«In Schwamendingen hat es Platz für mehr Wohnungen»

Als Direktor des Amtes für Städtebau redet Patrick Gmür bei der Entwicklung von Zürich ein gewichtiges Wort mit. Statt neue Hochhäuser zu realisieren, will er lieber Schwamendingen ausbauen.

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Jvo Cukas

Als Direktor des Amtes für Städtebau sind Sie massgeblich daran beteiligt, wie sich Zürich in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird. Was sind die wichtigsten Pläne, welche die Stadt in punkto Verdichtung in Zukunft realisieren will?
Grundsätzlich müssen wir einerseits auf grundlegende Bedürfnisse reagieren, wie beispielsweise den erhöhten Bedarf an Wohnraum, uns aber gleichzeitig bewusst sein, dass wir mit dem Land sorgfältig umgehen müssen. Es ist ein kostbares Gut sowie eine Frage der Nachhaltigkeit. So macht es am meisten Sinn, dort zu verdichten, wo bereits Infrastrukturen, wie zum Beispiel Haltestellen des öffentlichen Verkehrs, vorhanden sind. Zudem wollen wir nicht nur das Zentrum der Stadt entwickeln, sondern vor allem die Nebenzentren, also Oerlikon, Altstetten oder das Gebiet rund um den Bahnhof Hardbrücke.

Was heisst das konkret?
Nehmen wir als Beispiel das Gebiet rund um den Hauptbahnhof: Dieses ist bereits nahe an seiner Kapazitätsgrenze. Man kann dort keine neuen Tramlinien bauen, es gibt schlicht keinen Platz mehr. Mit dem Ausbau des Bahnhofs Oerlikon, beispielsweise, können wir die Situation langfristig entlasten. Es ist zudem geplant, dass die Tramlinie 8, die als Tangentiallinie neu über die Hardbrücke geführt wird, bis ins Jahr 2024 die Bahnhöfe Altstetten, Hardbrücke und Wiedikon miteinander verbindet. So werden die Nebenzentren attraktiver und sie können wachsen.

Und bezüglich Wohnungsbau: Was wird dort geschehen?
Mit der aktuellen Bau- und Zonenordnung haben wir noch sehr viele Reserven für Wohnungen. Nicht in der Altstadt, da wird heute schon sehr dicht gewohnt, sie abzureissen wäre darum ein Schildbürgerstreich. In Schwamendingen hat es Platz für mehr Wohnungen. Einerseits gibt es da viele Wohnungen aus den 30er bis 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, die bezüglich ihrer Grösse, den sanitären Anlagen, dem Energieverbrauch sowie des internen Schallschutzes nicht mehr den heutigen Anforderungen genügen. Andererseits gibt es dort viele Grünräume, die als Baureserven genutzt werden können. Die grosse Herausforderung ist es, die Qualität der Grünräume zu halten und trotzdem zu verdichten.

Aber gerade in Schwamendingen stellt sich doch auch die soziale Frage: Neubauten – auch genossenschaftliche – werden teurer sein, als die alten. In Schwamendingen leben viele Wenigverdiener. Werden die nicht einfach verdrängt?
Sie haben natürlich recht. Wenn man heute dort 900 Franken für eine Dreizimmer-Wohnung bezahlt, wird man sich als Wenigverdiener eine Verdopplung kaum leisten können. Man muss dies aber langfristig betrachten: Als zum Beispiel die Genossenschaft Rotach um 1930 beim Triemli baute, kostete eine Dreizimmer-Wohnung 300 Franken. Ein durchschnittliches Lehrergehalt betrug damals 400 Franken. Die Wohnungen waren erstmals also teuer. Da die Mieten bei Genossenschaften aber nur wenig ansteigen, gehören die gleichen Wohnungen heute mit 900 Franken Miete zu den sehr günstigen. Ein genossenschaftlicher Neubau mag heute zuerst teurer sein als der dafür abgerissene Altbau. Auf lange Sicht werden die Wohnungen aber zu den günstigeren gehören. Entscheidend ist, dass in Zürich mehr gemeinnützige Wohnungen gebaut werden, die der Spekulation entzogen sind. Gerade bei grösseren Wohnbaugenossenschaften ist eine behutsame Etappierung entscheidend, das heisst, dass die Erneuerung in verschiedenen Schritten geplant wird, damit immer kostengünstiger Wohnraum bestehen bleibt.

