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Blutiger Mord an der Tankstelle

Eine zweifache Mutter wird im August 2008 an einer Tankstelle in Zürich-Seebach mit Messerstichen getötet. Ob ein Mann oder eine Frau die brutale Tat begangen hat, weiss die Polizei bis heute nicht.

Blick auf den Tatort Blick an der Esso-Tankstelle (rechts): Bahnunterführung Seebach stadteinwärts an der Schaffhauserstrasse. (Bild: Dominique Meienberg)
Blick auf den Tatort Blick an der Esso-Tankstelle (rechts): Bahnunterführung Seebach stadteinwärts an der Schaffhauserstrasse. (Bild: Dominique Meienberg)

Yasemin Y. fährt am 20. August 2008 vom Elternabend im Kindergarten ihrer Tochter ins Zürcher Unterland und anschliessend weiter zur Tankstelle an der Schaffhauserstrasse 459 in Zürich-Seebach, direkt bei der Bahnunterführung. Gegen 22 Uhr löst die 28-Jährige dort ihren Schwager im Laden ab. Sie räumt auf und bedient einige Kunden, den letzten kurz vor Mitternacht. Er kauft eine Telefonkarte, verlässt den Shop, kehrt mit einer Cola-Dose zurück und zahlt auch diese.

Wenige Minuten später, um 3 Minuten und 24 Sekunden nach Mitternacht, betritt eine maskierte Person den Tankstellenshop. Sie ist dunkel gekleidet, ihr Gesicht hell maskiert. Sie drückt Yasemin Y. zu Boden und sticht wiederholt auf sie ein. 32 Sekunden später verlässt der Täter oder die Täterin den Laden. Kurz darauf ist die junge Frau tot.

Es fehlte kein Geld in der Kasse

Um 7 Minuten nach Mitternacht geht ein Notruf bei der Polizei ein. Ein stadtauswärts fahrender Autolenker hat noch Licht im Tankstellenshop gesehen und bei der Tankstelle angehalten, um Zigaretten zu kaufen. Er geht zur offenen Tür und entdeckt den leblosen Körper der Frau in einer Blutlache.

Kurz nach der Polizei trifft auch der Ehemann vor Ort ein, bald stossen weitere Angehörige dazu. In der Café-Bar Nik, gleich gegenüber der Tankstelle, betreut ein Team von Polizeipsychologen die Familie der Ermordeten. Die erste These, es handle sich um einen Raubmord, lässt die Polizei bald fallen. Es fehlt kein Geld in der Kasse, und im Laden ist nichts gestohlen worden.

Yasemin Y. wuchs in der Nähe von Ulm in Deutschland auf. Bevor sie 2003 in die Schweiz zog und ihren Mann heiratete, arbeitete die gelernte Krankenschwester für die Spitex. Die 28-Jährige hatte langes, schwarzes Haar und ausdrucksstarke dunkle Augen. Sie kleidete sich modisch, schminkte sich, trug Ohrringe und einen Nasenstecker. Sie sprach Kurdisch, Türkisch und Deutsch. Als sie mit 28 Jahren jäh aus dem Leben gerissen wurde, liess sie ein 2- und ein 4-jähriges Töchterchen zurück.

Billiges Küchenmesser

Am Tag nach dem Mord spürt ein Polizeihund die Tatwaffe am nahen Felsenrainweg bei der Bahnunterführung auf. Ein abgebrochener Griffteil, der am Tatort gelegen hat, passt zum Messer. Es handelt sich um ein gebrauchtes, billiges Küchenmesser ohne Marke oder Aufschrift, mit einer 20,5 Zentimeter langen Klinge. Wahrscheinlich wurde es im asiatischen Raum produziert. Anhand der Videoaufzeichnungen einer Aussenkamera und der Spuren rekonstruiert die Polizei den Fluchtweg des Täters oder der Täterin. Er oder sie war zu Fuss unterwegs, flüchtete hinter den Tanksäulen davon, stadtauswärts.

Die Person ist nach den Videoaufnahmen zwischen 18 und 35 Jahre alt und circa 170 bis 175 Zentimeter gross. Bei der Tat trug sie eine dunkle langärmlige Jacke oder einen Pulli mit hellem Rand am Bund, eine dunkle Hose, eventuell mit hellem Gürtel, eine dunkle Baseballmütze sowie helle Schuhe, wahrscheinlich weisse Turnschuhe. Der Täter oder die Täterin war vermutlich mit einem hellen Tuch oder einem hochgezogenen Rollkragenpullover maskiert.

Nachbarn und Stammkunden der Tankstelle schwärmen von Yasemins Schönheit und beschreiben das Ehepaar Y. als freundlich, aufgestellt und hilfsbereit. Das Paar führte die Tankstelle seit einigen Jahren, auch der Schwager und die Schwägerin halfen mit. Vor der Bluttat wurde die Tankstelle bereits viermal überfallen. Sicherheitshinweise an der Eingangstür sollten wohl weitere Räuber abschrecken: «Die Tankstelle wird mit Video überwacht», «Der Tresor kann nicht geöffnet werden», «Tausendernoten werden nicht angenommen» und «Es ist nur wenig Bargeld vorhanden».

