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«Ich bin der Dolmetscher der Kinder»

Der Zürcher Kinderarzt Sepp Holtz hat einen wichtigen Preis in der Kinderheilkunde bekommen. Er gilt als Pionier in der praktischen Ausbildung.

«Ein Kind muss Verantwortung übernehmen», sagt Sepp Holtz. Fotografiert wurde der Kinderarzt in seiner Praxis. Foto: Urs Jaudas
«Ein Kind muss Verantwortung übernehmen», sagt Sepp Holtz. Fotografiert wurde der Kinderarzt in seiner Praxis. Foto: Urs Jaudas

Für welche Leistung haben Sie den Guido-Fanconi-Preis gewonnen?

Ich habe vor 18 Jahren zusammen mit dem Kinderspital das Modell der Praxisassistenz als Rotationsstelle entwickelt. Ich nehme angehende Kinderärztinnen und Kinderärzte in die Lehre, ein Jahr lang.

Wie kam es dazu?

Neben der Praxis wollte ich meine Teilzeitstelle als Oberarzt der Entwicklungspädiatrie beibhalten. Daraus entwickelte sich dann mein Projekt, das heute folgendermassen funktioniert: Zuerst schaut mir der Assistent bei der Arbeit in der Praxis zu, dann tauschen wir die Rollen, wobei ich den jungen Kollegen unsichtbar hinter einer Einwegscheibe – im Einverständnis mit den Eltern – beobachte, wie er das Kind untersucht und sich mit den Eltern bespricht. Im nächsten Schritt arbeitet der Assistent oder die Assistentin selbstständig, bespricht aber noch die Fälle mit mir.

Wie hat das pionierhafte Modell Schule gemacht?

Zunehmend arbeiten Spitäler mit Praxen zusammen. Zu den meisten «Lehrlingen» pflege ich einen guten Kontakt. Die meisten sind Kinderärzte in einer Praxis geworden.

Sie selber sehen aber überhaupt nicht wie ein Arzt aus.

Wieso?

Kein weisser Kittel, kein Stethoskop um den Hals, und die Uhr tragen Sie statt am Handgelenk auf dem Schuh.

Für meine kleinen Patienten bin ich manchmal auch ein Zauberer. Mein Reflexhämmerchen ist auch ein Zauberstab, und meine Patienten bekommen nicht nur Pillen von mir, sondern auch eine Überraschungskugel.

Welcher Lehrer hat sie geprägt?

Eindeutig Remo Largo. Während meiner Assistenz im Spital Affoltern am ­Albis hatte ich ein Schlüsselerlebnis, das meine Arbeit grundsätzlich verändert hat. Ich habe dort ein Kind mit Schädel-Hirn-Trauma betreut, zu dem ich keinen Zugang hatte. Largo kam auf Visite, stellte sich auf das tiefe Entwicklungsalter des Kindes ein, und wir hatten plötzlich ein anderes, lebendiges und lachendes Kind vor uns. Deshalb habe ich mich auf Entwicklungspädiatrie spezialisiert.

Was war die wichtigste Erkenntnis?

Ich habe gemerkt, dass man das Kind nicht über die Krankheit erreicht, sondern man zuerst Vertrauen schaffen muss, damit es sich untersuchen und behandeln lässt. Das hat mit einer grundsätzlichen Haltung dem Kind gegenüber zu tun. Remo Largo hat auch mich bei meinen Stärken abgeholt, und genau das versuche ich auch bei meinen Studenten, das ist sehr selbstwertfördernd. Das gilt genauso für Kinder.

Bekannt ist in Ärztekreisen Ihr Podcast «Familienbande». Wie kamen Sie auf diese Idee?

Als meine Tochter ihr erstes Kind bekam, löcherte sie mich mit Fragen. Da kam meinem Schwiegersohn die Idee für einen Podcast, denn es mangelt an leicht zugänglichen Informationen für junge Eltern, die man nebenbei anhören kann.

Wie funktioniert der Podcast?

In vertrauter Atmosphäre unterhalte ich mich mit meiner Tochter Noa über das, was die Familie im Moment bewegt. Die Sendungen können kostenlos angehört werden und entstehen laufend.

Welche Themen kommen zur Sprache?

Zum Beispiel: Was könnte man tun, wenn das Baby nachts nicht durchschläft? Wann ist das Kind bereit für den Brei? Wie soll man damit umgehen, wenn es fremdelt? Die Podcast-Themen bestimmt meine Tochter.

Podcast, Handy, Instagram und Twitter. Wie sollen Kinder mit digitalen Medien umgehen?

