Der grosse Kampf um eine kleine Insel

Krawalle, Skandale und illusorische Ideen: Zürichs Papierwerdinsel und das Globus-Provisorium sorgen seit Jahren für politischen Zündstoff. Die Geschichte in sechs Kapiteln.

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Das Papierwerdareal umfasst gerade mal eine Fläche von 30 mal 80 Metern und trotzdem sorgt es seit bald 60 Jahren für politischen und gesellschaftlichen Zündstoff. Kein Wunder, ist es doch mit seiner Lage im Zentrum Zürichs unmittelbar neben dem Hauptbahnhof sozusagen ein Filetstück der Stadt.

Auch das neuste Projekt für das Landstück an der Limmat, das der Zürcher Stadtrat am Donnerstag präsentierte, sorgt wieder für Wirbel und reiht sich damit nahtlos ein in die Turbulenzen der Vergangenheit.

Kapitel 1: Der erste Skandal

Die Geschichte des heutigen Papierwerdareals hat schon mit einem kleinen Skandal begonnen. Mitte des letzten Jahrhunderts floss dort, wo sich heute das Bahnhofquai mit der Strassenunterführung befindet, noch ein Seitenarm der Limmat an dem Landstück vorbei – Werd ist die Bezeichnung für Flussinseln. Den Namen Papierwerd erhielt die Insel, weil sich während Jahrhunderten Papiermühlen darauf befanden.

Eine der Brücken, über die man zur Insel gelangen konnte, nannten die Stadtzürcher das «Gedeckte Brüggli». Sie war so beliebt, dass man ihr sogar ein Lied widmete. Sie galt sogar als inoffizielles Wahrzeichen der Stadt. Die Empörung der Bevölkerung über den skandalösen Abbruch der Holzbrücke im Jahr 1950 war so gross, dass die Stadtregierung das Bauwerk schliesslich Stück für Stück abbauen und einlagern liess, damit man es dereinst an einem anderen Ort wieder hätte aufbauen können. Daraus wurde allerdings nichts: Wie sich herausstellte, waren die Balken allesamt von Holzwürmern zerfressen.

Kapitel 2: Die Papierwerd und der Globus

Auch auf der Insel selbst blieb kein Stein auf dem anderen. So wurde auch das erste Globus-Warenhaus auf dem Papierwerdareal, der 1882 erbaute «Bazar ohne Grenzen», Mitte des letzten Jahrhunderts dem Erdboden gleichgemacht. Dabei hatte Globus auf dem Landstück Grosses vor. Noch 1912 führte das Unternehmen einen Wettbewerb für einen Wahrenhausneubau durch. Doch die Planung zog sich hin und schliesslich präsentierte die Stadt 1935 ihr Projekt, den Limmatarm bei der Papierwerdinsel trockenzulegen und zur heutigen Strassenunterführung umzubauen. 1948 stimmte das Volk dem Vorhaben zu.

Abgespeckte Variante: Dieses Provisorium nach Plänen Egenders wurde schliesslich 1960 errichtet (Modell von 1957).

Während der Bauzeit auf der Papierwerdinsel durfte Globus im Linthescher-Schulhaus am Löwenplatz ein Provisorium einrichten. Seine Pläne für die Insel hat das Unternehmen aber noch nicht begraben und reichte ein Neubauprojekt des Architekten Karl Egender ein. Auch daraus wurde nichts: 1951 sagte das Volk Ja zur Motion «Freie Limmat», die einen unverbauten Blick auf die Limmat forderte – das vertrug sich schlecht mit dem fünfgeschossigen Egender-Neubau, der auf dem Areal hätte entstehen sollen.

Globus tritt schliesslich nach zähen Verhandlungen das Papierwerdareal an die Stadt ab und erhält im Gegenzug definitiv das Linthescher-Grundstück, seinen heutigen Standort. Karl Egender, von dem übrigens auch das Hallenstadion oder das Museum für Gestaltung stammt, darf trotzdem auf der Papierwerdinsel bauen: Er errichtet 1960 ein Provisorium, in das Globus bis zur Fertigstellung seines Neubaus am Löwenplatz einzieht. Eigentlich hätte der Bau 1967 mit dem Wegzug des Unternehmens abgerissen werden sollen. Bis heute ist ungewiss, ob dies je geschehen wird.

Kapitel 3: Kampfplatz der Jugendunruhen

Im Herbst 1967 stand das Globus-Provisorium leer. Ein Freiraum dieser Grösse an solch zentraler Lage? Ideal für ein autonomes Jugendzentrum! So zumindest sahen es damals die Jugendlichen. Politisch erhielten sie unter anderem vom damaligen EVP-Gemeinderat Otto Baumann Unterstützung, der im Mai 1968 in einer Motion eine Zwischennutzung des Provisoriums durch die Jugendlichen forderte. 30 Gemeinderäte aus verschiedenen politischen Lagern unterzeichneten den Vorstoss. Unter ihnen auch Robert Bürgisser und Paul Früh, die ihrerseits anregten, das Central in «Platz der Jugend» umzubenennen.

Versammlung im Globus-Provisorium um 1968: Die Jugendlichen fordern ein Jugendzentrum. (Bild: ETH-Bibliothek)

Im Juni 1968 fand die erste Vollversammlung der Jugendlichen im Globus-Provisorium statt, eine symbolische Besetzung des Gebäudes. In der Nacht zum 16. Juni gründeten sie dort das «Provisorische Aktionskomitee für ein autonomes Jugendzentrum» und forderten den Stadtrat ultimativ auf, bis zum 1. Juli 1968 eine Räumlichkeit für die Jugendlichen im Stadtzentrum zu schaffen. Doch die Stadt war nicht gewillt, auf die Forderungen einzugehen.