Yasemin Y. pflegte auch nach ihrem Umzug in die Schweiz ein enges Verhältnis zu ihrer Familie in Deutschland. «Hätte Yasemin schwerwiegende Probleme gehabt, ich hätte davon gehört», sagte eine Verwandte. Die Polizei spricht mit Nachbarn, Zeugen, Angestellten, auch mit früheren Bekannten aus Deutschland. Sie alle bezeichnen die Familie des Opfers als intakt, es gibt keine Hinweise auf eine Affäre.

Yasemin sei eine gute Ehefrau und Mutter gewesen. Natürlich hätte das Ehepaar auch mit den üblichen Streitigkeiten zu kämpfen gehabt – mehr aber nicht. Zu Leuten ausserhalb der Familie hatte Yasemin Y. kaum Kontakt – sie hatte keine Freundinnen oder Kolleginnen. In der Tankstelle wechselte die 28-Jährige mit den meisten Kunden einige Worte und war beliebt.

Wie im Blutrausch zugestochen

Die Familie Y. war wohlhabend und lebte in einer Eigentumswohnung im Zürcher Unterland. Der Ehemann hatte in den vergangenen Jahren ein zweites Standbein aufgebaut, das ihn in der Türkenszene bekannt gemacht hat. Er gewährte Landsleuten Darlehen in fünfstelliger Höhe. In den Gesprächen mit der Polizei beklagten sich die rund 100 Darlehensempfänger nicht über den relativ hohen Zinsfuss, vielmehr schätzten sie die Hilfe beim Hauskauf in der Türkei oder bei der Eröffnung des eigenen Kiosks in der Schweiz. Viele der Empfänger lobten den Ehemann als «richtigen» oder «tüchtigen» Geschäftsmann.

Eine weitere These, welche die Kantonspolizei Zürich verfolgt, ist ein möglicher Auftragsmord der PKK. Opfer und Ehemann sind Kurden, und so könnten unterlassene Schutzgeldzahlungen ein Motiv gewesen sein. Doch Nachforschungen in diese Szene erweisen sich als äusserst schwierig und führen die Ermittler nicht weiter.

Eine Frage treibt die Ermittler um: Der Täter oder die Täterin hat wie im Blutrausch zugestochen und die Tatwaffe unweit des Tatorts hingeschmissen. Das lässt auf eine Panikreaktion schliessen und legt eine Affekttat nahe. Doch am Messer sind keine DNA-Spuren zu finden. Weder ältere Spuren unter dem Plastikgriff, die jedes gebrauchte Messer normalerweise aufweist, noch DNA-Spuren von der Tat. Wurde das Messer vorsorglich gründlich gereinigt? Dann war die Tat aber doch mit einem kühleren Kopf geplant worden, als das das riskante Verhalten des Täters oder der Täterin nahelegt. Und wie konnte der Täter oder die Täterin das Messer nach der Tat so schnell und so säuberlich aller Spuren entledigen?

«Er oder sie stach immer wieder zu»

Ein Profiler unterstützt die Polizei. Der Täter oder die Täterin ist ein hohes Risiko eingegangen. Er hat das Opfer nicht abgefangen, als es beispielsweise allein aus dem Auto gestiegen ist, sondern hat es in der Tankstelle aufgesucht, in der wenige Minuten zuvor noch ein Kunde einkaufte und die an einer relativ gut befahrenen Strasse steht. Und der Täter oder die Täterin muss eine grosse Wut im Bauch gehabt haben, denn er oder sie stach immer wieder zu. Der Profiler bringt die These einer Zufallstat ins Spiel und empfiehlt, verhaltensauffällige Quartierbewohner genauer unter die Lupe zu nehmen.

Der psychisch angeschlagene IV-Rentner, der 200 bis 300 Pneus in Seebach aus Frust zerstochen hat, ist einer von ihnen. Ein Mann, der im Quartier zwei Überfälle begangen hat, ein anderer. Auch eine psychisch angeschlagene Frau, die bereits ähnlicher Delikte beschuldigt wurde, wird vernommen. Ebenso ein Mann, der in Österreich einen Postangestellten mit einem Messer angegriffen hat, und ein anderer, der in der Region eine Frau vergewaltigte und punkto Grösse und Postur ins Täterprofil passen würde. Doch auch diese Personen kann die Polizei nicht mit der Tat in Verbindung bringen.

Am 14. Januar 2009 wird der Tankstellenmord in der Sendung «Aktenzeichen XY . . . ungelöst» aufgegriffen. Die Kantonspolizei Zürich sucht Leute, die Yasemin Y. in den Jahren kannte, bevor sie 2003 in die Schweiz zog. Vielleicht, sagte der Zürcher Kantonspolizist in der Sendung, liege der Schlüssel für die Lösung des Falls in der Vergangenheit.

Die Ermittler sind da bereits einigen Hinweisen von früher gefolgt. Eine Patronenkugel im Briefkasten, die verschmähte erste grosse Liebe von Yasemin Y., eine ärztlich versorgte Verletzung am Hals des Ehemanns. Doch keine dieser Spuren brachte die Ermittler weiter. In der «Aktenzeichen XY . . . ungelöst»-Sendung wird die Belohnung für Hinweise, die bei der Aufklärung der Tat weiterhelfen, von privater Seite auf bis zu 20'000 Franken verdoppelt. Und trotzdem führen auch die Anrufe einiger Zuschauer und deren Beobachtungen die Polizei nicht weiter.

Yasemin Y. ist in Bad Kreuznach in Deutschland beigesetzt worden. Ihre Mörderin oder ihr Mörder ist immer noch auf freiem Fuss.

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