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Die Krise vereint Zürichs Kurden

Die Kämpfe im Norden des Irak und in Syrien betreffen auch die Kurden in der Schweiz. Viele fühlen sich alleingelassen – und rücken zusammen.

Die Kurden demonstrieren derzeit in vielen Städten der Schweiz. In Basel (Bild) gingen 5000 auf die Strasse, in Zürich mehrere Hundert. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)
Die Kurden demonstrieren derzeit in vielen Städten der Schweiz. In Basel (Bild) gingen 5000 auf die Strasse, in Zürich mehrere Hundert. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

So also tönt Ohnmacht. Yusuf Yesilöz spricht mit gedämpfter Stimme, ohne auch nur eine Spur Entrüstung oder Wut, über das, was im Norden des Irak, in Syrien, im türkischen Grenz­gebiet mit seinem Volk passiert. Die Kurden, sagt der Winterthurer Schriftsteller, lebten derzeit einen Albtraum. In den Kriegsgebieten: Zivilisten sind der Grausamkeit der IS-Rebellen praktisch ungeschützt ausgeliefert. In Zürich, in der Schweiz, in Europa: In der Angst vor ständig neuen Gräueltaten am kurdischen Volk.

«Was die Milizen des Islamischen Staats den jesidisch-­kurdischen Frauen angetan haben, das ist eine Demütigung, das übersteigt alle Vorstellungen», sagt Yesilöz. Und die Geschichte hat die Kurden einiges an Vorstellungsvermögen gelehrt, was Leiden anbelangt. Oder wie es die Basler SP-Politikerin Edibe Gölgeli in einem Gespräch in der Radiosendung «Echo der Zeit» auf SRF 1 ausdrückte: Die Kurden stehen im Fokus, und das ­erneut wegen einer Tragödie.

Grenzen werden nebensächlich

Mehr Waffen und eine bessere Ausbildung für die kurdischen Kämpfer. Mehr militärische Unterstützung für die Kurden. Mehr Unterstützung auf politischer Ebene. Mehr Druck auf die Regierung in Ankara. Das sind die Forderungen der Kurden. Dafür gehen sie auf die Strasse, dafür protestieren sie derzeit auch in ­Zürich vor der Kirche St. Jakob am Stauffacher. Das Camp auf der Rathausbrücke ­hatten die Kurden zuvor auf Druck der umliegenden Geschäfte geräumt. An einer Demonstration gegen den Islamischen Staat nahmen in Zürich mehrere Hundert Kurden und Sympathisanten teil, in Basel waren es rund 5000 Demonstranten.

Der Konflikt in der Heimat eint die Kurden, lässt sie über politische, ideologische, gesellschaftliche, religiöse und nationale Grenzen hinweg zusammenrücken. Man verfolgt die Situation in den Krisengebieten in der Presse und über die sozialen Medien. Man informiert sich über Kurden, die mit ihren Angehörigen in den Krisengebieten in Kontakt stehen.

Trauer, Sorge, Angst

Wie viele Kurden in Zürich leben, ist schwierig zu schätzen, weil sie keinen eigenen Staat haben und Ethnien in Statistiken nicht erfasst werden. Yusuf Yesilöz schätzt, dass von den 120 000 in der Schweiz lebenden Menschen aus der Türkei knapp die Hälfte Kurden sind. Hinzu kommen 10 000 bis 15 000 Kurden aus dem Irak, aus Syrien und dem Iran. Sie sind in vielerlei Hinsicht ein ­heterogenes Volk: Sie kommen aus verschiedenen Staaten, sie gehören verschiedenen Religionen an, sie sind in allen Bevölkerungsschichten vertreten. Unter den Kurden finden sich Flüchtlinge ebenso wie Schweizer mit kurdischen Wurzeln.

Wer mit Kurdinnen und Kurden spricht, erhält Antworten, die sich sehr ähnlich sind. Sie beschreiben ein Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit, von Trauer, Sorge und Angst. Zudem fühlen sich die Kurden im Stich gelassen und benutzt; sie sprechen davon, dass ihr Volk dem Kalkül der Grossmächte geopfert werde. Die Historikerin Elife Biçer-Deveci nennt es Zynismus: Dass die internationale Staatengemeinschaft und die türkische Regierung für die eigenen Interessen einen Massenmord an der zivilen Bevölkerung hinnehmen würden, sei schlicht und einfach grausam.

«Grundsätzlich ist die kurdische Gemeinschaft ja politisch gespalten», sagt etwa Apo Koyuncu, Jurist und Unternehmensberater, der in Zürich lebt und ­arbeitet. Nun aber herrsche Einigkeit: «Aus Sicht vieler Kurden wird ihr Volk durch Terroristen bedroht und vom Westen im Stich gelassen.» An den Demonstrationen werde die Solidarität unter den Kurden sichtbar; laut Koyuncu gehen nun «sogar apolitische Leute auf die Strasse». Zudem organisieren Kurden derzeit sehr stark Selbsthilfe: Private sammeln Geld oder Hilfsgüter, die sie zum Beispiel in die Flüchtlingslager an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei bringen.

«Wir sind enttäuscht vom Westen», sagt Koyuncu. «Wir erwarten mehr.» Vor allem mehr Druck auf die türkische ­Regierung. Sie soll einen humanitären Korridor ermöglichen, kampfwilligen Flüchtlingen die Rückkehr in ihr Land ermöglichen und ihre Militärflugplätze der westlichen Allianz zur Verfügung stellen. Hier sähen die Kurden auch die Schweiz gerne aktiv: Sie soll auf politischer und diplomatischer Ebene Druck aufbauen.

Apo Koyuncu hält es durchaus für möglich, dass einzelne Kurden aus der Schweiz in Richtung des Konfliktgebiets aufbrechen, mit der Absicht, dort zu kämpfen. Bereits in der Vergangenheit hätten sich einige dem bewaffneten Widerstand angeschlossen.

Das bestimmende Thema

In der Diaspora sei eine diffuse Angst zu spüren, sagen mehrere Kurden, die ­ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchten. Die Krise sei das bestimmende Thema. Ein Teil der kurdischen Gemeinschaft fühle sich sogar bedroht – auch wenn es hier keine Zusammenstösse zwischen Kurden und IS-Sympathisanten gibt wie in Deutschland. «Noch nicht», befürchtet ein Kurde.

Vor allem die Angriffe auf Kobane sowie die Übergriffe auf Frauen haben bei vielen Kurdinnen und Kurden grosse Betroffenheit ausgelöst. «Es passieren derzeit Sachen, die erschüttern alle», fasst Yusuf Yesilöz zusammen. «Also engagieren wir uns, versuchen, uns Gehör zu verschaffen, machen auf die Situation der Kurden aufmerksam. Was sonst bleibt uns übrig?»

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