Wo Businessfrauen gärtnern

Drei Initiativen in Zürich-Nord nehmen den Boom des «Urban Gardening» auf.

Familie Marn-Fabiani verbringt jede freie Minute auf der Guggach-Brache. Der kleine Namor hilft begeistert mit. Foto: Reto Oeschger

Familie Marn-Fabiani verbringt jede freie Minute auf der Guggach-Brache. Der kleine Namor hilft begeistert mit. Foto: Reto Oeschger

Anita Merkt@tagesanzeiger

Vor zwei Jahren gähnte beim Radiostudio am Bucheggplatz noch ein riesiges Loch. Rundherum standen Baumaschinen für die Durchmesserlinie. Doch seit die SBB das Gelände geräumt hat, ­erblüht die Guggach-Brache zu neuem Leben. Brian und Elianne Wilson sind sogar am Sonntag hier, um ihre sechs Quadratmeter Boden in ein Gemüsebeet zu verwandeln.

Der Boden der Brache an der Kreuzung von Wehntaler- und Hofwiesenstrasse ist hart und steinig. Mit Schaufel und Spaten gräbt das Ehepaar aus ­Seattle den Boden um. Der Anblick der hübschen Beete ringsum zeigt ihnen, wie ihr Gärtchen später aussehen wird: Ein Mäuerchen aus faustgrossen Steinen umringt ein Beet, in dem Rosmarin und Thymian festwachsen. Grün Stadt Zürich hat Pflanzerde und Humus angeliefert und die ersten Gartengeräte zur Verfügung gestellt. «Rund 40 Leute arbeiten in der Gartengruppe mit», erklärt Erich Weihs. Er ist Präsident vom «Quartiergarten Guggacker» und organisiert zusammen mit seinen Mitstreitern die Vergabe der Parzellen und die gemeinsamen Aktionstage. Die Neo-Gärtner haben Hügelbeete aufgehäuft und Wasserleitungen verlegt, bereits wachsen Beerensträucher und Heilkräuter. In den Pflanzkisten spriesst Salat.

Bierbrauer und Flüchtlinge

Um ihre Ideen zur Belebung der Brache zu verwirklichen, mussten sich Interessierte zu Vereinen zusammenschliessen: In einem gelben Bauwagen brauen die «Brache Brewdaz» ihr eigenes Bier. Zur Strasse hin soll es einen Pump-Track für Biker geben. Der kurdische Verein Ararat hat den ehemaligen Geräteschuppen zu einem Tanz- und Unterrichtssaal umgebaut. Eritreische Flüchtlinge feiern dort Gottesdienste, eine kurdische Gruppe übt traditionelle Tänze und organisiert Deutschkurse. Einige Mitglieder von Ararat haben Gartenparzellen übernommen. Während die Männer ihre Spaten in den Boden stossen, sammelt eine alte Frau im Kopftuch auf der Wiese essbare Kräuter. Auch die Kinder von Mario und Sarah kauen begeistert Sauerampfer. Der zweijährige Namor muss allerdings noch lernen, dass es Gräser gibt, die er nicht verspeisen soll.

Die Marn-Fabianis verbringen mit ihren drei Söhnen fast jede freie Minute auf dem Areal. «Die Kinder können herumtoben und erleben, wie das Gemüse wächst», sagt Sarah Marn. Auch anderen urbanen Gärtnern ist es wichtig, dass ihre Kinder mitbekommen, dass Gemüse nicht im Supermarkt entsteht.

Politik mit der Spitzhacke

Die Urban-Gardening-Bewegung ist auch in Zürich politisch. Den Neo-Gärtnern ist wichtig, dass ihr Obst und Gemüse nicht aus Spanien, Marokko oder Holland in die Schweiz gefahren wird. Dass sie wissen, woher es kommt und wie es angebaut wurde. Zum Auftakt der Gartensaison bietet der Quartiergarten Guggacker nächsten Samstag den Workshop «Suffizienz und Selbstversorgung» an und geht der Frage nach, wie viel Selbstversorgung mit Urban Farming möglich ist.

Bei der Gemüsegenossenschaft «Meh als Gmües», spielte der politische Gedanke von Anfang an eine grosse Rolle. Die Genossenschaft, von Aktivisten des Hunziker-Areals gegründet, möchte nicht nur ökologisches, sondern auch faires Gemüse anbauen. Seit Anfang Jahr bereiten die rund 150 Mitglieder zwischen Affoltern und Seebach 6000 Quadratmeter Boden vor und ziehen unter Anleitung eines professionellen Gärtners Setzlinge im Gewächshaus. Auf dem Areal einer aufgegebenen Blumengärtnerei legen sie Hügelbeete an und schaufeln Humus und Pferdemist auf das Gelände. Die ersten Knoblauch- und Zwiebelknollen haben die «Prosumenten» bereits in die Erde gesteckt. Der Begriff und die Initiative sollen die Kluft zwischen Produzenten und Konsumenten schliessen. Verbraucher sollen ver­stehen, wie viel Arbeit in einer Tomate steckt und welches Gemüse wann gedeiht. Der Prosument ist eine Antwort auf die oft ausbeuterischen Bedingungen im kommerziellen Gemüseanbau.

«Die Arbeit in Gemüsebetrieben ist extrem hart und in der Regel schlecht bezahlt. In der Schweiz kommen die Arbeiterinnen aus Ost- oder Südeuropa und müssen nach Ende der Saison oft wieder nach Hause», sagt Matthias Stucki von der Betriebsgruppe. «Meh als Gmües» verstehe sich als Teil einer solidarischen Landwirtschaft, in der die Arbeit der Produzenten wieder wert­geschätzt werde.

Kommerz an der Europaallee

Einen neuen Ansatz für Neo-Gärtner hat auch «Veg and the City» an der Europaallee. Nebst Pflanzgefässen und ökologischem Saatgut bietet Gründerin und Geschäftsführerin Gudrun Ogania Einsteigerkurse an. Dabei hat sie festgestellt, dass vielen Städtern der Platz zum Gärtnern fehlt. Deshalb pachtete Ogania ein Stück Land beim Bahnhof Affoltern. Dort können ihre Kunden jetzt ein Beet mieten. Gartengeräte und professionelle Anleitung gibt es gratis dazu.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt