. Ein Kleinformat, das vor allem auch Convenience-Produkte anbietet.

Die neuen City-Standorte von Aldi und Lidl sind mit je 1000 Quadratmetern rund viermal so gross wie der neue Denner-Laden im Niederdorf. Und liegen mit diesen Dimensionen in der Nähe der Standardfilialen, die beide Discounter jeweils auf die grüne Wiese stellen.

Erfahrung mit anderen Filialformaten als ihren Standardläden haben beide Anbieter mehrfach gesammelt. Da sie sich in diversen Städten in bereits gebaute Immobilien eingenistet haben. Aldi unterhält bis jetzt fünf Filialen auf dem Zürcher Stadtgebiet, Lidl deren drei. Dennoch sind die neuen Standorte im Zentrum ein Experiment. Auch weil die beiden Denner-Konkurrenten nicht nur Produkte aus ihrem Standardsortiment anbieten wollen, sondern das Angebot an die Lage in der Innenstadt anpassen werden. Mit Convenience-Artikeln, auch für den Sofortkonsum, wollen sie die Laufkundschaft ansprechen.

Das Experiment in der Zürcher City passt zum Auftreten der beiden aus Deutschland stammenden Discounter auf dem Schweizer Markt. Denn sowohl Aldi als auch Lidl sind dabei, ihr ursprüngliches Image zu korrigieren. Insbesondere in der Schweiz wollen sie sich nicht mehr als Harddiscounter verstanden wissen, bei denen der tiefe Preis alles andere in den Schatten stellt – selbst die Präsentation der Waren. Zu diesem Wandel passt auch der Versuch, sich in der Innenstadt festzusetzen. «Wenn Aldi und Lidl neue Kundenschichten ansprechen wollen, müssen sie sich in die Zentren vorwagen», sagt ein Brancheninsider, der nicht genannt werden will.

Doch in der Innenstadt lauern neue Herausforderungen. Die Logistik mit den täglichen Anlieferungen ist schwieriger als auf dem Land und in der Agglomeration. Und Lidl sieht sich bereits jetzt mit Widerstand konfrontiert.

Nicht nur Anwohner äussern sich negativ. Auch seitens des Gewerbes gibt es Vorbehalte. Sprüngli-Chef Milan Prenosil, Präsident der City-Vereinigung Zürich, ist enttäuscht, dass kein Spezialgeschäft einzieht. Vermutlich sei Lidl der Einzige gewesen, der den Mietpreis zahlen könne, meint er.

«Natürlich verstehen wir Vorbehalte von Personen, die uns an diesem Standort nicht erwartet hätten und unser Konzept nicht kennen», nimmt der Schweizer Lidl-Hauptsitz in Weinfelden Stellung. Man nehme die Bedenken ernst. Und entsprechend vorsichtig äussert sich Lidl zum angepeilten Terminplan: «Dazu können wir derzeit noch keine Aussage treffen. In diesem frühen Stadium des Projekts wird nun in einem ersten Schritt mit dem Vermieter und den zuständigen Zürcher Behörden ein Konzept entwickelt und vorgestellt.»

Die Swiss Prime Site AG, Besitzerin der Liegenschaft, verteidigt ihren Entscheid für den Mieter: Lidl passe bezüglich Mix, Ladenkonzept, Kundenfrequenz und Nachhaltigkeit bestens ins Gebäude.

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