«Liebe Trinker in den Strassen, es reicht»

Die Scherben auf Zürichs Velowegen nerven. Vor allem eine Gruppe von Feierfreudigen verhält sich daneben – und verärgert nicht nur Radfahrer. Ein offener Brief

Augen auf im Strassenverkehr: Bierscherben sind in Zürich keine Seltenheit. Foto: Urs Jaudas

Augen auf im Strassenverkehr: Bierscherben sind in Zürich keine Seltenheit. Foto: Urs Jaudas

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«Liebe Biertrinker in den Strassen von Zürich, es reicht! Wegen euch waren meine Velopneus dieses Jahr ein halbes Dutzend Mal platt. So oft wie nie zuvor. Luft raus, Velo fahruntüchtig. Fertig lustig. Immer war der Grund dafür eine Scherbe, die irgendwo in der Stadt auf einem Fahrradstreifen lag und meinen Pneu durchstochen hat – nur weil eine Bierflasche in die Brüche gegangen war. Das ist mehr als ein Ärgernis. Das ist ein Frust. Oder ganz salopp: Das ist eine Sauerei.

Selbstverständlich, liebe Hopfensüffel, seid daran nicht nur ihr alleine schuld. Angesprochen fühlen müssen sich zum Beispiel auch diejenigen, die Wodka und Ähnliches aus der Flasche konsumieren und diese dann unbedarft irgendwo stehen lassen oder hinknallen. Aber sehr oft, ich muss es offen sagen, beginnt das Übel grün, sprich mit euch. Bin ich vom Verkehr nicht zu stark abgelenkt, sehe ich die kleinen Teile jeweils schon aus der Distanz auf dem Asphalt blitzen. Sofort meldet sich der Warn­reflex: Achtung, Scherben! Natürlich weiche ich aus, was mir in den meisten Fällen auch gelingt. Manchmal aber auch nicht, weil ich dann riskieren würde, wegen eines solchen Ausweichmanövers in Gefahr zu geraten.

Und meist, ihr wisst es selber, denn auch euch ist in den eigenen vier Wänden bestimmt schon Glas in die Brüche gegangen, liegen die kleinsten und gleichzeitig fiesesten Splitter weit um den Scherbenhaufen herum verstreut. Auch wenn ihr alles für sauber aufgewischt haltet, findet ihr noch Tage später irgendwo auf dem Boden eines der kantigen Teilchen. Deshalb lässt wohl keiner von euch zu Hause die Bierflaschen stehen und kümmert sich nicht darum, wenn sie zu Boden fallen. Dort räumt ihr euren Dreck also auf.

Warum nur handelt ihr dann in aller Öffentlichkeit so, verdammt noch mal? Dass ihr draussen auf dem Trottoir Bier trinkt, das kann ich verstehen. Vor der Bar ist es ruhiger als drinnen, die Luft ist besser. Gerade, wenn man nicht die erste grüne Flasche in der Hand hält, ist man um die kühle, abendliche Brise froh. Vielleicht raucht ihr gern eine Zigarette zum Bier. Doch sobald das Gesöff in eurer Flasche alle ist, geht sie euch nichts mehr an. Ihr übergebt sie dem Boden, wie die Kippe auch. Dass ihr die Flasche ab dem Moment vergesst, nehm ich euch nicht ab, ist doch das Bierflaschen-Halten eure abendliche Haupt­beschäftigung.

Gegen den Gruppendruck

Auch aus Faulheit handelt ihr nicht so, denn ihr habt ja noch genug Kraft, um an der Theke eine neue zu holen. Warum tragt ihr die alte nicht gleichzeitig hinein? Das geht in einem Zug. Klar, der Kollege tut es auch nicht, und deshalb ist der Druck gross, gruppenkonform zu agieren. Aber hey, als Bierflaschen-Zurückbringer hat keiner verloren. Kommt hinzu: Beginnt einer mit dem Zurückbringen, tun es plötzlich alle, so, wie einst einer angefangen hat, die Flasche vor der Bar oder auf dem Weg zur nächsten irgendwo hinzustellen. Profiliert euch doch als Alphatiere, ihr wollt doch sonst auch immer besser als andere sein.

Nun gut, vielleicht seid ihr ja mit der Bierflasche unterwegs und würdet sie eigentlich gern vorbildlich beim Glas entsorgen. Das passt ja schön ins Bild von ­Urban Gardening, Bioabfall trennen und Grüne wählen. So, wie es in Zürich ja gerade hip ist. Doch, ich weiss, liebe potenziell um die Umwelt Bemühte, beim Glasentsorgen wird euer guter Wille jäh ­gebremst. Diesbezüglich bewegt sich ­Zürich, abgesehen vom Hauptbahnhof, nämlich im Steinzeitalter: Abfallkübel mit getrennter Entsorgung von Glas, PET und anderem Abfall – etwas, das selbst im Schwellenland Costa Rica an jeder Ecke normal ist – sind in Zürich Mangelware.

Doch es gibt auch dann keinen Grund, die Flasche in diesem Moment quasi aus einem Trennzwang heraus nicht in den Mülleimer zu werfen, sondern sie danebenzustellen und ihrem Schicksal zu überlassen. Endet euer Bewusstsein für die Umwelt, für die Gesellschaft um euch, wenn es zu unbequem wird? Wenn keiner mehr hinsieht? Sind wir mit unserer arbeitsteiligen Gesellschaft schon so weit? Ihr denkt wohl, ein anderer entsorgt den Müll. Wahrscheinlich wurde euch Schwachstromtrinkern schon bisher immer alles aus dem Weg geräumt, ohne Konsequenz.

Immenser Mehraufwand

Aber ich sage euch: Es hat Konsequenzen. Die Angestellten der städtischen Entsorgung haben Mehraufwand. Zusätzlich zu jenem, den sie ohnehin schon haben. Allein nach der diesjährigen Street-Parade mussten sie 129 Tonnen Müll wegräumen. Ein Angestellter muss die Scherben vom Trottoir auf den Fahrradstreifen wischen, damit das Putzauto diese später einsaugen kann. Jeden Tag. Vielleicht aber stolpert auch jemand, verletzt sich an den Scherben, muss verarztet werden . . . Und dann eben all die platten Reifen. Die Zeit, die man mit dem Flicken verschwendet . . .

Mal ehrlich: Fahrt ihr denn nicht auch Velo, vielleicht sogar dann, wenn ihr vor lauter Biertrinken das letzte Tram verpasst habt? Und flucht ihr, wenn der Pneu platt ist? Eben. Deshalb. Seid herzlich daran erinnert. Eure Velokollegin.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.11.2015, 09:11 Uhr

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