Was der Dekan in Mörgelis Museum fand

Felix Althaus obliegt die Neuorganisation des Medizinhistorischen Instituts und Museums. Er hat unter anderem undichte Gläser mit menschlichen Präparaten entdeckt.

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Sind die Vorwürfe im Fall Mörgeli nur vorgeschoben? Weil linke Professoren einen SVP-Nationalrat loswerden wollten? Oder existieren die Mängel im Medizinhistorischen Museum und in der Objektsammlung tatsächlich? Es ist schwierig, Experten zu finden, denen noch niemand Parteilichkeit unterstellt hat. Felix Althaus ist einer der wenigen. Der Dekan der Veterinär-Fakultät wurde von der Unileitung mit der Neuorganisation beauftragt. Und er spricht Klartext.

Herr Althaus, Sie sind nicht in die Mörgeli-Affäre verstrickt und haben dennoch vertieften Einblick in die Objektsammlung des Medizinhistorischen Instituts. Wie sieht es dort aus? Ist alles ­korrekt gelagert?
Nein, nach den heutigen Standards ist dies nicht der Fall. Das wurde schon 2006 in einem Evaluationsbericht festgehalten. Die Sammlung stand damals aber nicht im Vordergrund. Detailliert analysiert wurde sie erst mit dem ­berühmten Jütte-Bericht.

Dieser Bericht wurde von einer Expertenkommission unter der Leitung des Stuttgarter Professors Robert Jütte verfasst. Der «Tages- Anzeiger» hat im September 2012 daraus zitiert und damit einen unglaublichen Wirbel ausgelöst. Wie beurteilen Sie den Bericht? Hat die Jütte-Kommission übertrieben?
Nein, das finde ich nicht.

Im Bericht ist unter anderem von menschlichen Präparaten die Rede, die wegen mangelhafter Aufbewahrung bereits Schäden aufweisen würden. Stimmt das?
Es gibt Gläser mit Rissen, wodurch das konservierende Formalin ausgelaufen ist. Bei anderen Gläsern konnte das Formalin verdampfen. Das ist nicht zulässig. Wer derartige Präparate lagert, muss sie mit dem nötigen ethischen Respekt behandeln. Dies bedingt, dass man sie nicht verderben lässt, sondern professionell aufbewahrt. Dafür gibt es internationale Standards wie etwa die Stuttgarter Konvention. Man muss auch darauf achten, dass der Sammlungskontext erhalten und damit der wissenschaftliche Wert des Präparats hoch bleibt.

Dies bedingt, dass man weiss, woher die Präparate stammen?
Ja. Insbesondere muss man ausschliessen können, dass man auf unlauterem Weg zu einem Präparat gelangt ist. Wurde zum Beispiel eine Frau zu einer Abtreibung gezwungen, darf man mit dem Fötus nicht forschen. Dasselbe gilt für Präparate aus der Nazizeit. Können Sie die Herkunft nicht belegen, müssen Sie die Präparate beerdigen.

Der Jütte-Bericht spricht von einem Durcheinander in der ­Sammlung. Entspricht dies auch Ihrem Eindruck?
Ja, der Sammlungskontext der Objekte ist zum Teil nicht mehr erhalten, weil diese relativ zufällig ins Lager gestellt wurden. Offenbar wurden sie von der verantwortlichen Person einfach hereingeholt und blieben dann unverarbeitet.

Von Christoph Mörgeli?
Ich spreche nicht über Personen, nur über den Zustand der Sammlung.

Menschliche Knochen seien teilweise direkt dem Staub und Ungeziefer ausgesetzt, schrieb die Expertenkommission Jütte.
Ich habe keine Fliegen gezählt. Aber es stimmt, dass vieles offen herumliegt oder mit einem Leintuch abgedeckt ist. Man musste auch radioaktiv strahlende Stoffe entfernen.

Wie viele Objekte sind inventarisiert, also in einer Kartei erfasst?
2 Prozent sind digital erfasst, 15 Prozent auf Kärtchen. Das ist nicht sehr viel. Hier müssen wir nun investieren.

Die Universität Zürich hat eine Million Franken für die Sanierung der medizinhistorischen Objektsammlung gesprochen. Reicht dies?
Ich zweifle daran.

Jetzt wird investiert – vorher musste Christoph Mörgeli die ­Sammlung fast allein betreuen. War sie personell unterdotiert?
Das kann gut sein. Vielleicht wurden auch falsche Prioritäten gesetzt. Oder beides.

Sind die bisherigen Räumlichkeiten für eine solche Sammlung geeignet?
Nein, die Lüftung genügt nicht, ebenso wenig die Zugangsregelung. Wir benötigen neue Räume und eine bessere, fachkundige Betreuung.

Ihnen obliegt auch, das Museum neu zu positionieren. Wie beurteilen Sie dessen Zustand?
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Ausstellung veraltet ist. Kuratoren sagen mir, sie würden ein solches Museum ganz anders gestalten.

Haben Sie bereits einen Kurator mit der Erarbeitung eines neuen Konzepts betraut?
Nein, erst müssen wir wissen, welche Themen behandelt werden sollen. Hier sind wir noch ganz am Anfang.

Wie lange bleibt das Museum noch geschlossen?
Ich hoffe, dass wir Anfang 2016 einen ersten Teil eröffnen können. Ich will aber dem dafür verantwortlichen Frank Rühli nicht vorgreifen.

Welche Ansprüche haben Sie betreffend Besucherzahl?
Bisher waren es etwa 25 Personen pro Tag. Das entspricht 3,6 Prozent der Besucher aller zwölf Universitätsmuseen. Das sollte man steigern können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.05.2014, 23:50 Uhr

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