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Abschied ist keine Alternative

38 Jahre sind genug: Für Niggi Scherrs Fest nach seiner letzten Gemeinderatssitzung war die Kanzleiturnhalle beinahe zu klein.

Nach der letzten Rede: Stadtrat Richard Wolff verabschiedet Parteikollege Niggi Scherr.
Nach der letzten Rede: Stadtrat Richard Wolff verabschiedet Parteikollege Niggi Scherr.
Raisa Durandi
Zuvor war gefeiert worden: Am Buffet gabs Bratwurst und Cervelat für 6 Franken.
Zuvor war gefeiert worden: Am Buffet gabs Bratwurst und Cervelat für 6 Franken.
Raisa Durandi
Im Mittelpunkt: Niklaus Scherr, (Basler) Urgestein der Zürcher Lokalpolitik.
Im Mittelpunkt: Niklaus Scherr, (Basler) Urgestein der Zürcher Lokalpolitik.
Raisa Durandi
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Noch einmal nimmt Niggi Scherr die Rolle des Mahners ein. Dies hier, sagt er auf der Bühne, sei keine Abschiedsfeier. «Wir feiern nur meinen Rücktritt aus dem Gemeinderat.» Nur? Nach 38 Jahren, 1520 Mittwochabenden «im Club», plus Budgetsitzungen am Samstag. Er lancierte in dieser Zeit 299 Vorstösse, den ersten bereits nach 14 Tagen im Rat. Darin ging es – Stadtrat, Parteikollege und Freund Richard Wolff erinnert daran – um das Vorgehen der Polizei. Eben, Rücktritt, nicht Abschied: Er bleibe der Stadt erhalten, beteuert der 72-Jährige. In der proppenvollen Kanzleiturnhalle brandet Applaus auf.

Alleine im Gemeinderat zählt Niggi Scherr 124 Kolleginnen und Kollegen.

Am Mittwochabend, im Anschluss an seine letzte Gemeinderatssitzung, «meinen letzten Arbeitstag im Parlament», lud der AL-Politiker zu seinem Rücktrittsfest. Lädt einer ein, der so lange dabei und so umtriebig ist, dann ist so eine Kanzleiturnhalle schnell gefüllt – alleine im Gemeinderat zählt Scherr 124 Kolleginnen und Kollegen. Da ist aber auch der rot-grüne Gesamtstadtrat plus Gerold Lauber (CVP), zahllose städtische Politiker machen Scherr die Aufwartung: Jacqueline Badran (SP) kämpfe sich ebenso durchs Gewühl wie Markus Knauss (Grüne), SP-Nationalrätin Min Li Marti und ihr Mann und Ratskollege Balthasar Glättli (Grüne) oder Nationalrat Mauro Tuena (SVP) und Alt-Stadträtin Ruth Genner (Grüne).

Im Gedränge: Die Kanzleiturnhalle war voll mit Festvolk. Foto: Raisa Durandi
Im Gedränge: Die Kanzleiturnhalle war voll mit Festvolk. Foto: Raisa Durandi

Von der Tribüne oben lässt sich die schwierigere Variante des Klassikers «Wo ist Walter» spielen: «Wo ist Niggi». Er hat zwar – auch das zeigt seine Einladung zum Fest – eine unverkennbare Haartolle. Zitat Richard Wolff: «Keiner hat eine so tolle Tolle wie Niggi Scherr.» Die taucht aber in der wogenden Menschenmenge immer mal wieder unter. Scherr trägt zur Feier des Tages ein weisses Hemd mit schwarzer Fliege und verbringt, so scheint es, einen zufriedenen und entspannten Abend, umgeben von Leuten, die ihn mögen. Er hat dafür gesorgt, dass sein Rücktritt auch als ein gutes Fest in Erinnerung bleibt: Mit der Moderatorin Helen Issler, die (zwar in Baslerdeutsch) sehr charmant durch den Abend führt. Mit guten Festrednern. Mit sorgfältig ausgewählten Gedichten. Mit einem grossartigen Saxophonisten. Und mit einer fasnächtlichen Basler Mehlsuppe. Die passe bestens zum Scherr-Abend, erklärt Issler: «Die Fasnacht in Basel ist politisch, sie ist frech und auch ein bisschen melancholisch.» Man solle heute feiern, sagt Scherr in seiner kurzen Begrüssungsansprache. «Man trifft sich ja sonst häufig an Beerdigungen.»

Der heilige Gral der AL sei die Gebührenpolitik, sagte Andreas Kirstein.

Was passiert mit einer Partei, wenn einer der wichtigsten Exponenten von der (einen) Bühne abtritt? Es schüttelt sie ordentlich durcheinander. Nur so ist es zu erklären, dass AL-Fraktionspräsident Andreas Kirstein in seiner Rede derart tief in die Seele der Partei blicken lässt. Der heilige Gral der AL sei die Gebührenpolitik. Jeder Gebührenfranken braucht Leistung, die diesen Franken «mindestens 100 Prozent» wert ist. Wer dies nicht belegen konnte, wurde von Scherr «belehrt. Pardon ich korrigiere, wir sind Linke: Es wurde ausdiskutiert.» So lange, bis alle verstanden hatten: Niggi Scherr weiss alles besser. Niggi Scherr hat am Ende immer recht.

Alle stimmen irgendwas ab. Und am Schluss entscheidet Mario Babini.

Kirstein dankt Scherr für alles, was er ihn gelehrt habe. Er habe nach vier Jahren zum Beispiel begriffen, dass im Parlament «jeder irgendetwas abstimmt und am Schluss entscheidet Babini». Der parteilose Mario Babini streckt hinten im Saal die Arme in die Höhe.

Liest Gedichte: AL-Kantonsrätin Laura Huonker. Foto: Raisa Durandi
Liest Gedichte: AL-Kantonsrätin Laura Huonker. Foto: Raisa Durandi

Zwischen den Reden liest AL-Kantonsrätin Laura Huonker vier von Scherr ausgewählte Gedichte vor. In reinstem Bühnendeutsch. «Weshalb ist dir Lyrik so wichtig?», will Issler wissen. Weil sie ihn auch dann nicht verliess, wenn sich Scherr an gewissen Sonntagabenden (nach Abstimmungen) von allen (ausser vielleicht vom Kreis 4 und einem Westschweizer Kanton) verlassen fühlte.

Richard Wolff sagt, Scherr habe einen verbalen Revolver. Und der stecke stets locker im Holster.

Verglich sich Scherr zuvor in seiner Rede noch mit Asterix, wohn- und wehrhaft im «gallischen Dorf Aussersihl», zog Richard Wolff in seiner Rede Parallelen zu John Wayne. Scherr habe einen verbalen Revolver, der stets locker im Holster stecke. «Mit diesem schiesst er schnell und präzise.» Wer sich am Mittwochabend davon überzeugen wollte, konnte am Eingang Scherrs Schriften erwerben. Der von ihm mitverfasste PUK-Bericht «Politische Polizei in der Stadt Zürich», den gab es gratis obendrauf.

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