Der Globus-Krawall:

Rückblick auf die Unruhen: So wurde 1968 berichtet (Video: Youtube)


Als Reaktion darauf riefen die Jugendlichen für den Abend des 29. Juni 1968 zu einer Demonstration gegen den Entscheid der Stadt auf. Die Ereignisse jener Nacht gingen unter dem Namen Globus-Krawall in die Geschichte ein und gelten als Auftakt der Schweizer 68er-Bewegung. Die Polizei griff rigoros durch, die Situation eskalierte, die Kämpfe zwischen Gruppen von Demonstranten und den Polizeikräften zogen sich bis in die Morgenstunden des 30. Juni hin. Die Bilanz jener Nacht: 19 verletzte Demonstranten, 15 verletzte Polizisten, 7 verletzte Feuerwehrleute. 169 Personen wurden festgenommen – 55 von ihnen waren jünger als 20 Jahre.

Kapitel 4: Das Globus-Provisorium und der Coop

Den Kampf um das Globus-Provisorium hat auf gewisse Weise die Stadtpolizei gewonnen: Anders als die Jugendlichen darf sie seit 1968 einen Teil des Gebäudes nutzen. Zur gleichen Zeit zieht auch der Lebensmittelverein Zürich (LVZ) – der heutige Coop – im Provisorium ein. Die Obergeschosse des Gebäudes nutzte damals noch die ETH als Zeichensäle für die Architekturabteilung bis zur Fertigstellung der Gebäude auf dem Hönggerberg. Nach dem Auszug der ETH nutzte der LVZ während mehrerer Jahre das gesamte Gebäude als Warenhaus.

Noch heute zieht der Coop im Globus-Provisorium über 6000 Kundinnen und Kunden pro Tag an. Es ist damit eine der meistfrequentierten Filialen des Unternehmens. 2009 renovierte Coop das Gebäude für sechs Millionen Franken. Kein Wunder also, hat der Detailhändler seinen Mietvertrag mit der Stadt, der Ende 2015 ausgelaufen wäre, bis zum 31. Dezember 2019 verlängert.

Auch in ferner Zukunft hätte es auf der Papierwerdinsel für den Coop Platz – sofern die Stadt ihre Pläne für die Neugestaltung umsetzen kann. Dann allerdings müsste die Verkaufsfläche in den Untergrund verschwinden, denn die Stadt will das Provisorium abreissen.

Kapitel 5: Visionen für die Insel

Gestern Donnerstag, 1. Februar 2018, präsentierte der Zürcher Stadtrat sein Projekt für die Neugestaltung des Papierwerdareals: Anstelle des Globus-Provisoriums soll ein parkähnlicher Freiraum samt Pavillon entstehen, die heutige Autounterführung beim Bahnhofquai soll bis zur Urania-Wache verlängert werden.

Es ist das jüngste Projekt in einer schier endlosen Reihe von Vorschlägen und Ideen für das Landstück an bester Lage. Die Papierwerdinsel regt immer wieder zu Fantasien an. Der Landesring schlug Anfang der 90er-Jahre den Bau eines 100-Meter-Hochhauses vor, die SP wollte auf dem Areal ein Rathaus errichten, es geistern Ideen für ein Kongresszentrum oder eine Erweiterung des Landesmuseums herum.

1989 stand der Vorschlag eines «Hauses am Fluss» zur Diskussion, einem öffentlichen Begegnungsort, wo über Vergangenheit und Zukunft von Arbeit und Zusammenleben in der Stadt informiert und nachgedacht werden sollte. Ein Jahr später wurde daraus die Idee des «Stadtlabors» entwickelt, einem Begegnungszentrum für die Bevölkerung. Projekte wurden allerdings nie ausgearbeitet.

Eine der konkretesten Ideen für das Areal ist jene des Verbands Kreativwirtschaft Schweiz. Er schlug 2015 vor, im Globus-Provisorium eine Zukunftswerkstatt einzurichten mit Arbeitsplätzen für junge Kreative im Obergeschoss, einer Ausstellungshalle im Erdgeschoss und Urban Gardening auf dem Dach. Selbst der Coop hätte noch Platz gefunden: im Untergeschoss des Gebäudes.

Kapitel 6: Bleibt das Provisorium?

Entscheidend für die neue Nutzung der Papierwerd wird sein, ob Egenders Globus-Provisorium abgerissen werden kann oder nicht. Der Heimatschutz setzt sich für den Erhalt des Baus ein und lobt ihn als eines der besten Werke des Zürcher Architekten, der «mit leichter Hand hingezaubert» wie ein Schiff in der Limmat ankere.

Die Stadt hat vor einigen Jahren sogar selbst erwogen, den Bau ins Inventar der Schutzobjekte von kommunaler Bedeutung aufzunehmen. Vielleicht lässt die Stadt Egenders Provisorium wie damals das Gedeckte Brüggli Stück für Stück einlagern und baut es an einer anderen Stelle wieder auf. Am Wurmbefall würde dieses Vorhaben jedenfalls für einmal nicht scheitern: Das Provisorium ist aus Stahl und Durisol gebaut. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.02.2018, 14:38 Uhr

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