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Er will Zürich ein Geschenk geben – sich selber

Er ist populär, er polarisiert, er will: Was FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger als Stadtrat bringen würde, und was seine Kritiker über ihn sagen.

Der Rastlose: Filippo Leutenegger auf seiner geliebten Vespa.
Der Rastlose: Filippo Leutenegger auf seiner geliebten Vespa.
Sophie Stieger

Zürich – Er sei ein «fröhlicher Choleriker», sagte er schon früher über sich, der es am liebsten hat, wenn andere seine Selbstwahrnehmungen übernehmen. Die Beschreibung stimmt in beiden Teilen, aber nicht zur gleichen Zeit. Wenn Filippo Leutenegger fröhlich zumute ist, an einem Fest zum Beispiel, wenn der Rotwein die Konflikte rundet, wenn er über eine politische Position diskutiert oder von seiner Familie redet, strahlt er italienische Herzlichkeit aus, versprüht Humor und Charme, kann sogar zu Selbstironie fähig sein. Läuft es nicht gut für ihn, fühlt er sich missverstanden oder blossgestellt, verdunstet die Fröhlichkeit sofort, und es steigt heisse Wut in ihm auf, die Heftigkeit eines Verletzten, der in diesem Zustand kaum mehr Kritik gelten lässt und wenig Distanz zu sich selber hat.

Gegen die linke Übermacht

Beide Seiten hat man an ihm erlebt. Diesmal trifft man auf Filippo den Fröhlichen. Bestens gelaunt fährt er einem mit seiner Vespa entgegen, der Missmut scheint verflogen, als er über seine letzte Karrierestufe nicht reden wollte, weil die FDP ihn noch nicht nominiert hatte und die Wahlen im Februar stattfinden.

Wenigstens steht der Ehrgeizige zu seiner Absicht: Filippo Leutenegger möchte Zürcher Stadtpräsident werden. Und weil ihm das kaum gelingen wird in einer so rot-grünen Stadt, will er wenigstens als Stadtrat der Freisinnigen Partei die linke Übermacht nach rechts zurückkorrigieren. «Die parareligiösen Debatten über Velowege und Fotovoltaik gehören versachlicht», sagt er in seiner sanguinischen Art. «Nötig sind unternehmerische Kenntnisse, und davon kann der Stadtrat noch gebrauchen.» Zürich sei eine grossartige Stadt, die er über alles liebe, aber sie könne sich nicht auf die künftigen Einnahmen verlassen. Schon wegen der Kinder müsse man vorausdenken.

Leutenegger ist 60 Jahre alt. Er hat sich «durch Glück und Tüchtigkeit» als Bauunternehmer und Sanierer ein kleines Vermögen erarbeitet. Der fünffache Vater setzt sich mit seiner Frau Michèle für Krippen ein und subventioniert einen Kinderhort im Seefeld, «weil ich ausserschulische Betreuung nicht nur als staatliche, sondern auch als eigene Verantwortung verstehe, die sich Bürger kollektiv teilen sollen».

Er leitet eine Zeitschrift für Hauseigentümer und würde als Stadtrat «gegen zu starke Regulierungen und Einschränkungen im Wohnungsbau» kämpfen, dafür das verdichtete Bauen erleichtern, denn da gebe es viel Potenzial. Er politisiert als Nationalrat und Freisinniger, «weil ich immer für die Freiheit des Bürgers eingetreten bin», auch als er noch ein Grüner war. «Ich habe zum Staat immer ein gesundes Misstrauen gehegt, während die Linken ihn heute vergöttern.»

Ein Macher, ein Patron

«Filippo ist ein Patron», sagt der ehemalige FDP-Parteipräsident Fulvio Pelli über ihn, «schon deshalb sehe ich ihn viel eher in einer Exekutive als im legislativen Korsett eines Parlaments.» Im Nationalrat hat Leutenegger, der sich von Anfang an am rechten Parteirand positionierte, nie eine bestimmende Rolle gespielt. Wie viele Einsteiger aus der Wirtschaft liegt ihm das Unspektakuläre, Kollektive, quälend Langsame der Parlamentsarbeit wenig. «Ich bin ein Macher», sagt er, der lieber führt als ausführt – «ich debattiere, gestalte und entscheide gern.»

Das stimme, hört man von Leuten, die mit ihm zu tun hatten, aber nicht genannt sein wollen. Das Problem sei nicht das fehlende Engagement, sondern die fehlende Ausdauer. Filippo habe nie eine Frage, weil er alles zu wissen glaube. Er reisse Projekte an und zeige sich im besten Scheinwerferlicht, meide aber die Kleinarbeit. Er mache zu viel und das zu wenig sorgfältig.

Einiges habe mit Filippos Temperament zu tun, glaubt Balz Hosang, der ehemalige Chefredaktor des «Beobachters». Der Journalist hat Leutenegger als Kollegen beim Fernsehen schätzen gelernt. Auch als Chefredaktor des Fernsehens habe er ihn mehrheitlich positiv erlebt. Die beiden trafen wieder aufeinander, als Leutenegger, damals CEO bei Jean Frey, seinen ehemaligen Kollegen zum «Beobachter» holte. «Filippo kann gut verwalten und ist ein hervorragender Turnaround-Manager», sagt Hosang, «er kann eine Situation blitzschnell analysieren und dann das Nötige entscheiden und verfügen.» Schwierig werde er, wenn er auf Widerstand stosse. Sein Verschleiss an Kaderleuten beim Verlag sei enorm gewesen, im Konflikt fehle ihm die Kritikfähigkeit, und er sei schwer von einer Idee abzubringen.

