Die Ruhelose

Was die Britin Sarah Springman anpackt, macht sie zu Gold. Nun soll sie Rektorin der ETH werden.

Jvo Cukas

Ihr Bewerbungsbrief an die ETH sei zu lang und etwas zu direkt gewesen, wie Sarah Springman vor einem Jahr gegenüber einem britischen Magazin sagte. Geschadet hat er trotzdem nicht. Als die Britin der ETH ihre Forschungspläne im Gespräch unterbreiten konnte, verdoppelte diese die vorgesehenen Gelder auf Anhieb. Seit 1997 ist sie dort nun Professorin für Geotechnik – die erste der Welt –, und gerade hat die Professorenschaft der ETH sie als neue Rektorin vorgeschlagen. Die Wahl soll im Juli stattfinden.

Die heute 58-Jährige hatte ihre Leidenschaft fürs Ingenieurwesen schon früh entdeckt. Bereits als Kind, in London in eine Mittelklassefamilie geboren, liebte sie es, mit ihren Brüdern Sandburgen und Staudämme bei Strandurlauben zu bauen. Mit 15 hatte ihr ein Schulausflug zu Marconi Elliott Automation Systems ihre berufliche Zukunft vor Augen geführt. Sie studierte in Cambridge und merkte bald, dass ihr besonderes Interesse der Bodenmechanik galt. Oder besser: der Interaktion zwischen dem Boden und Gebäuden. Sie schaue, worauf und wie man baue, sagt sie dazu. Ohne den Boden miteinzubeziehen, könne es gefährlich werden. Ein Feld, auf dem sie bis heute forscht und schon nach ihrem Studium in Cambridge praktische Erfahrung in Grossprojekten sammelte. Auf den Fidschi-Inseln und in Nigeria baute sie Dämme, in Australien realisierte sie weitere Projekte.

Zurück in England, stiess die 1,85-Meter-Hünin in einem Heftchen auf ihre nächste grosse Liebe: den Triathlon. Und was sie sich in den Kopf setzt, das zieht sie auch durch, wie Wegbegleiter sie beschreiben. Und wie: Mehr als 20 Medaillen gewann sie in der Sportart, war mehrfach Europameisterin und als Lobbyistin massgeblich daran beteiligt, dass Triathlon vom IOK ins olympische Programm aufgenommen wurde. 2012 erhielt sie für ihre Verdienste für die Sportart den «Commander of the Britisch Empire» verliehen. Von der Queen persönlich.

Einen Hauch von Narzissmus brauche es, um im Triathlon zu Hause zu sein, sagte sie einst. Man sehe besser aus und wachse über sich selbst hinaus. Doch ihre Kollegen an der ETH wussten bis zur Ehrung durch die Queen nichts von ihrem zweiten Standbein. Sie rede nicht darüber, sagt sie. Wenn sie an der ETH sei, arbeite sie an ihren Projekten. Mittlerweile beschäftigen sich diese vermehrt auch mit Naturkatastrophen wie Bergstürzen.

Immer wieder zeigt Springman, dass sie über die reinen Disziplinen hinweg denkt und gerne Neues wagt. Noch in Cambridge regte sie zum Beispiel an, dass ein neuer Ingenieurlehrgang auch Fremdsprachen beinhalten sollte – und arbeitete das Projekt gleich mit aus. Es existiert noch heute und ist mit ein Grund, warum Springman ihr Bewerbungsgespräch an der ETH auf Deutsch bestritt. In Zürich wollte sie ihren Studenten eine flexible Art des Lernens ermöglichen. Sie stellte Podcasts ihrer Vorlesungen ins Netz, genauso wie ihre Notizen dazu und Lehrbücher anderer Dozenten. Anfangs in Deutsch, mittlerweile manche zusätzlich in Englisch.

Zusätzlich kümmert sie sich intensiv um die Frauenförderung im Ingenieurwesen der ETH oder sitzt seit 2012 im Verwaltungsrat der Implenia. Kein Wunder sind für sie die 24 Stunden des Tages meist zu kurz und arbeitet sie oft 80 Stunden die Woche. So dürfte vor allem ein Bedürfnis in ihrem Leben zu kurz kommen: der Schlaf.

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