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Der Informant

Peter Lampart ist der Mann, der überall dort auftaucht, wo in Zürich etwas Spannendes geschieht. Alle Presseleute kennen ihn – und doch weiss keiner von ihnen, wer Lampart wirklich ist.

Zürichs buntester Vogel: Peter Lampart auf dem Weg zum Lindenhof, wo er als Bub oft Fussball spielte. Foto: Dominique Meienberg
Zürichs buntester Vogel: Peter Lampart auf dem Weg zum Lindenhof, wo er als Bub oft Fussball spielte. Foto: Dominique Meienberg

Mit dem TGV hatte er Mulhouse bereits hinter sich gelassen, als ihm ein Mitreisender mitteilte, sein Vorhaben sei aussichtslos. Peter Lampart, bekanntester Informant der Zürcher Presse, wollte letzte Woche aus Paris 150 Exemplare des Satiremagazins «Charlie Hebdo» nach Zürich bringen. Das Unternehmen scheiterte kläglich, Lampart kam mit nur einem Exemplar zurück. Dieses hatte ihm, dem selbst ernannten Süssholzraspler und Womanizer, eine hübsche Serviertochter in der französischen Metropole geschenkt. Vor lauter Freude habe er geweint.

Diese Geschichte ist typisch für das 64-jährige Zürcher Stadtoriginal. Kaum ein Anlass, an dem Lampart nicht auftaucht oder schon vor Ort ist, bevor die ersten Presseleute aufmarschieren. Ohne Handy und Computer weiss er stets, wo Geschichten geschrieben werden. Manchmal meldet sich Lampart fast täglich bei einer Zürcher Zeitung.

Das erste Mal kontaktierte er die Klatschkolumnistin Hildegard Schwaninger. Das war 1984. Lampart hatte gerade einen Job als Securitas beim amerikanischen Konsulat und sass im Riesbächli, als der bekannte Immobilienhändler Rüedel Steigrad das Lokal mit seinem Dackel betrat. Beim Dessert soll Steigrad seinen Hund auf den Tisch gehievt und ihm das Rahmkännchen zum Auslecken gereicht haben. «Gaats no!», wies ihn Lampart zurecht. Steigrad habe zurückgebellt: «Gib Ruhe!» Da hat es dem Gerechtigkeitsfanatiker Lampart ausgehängt. Er griff zum Telefonhörer und wählte die Nummer der «Züri­Woche». Schwaninger griff die Story auf, auch wenn es beim Klatsch blieb: «Die Wahrheitsfindung», schrieb sie, «gestaltet sich schwierig, da der Hund jede Aussage verweigert.» Zürich bekam eine muntere Stadtgeschichte, eine jener Schmonzetten, die jedes Medium gerne am Rande platziert.

Hausverbot im Café Regina

Jede Beobachtung trägt Lampart in die Medien: tragen die ersten VBZ-Chauffeure kurze Hosen, erhöht der Flug­hafen die Passagiergebühren oder verlangt das Hallenstadion am Tag der offenen Tür fünf Franken Eintritt. Er meldet alles. Vom Disco-Brand im thailändischen Pattaya, wo er sich seit 30 Jahren «verwöhnen lässt», über verschmutzte Softice-Maschinen bis hin zur Not der Zürcher Hunde, wenn sie nicht mehr in öffentlichen Brunnen baden dürfen.

Und er ist überall, auch bei den Grossen: Im Mai 2013 erschien er bei der GV der UBS als selbst ernannter Kleinst­aktionär und äusserte seinen Unmut mit einer selbst gebastelten Textcollage aus bankkritischen Schlagzeilen. Dem Konzernchef Sergio Ermotti überreichte er einen Zustupf in Form von Zehnräpplern, wie der «Blick» berichtete. Natürlich wäre Lampart nicht Lampart, käme er daher wie jeder andere. Im Café des Hotels Regina im Zürcher Bermudadreieck bekam er Hausverbot, seiner Kleidung wegen: blau-weisse Ringelsocken, orange Weste, Gehstöcke wegen des neuen Hüftgelenks. Am Rücken ein Zettel mit der Aufschrift: «Falls ich umfalle, bringt mich bitte ins Balgrist.»