Jovial und impulsiv

Im Direktkontakt hat der Chefredaktor den Verleger als «sehr jovial und sehr impulsiv» erlebt – «grossartig im Aufbruch, schwer erträglich beim Abbruch». Am meisten hat ihn beeindruckt, wie konsequent sich Leutenegger vor den «Beobachter» gestellt habe, selbst bei Konflikten im eigenen Haus. «Da war er ganz Journalist. Er verlangte sorgfältige Recherche, hat uns aber dabei nie behindert.» Auch Leutenegger sieht sich als Journalisten im Herz: «Ich möchte wissen, wie es wirklich läuft.»

Dabei ist es dem Kandidaten nicht immer gut gelaufen. Als Moderator der «Arena» wurde er landesweit bekannt, musste sich aber die Kritik gefallen lassen, bei den Debatten die SVP zu bevorzugen. Er stieg zum Chefredaktor des Deutschschweizer Fernsehens auf, verkrachte sich aber mit Peter Schellenberg und sah sich nach drei Jahren zum Abgang genötigt. Die Wahl zum Nationalrat gelang ebenso leicht wie die Wiederwahl, aber als Kandidat für das Zürcher FDP-Präsidium wurde er erst geschlagen und dann geblockt.

«Filippo kann eine Situation blitzschnell analysieren und das Nötige entscheiden», sagt Balz Hosang, ehemaliger «Beobachter»-Chef.

Chancenlos blieb auch seine Kandidatur für die SRG-Direktion, aber das hatte er kommen sehen. «Ich habe schon oft verloren», sagt er, «aber ich habe auch viel erreicht, gerade weil ich meistens bereit bin, etwas zu riskieren.» Welche Niederlage hat ihn am meisten getroffen? Er zögert. «Der Abgang beim Fernsehen.»

Oft gegen die eigene Partei

Und jetzt also die Stadtratskandidatur. Dass die Zürcher FDP einen so erfahrenen und populären Kandidaten ignorieren würde nach dem Debakel, das ihr Marco Camin beschert hat, glaubt in Zürich keiner. Dass die Begeisterung über den Kandidaten dennoch an Grenzen stösst, hat mit Leuteneggers Sololäufen zu tun. Er habe oft gegen die eigene Partei anpolitisiert, hört man beim Zürcher Freisinn. «Ausserdem war er bei uns wenig präsent», ergänzt die freisinnige Gemeinderätin Ursula Uttinger. Alle Befragten gehen davon aus, dass Leutenegger einen feurigen Wahlkampf ums Stadtpräsidium führen wird, niemand zweifelt daran, dass er sicher zum Stadtrat gewählt werden wird.

Viel Arbeit wartet, wenig Glanz

Und dann? Bereits geht die Rede davon, die rot-grüne Mehrheit könnte Leutenegger zum Schulvorstand machen (TA vom Mittwoch). Doch dieses Amt werde gar nicht frei, glaubt FDP-Kantonsrat Urs Lauffer. Er geht davon aus, dass dem Neuen das Tiefbauamt überlassen werde. Dort könne Filippo seine Kontakte zur Baulobby nutzen. Das Departement sei auf das Ausführen ausgerichtet und unglamourös genug, um es einem Bürgerlichen zu überlassen.

Ja, der Glamour – im Stadtrat selten. «Das Amt verlangt Knochenarbeit», sagt Ursula Uttinger; Filippo bringe Engagement mit und analytische Schärfe, «aber er muss noch zeigen, ob er ein wirklicher Schaffer ist». Zürich sei das viertgrösste Gemeinwesen der Schweiz, ergänzt Urs Lauffer, «aber als Stadtrat bleibt man Kommunalpolitiker. Die Grenze ist der Stadtrand.» Gerade darin sieht Lauffer eine Stärke des Kandidaten: «Filippo ist stark in Zürich verankert und der Stadt offensichtlich verbunden», sagt er. «Er kennt die Leute, er kann mit allen reden, und er wird überall verstanden.» Genauso sieht sich auch der Kandidat. Wenn er fröhlich ist, redet er besonders gern. Wird er cholerisch, wird er besonders gut verstanden.

Kann sich so einer einfügen? «Filippo redet oft von Management», sagt der grüne Zürcher Nationalrat Daniel Vischer, «seine Kunst liegt aber vorwiegend in der Selbstinszenierung.» Das wirft die Frage auf, warum sich der Kandidat das antun möchte. In seinem Alter, mit seinem Temperament. «Ich habe dem Land so viel zu verdanken, dass ich mich auch dafür engagieren möchte», sagt der Auslandschweizer, der als Diplomatensohn in Rom aufwuchs. Am Ende des Gesprächs, das er wie ein Boxer absolviert hat, tänzelnd, fintenreich und schlagfertig, spricht er noch vom Opfer, das er für dieses Amt zu geben bereit wäre. Und wir realisieren: Filippo Leutenegger bewirbt sich nicht, er schenkt sich uns. Nicht weil er das Amt braucht, sondern die Stadt ihn. Also sollen wir ihn nicht wählen; wir dürfen.

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