Gezielte Lügen oder ein Teil der Wahrheit?

Ein Undercover-Journalist hat schwere Vorwürfe gegen den Al-Hidaya-Verein in Zürich erhoben. Der Imam bezieht nun erstmals Stellung.

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Das unscheinbare Backsteingebäude an der Hafnerstrasse steht etwas verloren in der Gegend. Doch wenn Imam Mohammed Hakimi kurz vor 13.30 Uhr die Tür öffnet, strömen die Leute in Scharen herbei: Junge und Alte, Anzugträger und Arbeiter im «Übergewändli» – nur Männer, rund 300 an der Zahl. DHL, Candrian oder SBB steht auf ihren Arbeits­jacken. Der Koran schreibt vor, dass für die Dauer des Freitaggebets der Handel ­ruhen soll. «Respektiert die Werte und Gesetze im Land, das euch aufgenommen hat», predigt der gebürtige Marokkaner Hakimi, der selbst vor 17 Jahren in die Schweiz kam. Seine Rede im Vereinslokal des Forums des Orients in der Schweiz (Forient) handelt von Toleranz, gegenseitigem Respekt und dem inter­religiösen Frieden als wichtiges Gut.

Der deutsche Journalist Shams Ul-Haq mit pakistanischen Wurzeln verkehrte im letzten Sommer verdeckt in Schweizer Moscheen: «Ich habe während vier Monaten recherchiert, Kontakte geknüpft und den Moscheen Geld gespendet, um ihr Vertrauen zu gewinnen», sagt Ul-Haq. Im Fokus stand die An’Nur-Moschee in Winterthur. Doch auch in der Forient-Moschee, im Bericht nach dem früheren Namen Al-Hidaya benannt, würden teils gefährliche Botschaften verbreitet, wie der freischaffende Journalist in der «SonntagsZeitung» vor einer Woche schrieb. Radikale Prediger, untergetauchte Flüchtlinge, die im Vereinslokal übernachten, mangelhafte Integrationsförderung oder Hehlerei – die Vorwürfe wiegen schwer.

Der TA konfrontierte Hakimi nach dem Freitagsgebet: «In der Reportage werden gezielt Lügen verbreitet», sagt der Imam. So habe der Verein beispielsweise nie Gast-Imame aus Somalia verpflichtet, wie dies in der Reportage dargestellt wurde. «Schon gar keine Prediger, die radikale Botschaften verbreiten.» Gast-Imame kämen nur zum Einsatz, wenn Hakimi krank oder in den Ferien sei. Die Inhalte ihrer Reden würden zuvor von den Vereinsverantwortlichen auf heikle Stellen überprüft. «Wir sind eine Moschee der Mitte und predigen einen gemässigten Islam», sagt Hakimi.

Keine Gesinnungsprüfung

Das Forient versteht sich als offenen Verein. Jeder sei in der Moschee willkommen, egal welcher Religion die Person angehöre. «Wir führen am Eingang keine Gesinnungsprüfung durch», sagt Hakimi. So könne nicht ausgeschlossen werden, dass vereinzelt Menschen mit radikaler Gesinnung ins Lokal gelangten. «Ihre Lehren dürfen sie bei uns aber nicht verbreiten.» Falls jemand durch radikale Ansichten auffalle, suche man den Dialog. In schwerwiegenden Fällen würden die Behörden alarmiert.

Die Stadtpolizei Zürich bestätigt, dass sie im Austausch mit dem Forient steht. Seit gut einem Jahr werden sogenannte Brückenbauer in die Moschee geschickt, die zwischen Institution und Behörde vermitteln sollen. Gemäss Mediensprecher Marco Cortesi würden die in der «SonntagsZeitung» erhobenen Anschuldigungen zur Kenntnis genommen und geprüft. Dabei werde eng mit dem Nachrichtendienst zusammengearbeitet.

So dürfte auch kontrolliert werden, ob das Vereinslokal als illegale Herberge dient, wie Ul-Haq schrieb: «Ich traf zahlreiche untergetauchte Flüchtlinge, die hier lebten und sich über die langen Asylverfahren beklagten (...).» Gemäss Hakimi ist das Übernachten in der Unterkunft ausdrücklich verboten. Allerdings könne das Gebäude nicht während 24 Stunden überwacht werden. «Ich schliesse nicht aus, dass schon Leute auf dem Gelände übernachtet haben.»

Der Imam bestätigt, dass im Vereinslokal bisweilen Produkte wie Parfüme, Wecker oder Gebetsteppiche verkauft würden. Ul-Haq schrieb von illegalen Geschäften, von Hehlerware. «Wir betreiben keinen illegalen Handel. Die Produkte werden lediglich an Vereinsmitglieder verkauft», sagt Hakimi. Der Erlös fliesse dem Verein zu, der damit fünf bis zehn Prozent seines Budgets bestreite.

Sprachunterricht wird geboten

Vehement bestreitet Hakimi den Vorwurf der mangelnden Integrationsförderung. So steht im Handelsregister, dass sich der Verein bei der Bildung sowie «der Prägung der kulturellen und sozialen Identität der Mitglieder» beteilige und gleichzeitig ihre Integration in die schweizerische Gesellschaft vorantreibe. «In den Monaten meiner Recherche habe ich nicht eine einzige Veranstaltung erlebt», schreibt Ul-Haq. Der Imam verweist hingegen auf Projekte und Anlässe, an denen sich der Verein beteiligte. Beispielsweise den Sprachunterricht, der jeden Mittwoch stattfinde, die Beteiligung am Forum für Religionen oder die Zusammenarbeit mit der offenen Jugendarbeit Zürich (OJA). Im Sommer vermittelte Hakimi zudem in der Roten Fabrik. Das Kulturzentrum wurde durch Flüchtlinge und Aktivisten besetzt gehalten. Auch dank der Hilfe des Imams kam es nach einer Woche zur friedlichen Auflösung des Protests.

Kritik ernst nehmen

Giacomo Dallo, der Geschäftsführer der OJA, bestätigt die Zusammenarbeit mit dem Forient. Es sei in den letzten Monaten zu mehreren Treffen mit Hakimi ­gekommen. Dabei habe der Imam etwa interreligiöse Gespräche zwischen christlichen und muslimischen Jugendlichen geleitet. «Er hat auf mich einen sehr offenen Eindruck gemacht», sagt Dallo. Die Vorwürfe des Journalisten hätten ihn erstaunt. Falls sie sich «unerwarteterweise» bestätigten, würde die OJA die Zusammenarbeit abbrechen.

Das Forient prüft nun das weitere Vorgehen. In der Regel nehme der Verein Kritik von aussen ernst. «Auf uns wirkt dies allerdings mehr wie unlauterer Journalismus», sagt Hakimi. Kein einziges Mal habe ihn der Journalist mit den Vorwürfen konfrontiert. Rechtliche Schritte seien für ihn nicht ausgeschlossen. Die Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (Vioz), der auch das Forient angehört, betont, dass bei rechtlichen Verstössen eine Mitgliedschaft sistiert werden könne. Dafür müssten Anschuldigungen aber belegt und zur Anzeige gebracht werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.10.2016, 18:59 Uhr

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