Eine Siedlung gegen die soziale Segregation

Abstimmung vom 14. Juni: Wer Armenghettos für gefährlich hält, kann auch keine Ghettos für Reiche wollen.

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Anita Merkt@tagesanzeiger

Ein Drittel der Zürcher Mietwohnungen soll zu Preisen vermietet werden, die die Kosten decken. Das forderten die Zürcher Stimmberechtigten am 11. November 2011 von ihrer Regierung. Das Votum für dieses ehrgeizige Ziel fiel mit einem Ja-Anteil von 76 Prozent deutlich aus. Es war nicht zuletzt Ausdruck eines weit verbreiteten Unbehagens, das schnell in pure Existenzangst umschlagen kann. Dann nämlich, wenn jemand die Wohnung verliert, wenig bis durchschnittlich verdient und auf dem leer gefegten Wohnungsmarkt eine neue Bleibe finden muss.

Im Seefeld war diese Angst in den letzten Jahren besonders präsent. In rasantem Tempo wurden und werden dort günstige Altbauwohnungen weggeputzt, um teuren Luxusdomizilen Platz zu machen. Wer «leer gekündigt» wird, weil der Eigentümer nach einer Sanierung das Drei- und Vierfache an Miete herausholen kann, findet nur mit allergrösster Mühe, viel Glück und besten Beziehungen wieder eine Bleibe im Quartier. Die «Aufwertung» erfolgte im Seefeld in derart rasantem Tempo, dass der Quartierverein an die Stadt gelangte und den Bau von Wohnungen forderte, die auch der Normalbürger noch bezahlen kann. CVP und EVP verlangten schon 2008 mehr bezahl­baren Wohnraum für Familien.

Blockiert für den Seetunnel

Vor allem den bürgerlichen Parteien ist es zu verdanken, dass im Seefeld noch eine Landreserve zu finden war: Die städtische Liegenschaft am Hornbach war über Jahrzehnte blockiert, weil FDP und SVP dort die Einfahrt zu einem Seetunnel planten. Jetzt be­klagen dieselben Parteien, dass das «hochwertige Land» zu schade sei, um dort Wohnungen für Normalsterbliche zu bauen. Entweder solle die Stadt das Land durch Verkauf vergolden oder am Hornbach «gute Steuerzahler» ansiedeln, die die Wohnlage am See im doppelten Sinne «verdienen».

Gegen den Bau städtischer Wohnungen an Hornbach und Bellerivestrasse haben FDP und SVP eine Kampagne losgetreten, die vor falschen Behauptungen und dem Appell an niedere Instinkte nicht zurückschreckt. Gesponsert wird sie vom Hauseigen­tümerverband, dem der gemeinnützige Wohnungsbau seit je ein Dorn im Auge ist. Wider besseres Wissen wettern FDP/SVP/HEV auf Plakaten und Hochglanz-Flyern gegen «subventionierte Luxuswohnungen». Dabei ist der Grossteil der Wohnungen weder subventioniert noch mit Luxuslogen auch nur entfernt vergleichbar. Die vierspurige Bellerivestrasse, an der die Siedlung zu stehen kommt, wird wohlweislich mit keinem Wort erwähnt.

Die Propaganda der Bürgerlichen appelliert vor allem an die menschlichen Instinkte Neid und Missgunst. Angesichts des angespannten Wohnungsmarkts wird die Nachfrage nach den 80 Hornbach-Wohnungen zur Kostenmiete und den 40 subventionierten Wohnungen das Angebot um ein Mehrfaches übersteigen. SVP/FDP spekulieren darum mit Menschen, die sich keine Chance auf eine der Wohnungen ausrechnen – und sie deswegen auch keinem anderen gönnen. Sie sagen, die Stadt solle günstige Wohnungen woanders bauen – wohl wissend, dass es «günstiges Bauland» auf Zürcher Stadtgebiet nicht mehr gibt.

Egal, wo die Stadt zuletzt gemeinnützige Wohnungen bauen (lassen) wollte: HEV/SVP/FDP sind immer dagegen, das haben sie in der Diskussion zur Wohnüberbauung Kronenwiese genauso gezeigt wie bei jener in der Herdern. Im Übrigen ist die Stadt verpflichtet, in allen Quartieren für eine gute soziale Durchmischung zu sorgen und günstige Wohnungen nicht nur in Randlagen zu bauen. Auch das hat das Volk 2011 klar in der Gemeindeordnung festgeschrieben.

Welches Quartier als nächstes?

Wer heute dafür plädiert, das Seefeld für Reiche zu reservieren, muss damit rechnen, dass als nächstes das Hochschulquartier zur Disposition steht. Gäbe es in Ober- und Unterstrass nicht einen Anteil gemeinnütziger Wohnungen von 27 Prozent, wäre die «See­feldisierung» auch dort schon sehr viel weiter fortgeschritten. Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis sich auch in Wipkingen oder Höngg die Frage stellt, ob man dort teuren Boden für gemeinnützige Siedlungen «verschwenden» darf. Wer jedoch zulässt, dass sich in immer mehr Quartieren nur noch Menschen mit hohem Einkommen und guter Ausbildung treffen, lässt auch zu, dass sich die «bildungsferne» Unterschicht in anderen Gegenden konzentriert. Wo sollen die Menschen noch wohnen dürfen, die die Banker in ihren schicken Restaurants bedienen, ihre Wohnungen bauen und ihre City-Büros putzen, den Abfall am See wegräumen oder im Coop an der Kasse sitzen?

In Rio oder London wohnen Menschen mit solchen Jobs in den Favelas oder fahren zwei Stunden mit dem Bus zur Arbeit. In den USA oder rund um Paris und Marseille gibt es ganze Viertel, in die sich kein Weisser mehr traut. Von einer solchen Segregation anhand von Einkommen, Rasse und Sozialstatus ist die Schweiz weit entfernt. Neben dem hohen Wohlstands­niveau hat sie das auch einer Politik zu verdanken, die anständige Wohnungen für alle und sozial durchmischte Quartiere und Schulen für erstrebenswert hält.

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