Wie Müllers die Regierung blamierten

In dieser denkwürdigen Diskussionssendung ­landete die Jugendbewegung der 80er einen ihrer grössten Erfolge.

Fernsehdiskussion über die Krawalle. Als Vertreter der Jugendbewegung sorgen «Anna Müller» und «Hans Müller» für Verwirrung. Video: SRF

Denise Marquard@tagesanzeiger

Der Beitrag im Magazin «CH» vom 15. Juli 1980 gilt heute als Zeitdokument. Kaum eine andere Sendung im Schweizer Fernsehen hat jemals so hohe Wellen ­geworfen. Den Hintergrund bildeten die Zürcher Opernhauskrawalle. Erstmals wurde dabei nicht nur für etwas demonstriert, sondern es wurden auch im grossen Stil Abfallcontainer angezündet und Scheiben eingeschmissen. Die Gewaltbereitschaft der Demonstranten schockierte nicht nur die Bürgerlichen, sondern auch die Sozialdemokraten. In der Sendung sollten erstmals Bewegte auftreten. Ebenfalls anwesend waren die Zürcher Stadträte Emilie Lieberherr (SP) und Hans Frick (LdU), der Zürcher Polizeikommandant Rolf Bertschi und der Präsident der städtischen SP, Leonhard Fünfschilling. Moderiert wurde die Sendung von Jan Kriesemer.

Kämpferische Lieberherr

Was als ernsthafte Diskussionssendung geplant war, wurde bald zur Realsatire. Die zwei Vertreter der Bewegten stellten sich als Ehepaar Müller vor und stellten die Rollenverteilung auf den Kopf. Sie gaben sich kleinbürgerlicher als ihre Gegenüber und brachten diese damit völlig aus der Fassung. Dabei erwiesen sie sich als äusserst schlagfertig. Moderator Kriesemer verlor total die Kontrolle über das Geschehen und wusste nicht, wie ihm geschah. Als Erste bemerkte Stadträtin Lieberherr, dass etwas nicht stimmte. Sie drohte, das Studio zu verlassen, wenn sie nicht endlich zu Wort komme.

Die Sendung war ein durchschlagender Erfolg für die Bewegten. Sie hatten ihre Kontrahenten vor der ganzen Nation lächerlich gemacht. Und für Kriesemer war die Moderationskarriere mit dieser Sendung zu Ende. «Herr und Frau Müller haben eine grossartige schauspielerische Leistung erbracht», sagt der heutige Gastronom Koni Frei. Dennoch zahlten die beiden einen hohen Preis. Frau Müller wurde vom «Blick» auf Seite eins dem Mob zum Frass vorgeworfen und Herr Müller gar ins Gefängnis gesteckt.

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