Das kann ich nicht allgemein beantworten. Wir müssen darauf schauen, dass wir die Smartphones und sozialen Plattformen, die nun mal zu unser aller ­Leben gehören, nicht verteufeln.

Was raten Sie den Eltern?

Wenn das Kind sozialkompetent ist, ­geborgen und aufgehoben, Leistung bringt, dann sage ich: so viel es will. Wenn ich aber ein Schulkind vor mir habe, das sich sozial isoliert, keine Leistung bringt und am Tisch das Handy auf den Knien hat und alle paar Minuten darauf schaut und sogar mit dem Smartphone unter dem Kopfkissen schläft, dann rate ich: so wenig wie möglich. Vor allem muss das Kind Verantwortung übernehmen.

Bis zu welchem Alter geht man zum Kinderarzt?

Im Spital kann man ab 16 Jahren nicht mehr neu eintreten. In der Praxis ist es offen. Ich habe ein Dutzend Patienten, die weit über 20 Jahre alt sind und immer noch zu mir kommen. Sie nehmen sogar das Gebrüll im Wartezimmer auf sich. Für mich ist das der ultimative ­Vertrauensbeweis. Irgendwann sind sie dann weg, kommen aber gelegentlich mit ihren Kindern wieder zu mir.

Themawechsel: Masern-Impfgegner haben sich wieder Gehör verschafft. Ihre Meinung dazu?

Ich bin Schulmediziner und habe eine klare Meinung: impfen! Ich versuche aber nicht, angstorientiert zu arbeiten und die Eltern, die ihre Kinder nicht impfen wollen, als unverantwortlich hinzustellen. Ich sage: Überlegen Sie sich, welches das grössere Risiko ist. Es braucht von den Eltern ein Stück Solidarität, denn die Masern sind nur am Verschwinden, weil geimpft wurde.

Werden Kinder heute verhätschelt?

Das ist für mich nicht die Frage. Ich muss den Eltern hin und wieder das Kind übersetzen, bin ihr Dolmetscher. Das sagt aber noch nichts darüber aus, wie die Eltern nachher mit dem Kind umgehen. Ich glaube fest an den Satz: Beziehung kommt vor Erziehung.

Jedes Jahr steigt die Zahl der misshandelten Kinder. Worauf führen Sie das zurück?

Böse Eltern gibt es nicht. Misshandlungen sind meist das Resultat von Überforderung. Meines Erachtens hat dann die Gesellschaft versagt. Oder manchmal auch ich als Kinderarzt. Deshalb müssen wir Kinderärzte auch Präventivmediziner sein. Wir sollten versuchen, diese Überforderungssituation mit Vorsorge und Beratung aufzufangen. Deshalb helfe ich auch bei den Elternbriefen der Pro Juventute mit.

Weshalb haben wir zu wenig Kinderärzte?

Der Beruf des Kinderarztes wird zunehmend ein Frauenberuf. Weil es dazu viel Sozialkompetenz braucht und Frauen da bessere Voraussetzungen haben. Kommt dazu, dass wir zu den am wenigsten verdienenden Ärzten gehören.

Wie wird sich der Beruf des Kinderarztes weiterentwickeln?

Das Berufsbild hat sich seit meiner Anfangszeit stark gewandelt. Damals habe ich noch viele schwere Infektionskrankheiten erlebt, Kehldeckelentzündungen, Hirnhautentzündungen. Heute sehe ich das kaum noch. Da ich früh schon mit Remo Largo zusammengearbeitet habe, ist mir die Vorsorgepädiatrie in Fleisch und Blut übergegangen. Heute arbeitet der Kinderarzt ganzheitlich, ist nicht nur an ­Somatik und Krankheit interessiert.

Was haben Sie während Ihrer Karriere gelernt?

Ich habe vor allem gelernt, mich in ­jemanden hineinzuversetzen. Denn, wenn man das Kind ins Zentrum setzt, gewinnt man Zeit, obwohl man anfänglich Zeit verliert.

Jetzt sind Sie mit dem Fanconi-Preis auf dem Höhepunkt Ihrer ­beruflichen Karriere angekommen. Wie sehen Sie Ihre Zukunft?

Ich bin jetzt 61 Jahre alt, und mich überkommt Melancholie, wenn ich daran denke, dass ich einmal aufhören muss. Ich bin jetzt auf dem Höhepunkt meiner Karriere, es stimmt einfach alles.

www.kispi.uzh.ch/familienbande elternberatung.projuventute.ch

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