Auf einer Dauerwelle schlafen

Die Spinnerei Toggenburger in Marthalen verarbeitet als letzter Schweizer Betrieb Pferdeschweife und Ochsenschwänze zu Matratzen. Auch die englischen Royals legen sich auf ihnen zur Ruhe.

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Anita Merkt@tagesanzeiger

Die Kordel aus hellem Schweifhaar würde jedem Seilziehen standhalten. Doch es ist nicht die Reissfestigkeit, die den Rosshaarstrick zu einem begehrten Gut macht. Und so hübsch die Girlande ist, zu der die Schweifhaare in Marthalen verdreht werden, sie wird später wieder auseinandergedreht. Die aparte Form ist lediglich Mittel zum Zweck. «Das Rosshaar wird bei uns gesponnen, um als Matratzeninhalt eine bessere Figur zu machen», sagt Betriebschefin Valérie Toggenburger. Die meterlangen Kordeln werden meist noch in der Spinnerei wieder auseinandergezupft. Das Spinnen und die weiteren Verarbeitungsschritte dienen lediglich dazu, die steifen Rossschweifhaare und die etwas weicheren Ochsenschwanzhaare zu kräuseln und zu Spiralen zu formen. So wird jedes einzelne Haar zur Sprung­feder und erhält die Eigenschaften, die es als Matratzenfüllung so begehrt machen. «Wenn der Schläfer sein Bett verlässt, dehnen sich Millionen kleiner Rosshaarsprungfedern wieder aus und bringen die Matratze zurück in ihre ursprüngliche Form», erklärt Toggenburger. Kombiniert mit den Wasser aufnehmenden Eigenschaften macht die Spiralform das Rosshaar zum unschlagbaren Füllmaterial für Matratzen.

Arbeit mit der Heugabel

Dass die sechs Spinnmaschinen am Marthaler Dorfbach sich auch im 21. Jahrhundert noch drehen, ist ein kleines Wunder. Vieles wird in dem unscheinbaren Gebäude in der Dorfmitte von Hand gemacht. Die robusten Maschinen mit ihren metallenen Walzen, Kämmen und Drehspindeln stammen aus einer ver­loren geglaubten Epoche. Von acht Schweizer Rosshaarspinnereien, die es Ende des letzten Jahrhunderts noch gab, hat Toggenburger & Co. als einzige überlebt. Noch immer werden im Betriebsgebäude am Dorfbach jährlich bis zu 140 Tonnen Schweifhaare gewaschen, gekämmt und versponnen.

Zu verdanken hat der 8-Mann-Betrieb das dem Herzblut und der Hartnäckigkeit der Inhaberin in sechster Generation. Valérie Toggenburger erinnert sich daran, wie sie als Mädchen mithalf, das trocknende Rosshaar im Hof auszubreiten und alle zwei Stunden mit der Heugabel zu wenden. Als ihr Urahn Johannes Toggenburger noch als Lohnspinner arbeitete, wusch er das Schweifhaar im nahen Rhein. Gekauft hat er es in der Umgebung. Heute kommen die meisten Haarballen, die sich im Hinterhof stapeln, aus Südamerika. Die Pferde, denen sie einst gehörten, wurden geschlachtet und verspeist.

Seit drei Monaten bekommt Toggenburger aus Südamerika kaum noch Ware. «Die Chinesen kaufen alles auf», sagt sie. Zum Teil bezog sie die vorgewaschenen Ross- und Rinderschwanzhaare von ihren Lieferanten seit Jahrzehnten. Doch ihre Geschäftspartner bekommen selbst keine Ware mehr. «Die Händler aus China gehen direkt in die Schlachthöfe und schnappen ihnen die Schweif- haare vor der Nase weg», erfuhr Toggenburger. Gebraucht würden sie für die Bürsten- und Pinselproduktion.

Von den aktuellen Problemen bei der Beschaffung der Ware lässt sich die 52-Jährige nicht aus der Ruhe bringen. «Irgendwo harzt es immer.» Doch sie wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen, damit das Unternehmen weiter produzieren kann. Um sich vor Ort ein Bild zu machen, reiste sie im Sommer selbst nach Uruguay, Paraguay und Brasilien. Ohne den Durchhaltewillen der Chefin hätte sich die Spinnerei, die ihr Urururgrossvater gebaut hat, nicht bis heute halten können. «In Polen, Rumänien oder China ist die Produktion natürlich günstiger», sagt sie. Wie viele Schweizer Unternehmen setzt sie auf Qualität. Rosshaar ist in der Branche ein Sammelbegriff und kann auch von Ochsen, Kühen oder Ziegen stammen. «Wir spinnen ausschliesslich Pferde- und Ochsenhaar», sagt Toggenburger.

Mit Wasserdampf fixiert

Da die Ochsenhaare weicher sind, können die Eigenschaften des verarbeiteten Haares über die Mischung beeinflusst werden. Im zweiten Stock des Betriebes liegen die gewaschenen Schweife sortiert nach Farbe und Tier. Auch die Pferderasse beeinflusst die Qualität. So sind schwarze Haare härter als blonde. In eine der pechschwarzen Strähnen ist ein rotes Bändel eingeflochten, das den Waschvorgang in der Seifenlauge überdauert hat. Toggenburger liest es heraus, auch eine Strähne mit einer Distel sticht ihr ins Auge. «Die zeigt, dass die Tiere draussen unterwegs waren», sagt sie. «Das rote Band im Schweif signalisierte, dass das Tier gerne ausschlägt.»

Nach dem Waschen werden die Haarsträhnen in einer Hechelanlage auseinandergezogen und danach versponnen. Der entscheidende Prozess auf dem Weg zur Rosshaarmatratze vollzieht sich im Autoklav. Die verdrehten Stricke werden dort mit heissem Wasserdampf fixiert und danach getrocknet. Wie bei einer Dauerwelle behalten die Haare ihre Spiralform, auch nachdem die Stricke wieder auseinandergedreht und verzupft worden sind.

Verarbeitet werden sie dann von Herstellern hochwertiger Rosshaarmatratzen wie Roth & Cie., Elitebeds oder dem schwedischen Hersteller Hästens. Eine Matratze für ein Doppelbett kostet zwischen 4000 und 70'000 Franken. Dafür hält sie ein Leben lang. Rosshaare nehmen den Schweiss des Schlafenden auf und geben ihn später wieder ab. Auf diese hygroskopische Eigenheit schwören auch die europäischen Königshäuser. Über den Bettenhersteller Hästens neutralisieren die Marthaler Rosshaare den Schweiss der englischen und der schwedischen Royals bis heute.

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