Schenken und schweigen

Der 79-jährige Berner Unternehmer und Milliardär Hansjörg Wyss finanziert nach Boston und Genf auch in Zürich ein Forschungszentrum und stiftet dafür 120 Millionen Franken.

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Philippe Reichen@PhilippeReichen

Hansjörg Wyss finanziert der ETH Zürich und der Universität Zürich den Aufbau eines neuen interdisziplinäres Forschungszentrums. Dieses wird nach ihm benannt: «Wyss Translational Center Zurich» (WTZ). Das gaben die Zürcher Hochschulen gestern bekannt. 120 Millionen Franken zahlt Wyss an das Projekt, das Forschende aus den Materialwissenschaften, der Stammzellenforschung und der Robotik vereint.

Der gebürtige Berner hätte gestern gute Gründe gehabt, in das eine oder andere Kameraobjektiv zu strahlen und sich für seine Generosität feiern zu lassen. Es gibt Philanthropen, die wegen weit geringerer Spenden PR-Agenturen für sich weibeln lassen. Doch das passt nicht zur bescheidenen Art des 79-Jährigen. Wyss, der seinen Lebensmittelpunkt in Boston hat – er blieb unsichtbar. Wie schon nach dem Kauf des Firmensitzes von Merck Serono in Genf, für den er und Ernesto Bertarelli 2013 je 150 Millionen Franken auslegten, um einen Biotechcampus zu gründen.

Das Reden und Rühmen übernahmen andere. Roland Siegwart, ETH-Professor und Co-Direktor des WTZ, beschrieb Wyss als «grossartigen, visionären Unternehmer», der trotz seines Erfolgs auf dem Boden geblieben sei. Uniprofessor Simon Hoerstrup, ebenfalls Co-Direktor des WTZ, sagte: «Hansjörg Wyss arbeitet sehr konzentriert und ist schnell in seinen Entscheidungen: eine angenehme und beeindruckende Persönlichkeit.» Für Patrick Aebischer, Präsident der ETH Lausanne (EPFL), denkt Wyss «out of the box». Er strahle eine «unglaubliche Jugendlichkeit» aus, so Aebischer.

Rekord für Harvard University

Hansjörg Wyss, der an der ETH Zürich Ingenieurwissenschaften studierte, erarbeitete sich als Unternehmer ein Milliardenvermögen. Seine im Jahr 1976 gegründete Firma Synthes entwickelte er von einem 12 Personen zählenden Vertriebsunternehmen zu einem weltweiten Leader der Medizintechnikindustrie. Mit Synthes revolutionierte er die Unfallchirurgie. Im Juni 2012 verkaufte Wyss die Firma für 21 Milliarden Dollar an den US-Konzern Johnson & Johnson, sein Anteil betrug 9 Milliarden Franken.

Wyss hatte zu diesem Zeitpunkt längst damit begonnen, Teile seines Vermögens in die Medizinforschung zu investieren. 2009 spendete er der Harvard University für den Aufbau des Wyss Institute 125 Millionen Dollar – die bis heute grösste Spende in der Geschichte von Harvard, die der 79-Jährige 2013 noch einmal um denselben Betrag erhöhte. Am Institut arbeiten Forscher diverser Disziplinen daran, biologische Materialien in Technologien zu transformieren, die in der Medizin, aber auch in der Bekämpfung von Umweltproblemen angewendet werden sollen.

Eine Lektion für alle

Obwohl Wyss seinen Lebensmittelpunkt seit Jahrzehnten in den USA hat, ist er mit Schweizer Forschern in ständigem Kontakt. Er weiss, dass in der Schweizer Biowissenschafts- und Medizinalforschung Institutionen fehlen, die Erkenntnisse aus der Grundlagen- oder präklinischen Forschung rasch und effizient zu markttauglichen Produkten weiterentwickeln. Oder wie Wyss sagt: «Es geht oft lange, bis Erkenntnisse für die Anwendung und zum Wohl des Patienten nutzbar gemacht werden können.» Das will er ändern. Parallel zum Zürcher Zentrum eröffnet Wyss in Genf Anfang 2015 ein mit 100 Millionen Franken dotiertes Wyss Institute, das auf die Hirnforschung spezialisiert ist. EPFL-Präsident Aebischer sagt: «In beiden biomedizinischen Zentren kommen Forscher mit Erfahrungen zusammen, die man gewöhnlich in akademischen Einrichtungen nicht findet.» Was Wyss da tue, sei «eine Lektion für uns alle».