Sie sagen, in Schwamendingen gebe es viele Grünflächen, die als Baureserve genutzt werden könnten. Müsste man diese nicht möglichst bewahren?
Es ist eine anspruchsvolle Frage, wie man einerseits verdichten und andererseits die Identität eines Stadtviertels erhalten kann. Schwamendingen zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass es sehr grün ist. Aber wenn man den vorhandenen Platz besser nutzen will, wird es Veränderungen geben müssen. Der Stadtplan Schwamendingens folgt der Gartenstadtidee. Diese war eine Antwort auf die unwirtlichen Städte der Industrialisierung. Viele der Grünflächen werden heute aber kaum genutzt, sie schaffen einfach Abstand zwischen den einzelnen Häusern. Wenn wir nun neu bauen, werden diese Grünflächen zwar oft kleiner, aber gleichzeitig werden sie auch aktiver genutzt. Als Spielplatz für Kinder oder Erholungsraum – auch hier sind wir mit innovativen Lösungsansätzen gefordert.

Müsste man beim Thema Verdichtung nicht einfach mehr Mut beweisen und zum Beispiel viel mehr wirkliche Hochhäuser – wie bei der Hardau – bauen? In der Höhe gibt es ja noch viel Platz.
Hochhäuser zu bauen ist zwar für Architekten sehr attraktiv, aber eher unwirtschaftlich. Der Bau ist zehn bis fünfzehn Prozent teurer, weil man alleine wegen Sicherheitsfragen viel mehr investieren muss. Erdbeben, Feuer, Wind: dies bedingt grössere Investitionskosten. Eine Wohnung mit 100 Quadratmetern kostet dort deshalb etwa 5000 Franken Miete. In diesem Segment ist der Markt aber bald gesättigt. Wenn Sie schauen, welche Stadtkreise heute besonders beliebt sind, Kreis 3, 4 oder 5 etwa, so wird dort die vorhandene Fläche zu 160 bis 200 Prozent genutzt. Also für jeden Quadratmeter Boden, haben sie um die zwei Quadratmeter Wohnfläche. In Schwamendingen liegt dieser Wert erst bei 90 Prozent. Das Heil liegt meiner Meinung nach nicht darin, in die Höhe zu bauen, sondern die Nutzung des vorhandenen Bodens zu verbessern – also eben zu verdichten. Unsere heute gültige Bau- und Zonenordnung hat zum Glück noch viel Verdichtungspotential.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Woran beisst man sich als Stadtplaner am meisten die Zähne aus?
Zürich ist ein Erfolgsmodell. Die Attraktivität unserer Stadt zeigt sich auch im Bevölkerungswachstum. Ich bin überzeugt, dass eine wachsende Stadt besser ist als eine schrumpfende. Es ist aber eine grosse Herausforderung, einerseits das zu erhalten, was Zürich erfolgreich macht und andererseits auf die Veränderungen zu reagieren. Es ist nicht immer einfach die heutigen Stärken der Stadt zu stärken und gleichzeitig an deren Schwächen zu arbeiten. Zudem erhoffe ich mir manchmal vermehrten Pioniergeist mit unseren übergeordneten Projekten, wie mit dem Fussballstadion, Kunsthaus oder dem Sechseläutenplatz – diese offenbar grossen Chancen für unsere Stadtbevölkerung. Dazu wünsche ich mir Mut und Optimismus.

DerBund.ch/Newsnet

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