«Wir könnten das Tempo auf allen Strassen der Stadt verfügen»

Stadträtin Claudia Nielsen (SP) will neben zusätzlichen Tempo-30-Zonen auch Tempo 50 oder 60, wo bisher schneller gefahren werden durfte. Die Stadt hat dabei mehr Macht als bisher angenommen.

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Pascal Unternährer@tagesanzeiger

Frau Nielsen, mit 39 zusätzlichen Tempo-30-Zonen wollen Sie 8400 Personen vor Lärm schützen. Doch auch danach leben immer noch knapp 100'000 Einwohnerinnen und Einwohner Zürichs an Strassen mit übermässigem Lärm. Sollten Sie nicht zuerst Massnahmen ergreifen, die einschenken?
Das Ziel einer lärmsanierten Stadt kann nur schrittweise erreicht werden. Wir haben bereits einiges unternommen. So wurden für 100 Millionen Franken Schallschutzfenster installiert und für 30 Millionen Lärmschutzwände. Jeder Schritt braucht seine Zeit. Bis jetzt haben wir vor allem die kommunalen Strassen ins Visier genommen. Noch in diesem Jahr werden wir mehr zu Massnahmen auf den grösseren, kantonalen Strassen sagen können.

Sie wollen Tempo 50 auf Strecken, die heute mit 60 km/h befahren werden dürfen, und Tempo 50 oder 60 auf heutigen 80er-Abschnitten. Der Kanton gilt als eher zurückhaltend, wenn es darum geht, wichtige Durchgangsachsen zu beruhigen. Wie wollen Sie das anstellen?
Dazu braucht es intensive Gespräche mit den Verantwortlichen des Kantons und viel Zeit. Streng juristisch könnte die Stadt die Höchstgeschwindigkeiten auf allen Strassenabschnitten verfügen, sofern dies keine negativen Auswirkungen auf Hauptstrassen ausserhalb der Stadt Zürich hat. Aber wir möchten dies lieber im Dialog mit dem Kanton machen.

Kommt Tempo 30 nicht den Bussen in die Quere? Wenn diese schleichen müssen, verlieren sie doch an Attraktivität.
Natürlich liegt uns nichts ferner als den öffentlichen Verkehr zu schwächen und unsere Umstiegsziele zu torpedieren. Deshalb sind alle unsere Schritte mit den VBZ abgesprochen. Die Temporeduktion ist verhältnismässig. Ein Bus verliert auf 100 Metern 2 Sekunden, wenn er statt mit Tempo 50 mit 30 Stundenkilometern fährt.

Auf vor allem morgens viel befahrenen Durchgangsstrassen zwischen Wollishofen und Selnau (Mutschellen-, Waffenplatz- und Brandschenkestrasse) wollen Sie ebenfalls Tempo 30 einrichten. Wie soll das gehen?
Hier gibt es noch Klärungsbedarf. Die Frage lautet: Kann man den Durchgangsverkehr auf andere Achsen umlagern? Dies mit dem Ziel, dass die Busse der Linien 33 und 66 morgens zügiger vorwärtskommen und die so gewonnene Zeit für Tempo-30-Massnahmen eingesetzt werden kann.

Die Stadt will zudem nachts flächendeckend Tempo 30 einführen wie in Berlin. Halten Sie dies für mehrheitsfähig?
Der Stadtrat hat in dieser Sache noch nichts entschieden. Es sind bloss verschiedene Leute in der Stadtverwaltung am Denken. Auch hier geht es darum, den Kanton ins Boot zu holen.

Der Bund schreibt allen Städten vor, dass bis 2018 kein Anwohner mehr vom Lärm geplagt wird. Hand aufs Herz: Ist das machbar?
Wenn alle an einem Strick ziehen: Ja. Dafür braucht es aber das Volk, den Bund, den Kanton und auch das Stadtparlament.

Und falls die Tempo-30-Massnahmen durchfallen: Ist Ihre Rückfallposition weitere Schallschutzfenster und Lärmschutzwände?
Nein. Die Lärmsanierung ist nicht ausschliesslich mit Fenstern und schon gar nicht mit Wänden zu erreichen geschweige denn finanzierbar. Es ist einiges günstiger, den Lärm an der Quelle zu bekämpfen. 1 Kilometer Strasse auf Tempo 30 umrüsten kostet 1 Million, 1 Kilometer Lärmschutzwand 2 Millionen und 1 Kilometer Strasse mit Lärmschutzfenstern 3 Millionen. Das Problem: Ab 2018 zahlt der Bund nicht mehr mit.

DerBund.ch/Newsnet

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