Die Asyl-Geschäfte einer Masseurin

Eine Chinesin verdiente mit der Untervermietung von winzigen Zimmern an Flüchtlinge gutes Geld. Den elf Eritreern droht jetzt der Rauswurf, weil ihre Vermieterin Nebenkosten nicht bezahlt hat.

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Anita Merkt@tagesanzeiger

Gemietet hat Frau Chang (Name geändert) die 168-Quadratmeter-Wohnung an der Badenerstrasse in Altstetten, um dort mit einer Kollegin chinesische Massagen anzubieten. Doch dann merkte sie schnell, dass sie mehr Geld verdient, wenn sie einzelne Zimmer der Wohnung untervermietet. An Computerspezialisten oder Handwerker, die für kurze Zeit in Zürich sind und eine günstige Bleibe suchen. Die Verwaltung hatte nichts dagegen. In einem Schreiben vom Oktober 2010 beschied sie Frau Chang: «Die Fortführung der Zimmervermietung können wir Ihnen auf Zusehen hin weiterhin gestatten.» Voraussetzung sei allerdings, «dass wir keine Beschwerden etwelcher Art oder Kenntnis einer Verlagerung des Tätigkeitsbereiches erhalten».

Die Sozialbehörde zahlt

Das Geschäft mit den untervermieteten Zimmern lief gut. Frau Chang nahm den Ausbau dieser Geschäftssparte ins Visier und fragte bei der Verwaltung an, ob sie zusätzlich eine «Miniküche» einbauen könne. Dafür seien Fragen der Wasserzuführung und des Abwasseranschlusses zu klären, antwortete die Verwaltung. Und dass man allenfalls «die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes vereinbaren müsste».

Das Geschäft mit der Untervermietung einzelner Zimmer begann zu florieren, als Frau Chang in den Mini-Appartements die ersten Flüchtlinge einquartierte: Sie musste keine Anzeigen mehr schalten, um Gäste auf ihr Angebot aufmerksam zu machen, die Appartements nicht mehr bei jedem Auszug reinigen, keine neuen Mieter mehr einweisen, keine neuen Verträge mehr unterschreiben lassen.

Die Sozialbehörde/Asylorganisation Zürich (AOZ) zahlte für die Unterbringung eines Klienten damals noch 1100 Franken pro Monat. Frau Chang hatte ihr Vermietungsgeschäft auf 8 Zimmer ausgebaut und das Massieren aufgegeben. Doch im Jahr 2013 änderte die Sozialbehörde die Vorgaben für den maximalen Mietzins, der von den Sozialen Diensten übernommen werden darf.

Seit Herbst 2013 bezahlt die Sozialbehörde für Flüchtlinge und andere Sozialhilfeempfänger nur noch maximal 900 Franken monatlich, wenn das Zimmer nicht über eine eigene Dusche und Toilette verfügt. Mit dieser Massnahme wollte das Sozialdepartement verhindern, dass sich private Vermieter auf Kosten der öffentlichen Hand bereichern, indem sie Sozialhilfeempfängern noch für das kleinste Kabuff 1100 Franken abknöpfen. Frau Chang erhielt einen persönlichen Brief von der Sozialbehörde, der sie auf diese Änderung hinwies.

Wie die rund 50-jährige Geschäftsfrau dem TA erklärt, zwang sie das neue Regime zum Handeln. In zwei der grösseren Zimmer liess sie eine Trennwand einziehen. Danach konnte sie jedes der nunmehr knapp 9 Quadratmeter grossen Zimmer für 900 Franken vermieten. (Unter-)Mieter zu finden, die diese Bedingungen akzeptieren, war inzwischen kein Problem mehr.

Elf Menschen auf 160 m²

Der erste Flüchtling, der an die Badenerstrasse zog, brachte schon bald einen Kollegen mit. Es sprach sich herum, dass Frau Chang auch an Eritreer vermietet, dass die Zimmer zwar klein sind, aber sauber. Die AOZ scheint froh zu sein, wenn ihre Klienten auf dem angespannten Zürcher Wohnungsmarkt überhaupt eine Unterkunft finden, und überweist die Miete anstandslos.

Zurzeit leben in der durchdacht unterteilten 160-Quadratmeter-Wohnung elf eritreische Flüchtlinge in rund 9 Quadratmeter grossen Zimmern. Sie teilen sich eine Toilette und eine Dusche, der Durchgang zur kleinen Gemeinschaftsküche ist einen halben Meter breit. Den Vorwurf, aus der prekären Lage der Flüchtlinge Profit zu schlagen, weist Frau Chang entschieden zurück. Zwar zahle sie für die Wohnung knapp 4000 Franken an die Verwaltung. Doch die Rechnung «11 mal 900 Franken gleich 10 000 Franken Mieteinkünfte pro Monat und somit 6000 Franken Profit» sei zu einfach.

«Ich habe viel investiert»

«Ich habe viel investiert», sagt Frau Chang. Das Einziehen der Trennwände aus solidem Holz habe sie 50 000 Franken gekostet. Ausserdem habe sie Kühlschränke gekauft und Betten mit Matratzen. In der Küche stelle sie Pfannen und Geschirr zur Verfügung, sie müsse putzen lassen und habe mit der Verwaltung ihres «Anstatt Hotel» viel Arbeit. Wenn jemand mit der Miete im Rückstand sei, müsse sie den säumigen Zahler mahnen.

Einmal habe sie einem Untermieter kündigen und ihn herausklagen müssen. Dem TA zeigt Chang Unterlagen der Sozialversicherungsanstalt SVA, bei der sie mit ihrem Vermietungsgeschäft als Selbstständige gemeldet ist und auf ihre Einkünfte AHV-Beiträge bezahlt. Auch Steuern bezahle sie und Beiträge in die 3. Säule. Dazu kommen nach Angaben von Chang viele weitere Ausgaben, zum Beispiel für Werbung, wenn sie neue Mieter suche, oder für die Beseitigung von Schimmel. «Allein die Reparatur der Waschmaschine hat 120 Franken gekostet», sagt Chang. «Die Flüchtlinge passen nicht auf.» Auf Zetteln im Gang ermahnt sie ihre Untermieter zu Sauberkeit, Ruhe und Ordnung.

Frau Chang schaut aufs Geld. Doch gerade ihre Akribie, wenn es um kleinere Beträge geht, droht jetzt ihr ganzes Geschäftsmodell zu zerstören. Denn das anfängliche Wohlwollen der Verwaltung ist inzwischen dahin. Gegenüber dem TA will diese angesichts laufender rechtlicher Auseinandersetzungen mit Frau Chang keine Stellung nehmen. Die Geschäftsfrau legt dem «Tages-Anzeiger» einen Beleg vor, laut dem der Kaminfeger in einem Jahr dreimal abgerechnet wurde. Das sei doch fragwürdig. Auch wegen der Beseitigung von Schimmel in einigen Zimmern streitet Chang mit der Verwaltung.

Die Auseinandersetzungen mit der Verwaltung um die korrekte Abrechnung von Nebenkosten füllen inzwischen ganze Ordner. Man sah sich bereits bei der Schlichtungsbehörde, beim Mietgericht, beim Bezirksgericht. Es gibt eine Kündigung, eine Mietzinshinterlegung und ein Kündigungsschutzbegehren. Weil eine kleine Nebenkostenzahlung noch immer aussteht, reichte das Anwaltsbüro der Verwaltung beim Bezirksgericht Anfang März die «Ausweisungsklage im summarischen Verfahren» ein.

Rekurs beim Obergericht

Auch die Eritreer erhielten Schreiben. Die Betreuer der AOZ haben ihnen erklärt, dass Frau Chang gekündigt wurde und sie als Untermieter mitgekündigt sind. Rechtlich wehren können sich die Asylsuchenden kaum, für einen Anwalt haben sie kein Geld. Für die Beantragung eines kostenlosen Rechtsbeistands fehlen ihnen die Sprachkennnisse und das Know-how.

Ende April hat die Einzelrichterin am Bezirksgericht Zürich der Vollstreckung der Ausweisung von Frau Chang mitsamt ihren Untermietern stattgegeben und das Stadtammannamt Zürich 9 angewiesen, die Zwangsvollstreckung «auf erstes Verlangen des Klägers» zu vollstrecken. Frau Chang wehrt sich beim Obergericht. Wie alle anderen Schreiben an Schlichtungsbehörde und Gerichte hat sie auch den Rekurs selbst verfasst. Die Antwort steht noch aus.

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