2011 porträtierte Brigitta Niederhauser, Redaktorin bei «Der Bund», den medienscheuen Unternehmer. Das nachfolgende Porträt erschien am 19. April 2011 im «Tages-Anzeiger» und in «Der Bund».

Der reiche Onkel aus Amerika

Der Mann, der auf der Liste der Reichsten dieser Welt auf Rang 154 fungiert, ist am liebsten mit dem Zug unterwegs. Auf 6,4 Milliarden Dollar wird das Vermögen des Berner Unternehmers Hansjörg Wyss geschätzt, dessen Firma Synthes laut Forbes zu den 400 besten Unternehmen weltweit zählt. Verkauft er sein im solothurnischen beheimatetes Medizinaltechnik-Unternehmen, würde Wyss möglicherweise Ernesto Bertarelli den Titel als reichster Schweizer streitig machen. Der Multi Johnson & Johnson soll nämlich bereit sein, für Synthes 20 Milliarden Dollar aufzuwerfen.

Ein Geldsegen, der auch für Aufregung in der hiesigen Kunst- und Kulturszene sorgen könnte. Denn der 76-jährige Wyss ist ein Unternehmer alter Schule, der sich selber einen Lohn von weniger als 1 Million Dollar jährlich auszahlen lässt, «weil kein CEO mehr wert ist», dafür aber viel Geld über seine Stiftung verteilt. «Wer Glück und Geld hat, muss auch etwas an die Gesellschaft zurückgeben», sagt der Milliardär. Von beidem hat der Berner reichlich. Er ist in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, hat sich an der ETH zum Bauingenieur ausbilden lassen und macht nun das grosse Geld mit Platten, Nägeln und Schrauben, die in Operationssälen zum Einsatz kommen.

Über die Hansjörg-Wyss-Stiftung vergibt er auch mal dreistellige Millionenbeträge. Harvards Präsidentin Drew Faust lobt ihn als einen extrem sachkundigen und grosszügigen Gönner. Kein Wunder: Der Elite-Uni, an der er 1965 seinen Master machte, schenkte er 140 Millionen Dollar. Mit 35 Millionen Dollar war er am grössten privaten Landkauf in den Vereinigten Staaten beteiligt. Der Erwerb hatte zum Ziel, in den Rocky Mountains die Jagdgründe von Wolf, Luchs und Grizzly zu sichern.

Dass sein Engagement in der Schweiz nicht ganz so gross ist, hat nicht nur damit zu tun, dass Wyss seit gut 35 Jahren mehrheitlich in Amerika lebt, sondern auch mit der Art und Weise, wie ihn die hiesigen Behörden behandelten. Wyss wollte seiner Heimatstadt Bern 20 Millionen Franken für den Ausbau des Kunstmuseums schenken. Er wäre bereit gewesen, den Umbau des Progymnasiums, in dem er einst sitzen geblieben war, in ein Museum für Gegenwartskunst zu finanzieren. Doch die Berner Behörden gingen derart ungeschickt vor, dass sich Wyss brüskiert fühlte und sein Angebot zurückzog. Sein Fazit: «Nichts ist so schwierig, wie der Stadt Bern ein Geschenk zu machen.»

Besser behandelt fühlt sich Wyss offenbar in Basel, wo er als Präsident der Beyeler-Fondation das Museum mit viel Geld unterstützt. Doch Wyss – ein grosser Liebhaber der Malerei des 20. Jahrhunderts – verfolgt nicht nur die Kunstszene äusserst aufmerksam. Der Hobbypilot, Tennisspieler und Kletterer hat auch ein grosses Herz für Bubenträume: Die Furka-Bergstrecke war ihm genauso ein paar Millionen wert wie der Erhalt des alten Sessellifts auf den Weissenstein im Solothurner Jura. Und im Garten der Villa, die der reiche Onkel aus Amerika auf der Prominenteninsel Martha’s Vineyard besitzt, steht eine grosse Spielzeugeisenbahn.

Weil Wyss trotz Reichtum und Mäzenatenstatus auch die reale Eisenbahn weiterhin unerkannt besteigen können will, liegt dem eigenwilligen Unternehmer viel daran, dass sein Gesicht möglichst selten in den Medien erscheint.

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