Lampart kämpft für Zürich und seine Bewohner. Im «Tages-Anzeiger» wurde er zum Helden der Pendler, als er sich bei den VBZ erfolgreich für breitere Durchgänge bei den Baustellen am Stadelhofen einsetzte. Bei Radio 24 und TeleZüri gewann er einen Reporterphone-Preis. Als er in den 80er-Jahren in der ­alten Börse tätig war, fiel mal eine Glasscheibe von der Decke. Lampart rief sofort Dani Wyler im Radio 24 an. «Nicht nur die Börsenkurse fallen vom Dach», führte Wyler ein, «sondern auch Scherben!» Dann schaltete er «live» zu Lampart. Dabei hatte dieser nie Journalismus gelernt. Nach der Realschule wollte er Damencoiffeur werden im Salon Lilli an der Glockengasse. Doch nach einem Jahr sah er ein, dass er nicht zum Haareschneiden taugte und begann eine Verkaufslehre im Zürcher Seefeld, wo er heute eine 1-Zimmer-Wohnung bewohnt. Da habe er viel fürs Leben gelernt: den Nüsslisalat immer feucht zu halten, denn – wie sein Chef sagte – «Wasser ist billiger als Salat».

Mit 22 reiste Lampart für ein halbes Jahr nach Israel in den Kibbuz. Zwei Jahre später heuerte er auf einem 4-Stern-Schiff an. Das Engagement dauerte, bis die Affäre mit einer Passagierin publik wurde und er «einen französischen Abgang» machen musste. Zur Zeit von Schleyer, Arafat & Co. diente er als Grenzpolizist im Flughafen Kloten. Die Stelle bei der Kantonspolizei habe ihm viele Türen geöffnet. Indirekt auch zu seiner «Schauspielkarriere». Lampart hatte Dienst, als Filmer Rolf Lyssy den «Schweizermacher» drehte und einen Statisten suchte. Lamparts Chef sagte: Du siehst gut aus, mach du das. «Ich war der einzige echte Polizist im Film», sagt er heute stolz.

Über 40 Arbeitgeber hat er gehabt. Im Dancing von Hazy Osterwald und im Nachtclub Tabaris war er Türsteher. «Direkt vom Polizistenjob ins Milieu», lacht Lampart. Dort hat er die Männer zum Hinterausgang geschleust, wenn deren Ehefrauen auftauchten. «Ich war ein Milieubub geworden, hatte Gäste mit einem Bleiföhn im Sack.» Im Casino La Boule amtete er als Spielsaalinspektor: «Die 5-Franken-Einsätze wurden nie eingehalten», gibt er zu Protokoll, «ausser die Gewerbepolizei tanzte an.»

Er bewachte die Direktionsfahrzeuge der UBS mit der Pistole, war Tourguide bei der Fifa, Model für Banken und Grossverteiler. Und zeitweise verdiente er «mehr als eine Nutte im Nachtclub». Er war Pöstler, Marktfahrer, und mehr als einmal holte ihn Jelmoli als Marktschreier. «Ein idealer Job für einen Schnurri wie mich», sagt Lampart selbst-erkennend.

Aufgewachsen ist das Stadtoriginal in einfachsten Verhältnissen am Rennweg. Peters Mutter hatte es als Alleinerziehende in den 50er-Jahren nicht leicht. Für 1.45 Franken die Stunde bügelte sie Hemden in der Wäscherei und litt, wenn der kleine Peter in der Krippe den ganzen Tag vor Heimweh weinte.

Doch Peter Lampart blieb immer Optimist. Sein ganzes Leben lang versuchte er, die Dinge von der positiven Seite zu sehen. Als er mit seinem «Charlie Hebdo» zurückkam, stellte er sich kurzerhand aufs Bellevue und lieh jedem ­Interessierten sein Exemplar aus. Einer gab ihm sogar einen Fünfliber dafür.

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