«Die Goldküste muss verdichtet werden»

Verdichtetes Bauen wird die Mieten in Zürich nicht senken, ist sich Stadtwanderer Benedikt Loderer sicher. Dafür werde es in Zukunft weniger Villen an der Goldküste geben.

«Die Erben überlegen sich genau, wie sie mit den Grundstücken am meisten Geld machen können»: Villa mit Seeanstoss in Erlenbach.

«Die Erben überlegen sich genau, wie sie mit den Grundstücken am meisten Geld machen können»: Villa mit Seeanstoss in Erlenbach.

(Bild: Keystone)

Jvo Cukas

Kaum etwas beschäftigt die Zürcher so, wie der hiesige Wohnungsmarkt. Es gibt kaum leere Wohnungen. Zudem werden die Mieten höher und höher. Eine der neuen Lösungen der Stadt heisst nun: verdichteter Bauen. Lösen wir damit die Probleme?
Hier gibt es zwei Dinge zu sagen. Erstens brauchen wir heute pro Nase 50 Quadratmeter Wohnraum, noch vor 40 Jahren lag diese Zahl bei der Hälfte. Wenn wir doppelt so viel Wohnraum brauchen, ist logisch, dass er knapp wird. Würden wir uns mit 40 Quadratmetern begnügen, wären schlagartig 20 Prozent der Wohnungen leer. Zweitens ist die grosse Klage wegen zu hohen Mieten einfach Augenwischerei. Alle jammern, mieten die teuren Wohnungen aber trotzdem. Der Wohnungsmarkt ist erst dann zu teuer, wenn ihn sich die Leute nicht mehr leisten können.

Aber die hohen Mieten kann sich doch längst nicht jeder leisten. Viele Wenigverdienende werden aus der Stadt gedrängt.
Das ist so. Die Leute begnügen sich mit dem, was sie sich eben leisten können. Die Wenigverdiener werden so oder so abwandern. Nach Opfikon, Schlieren oder an die städtische Peripherie.

Heisst das: Die Verdichtung bringt bezüglich der Probleme überhaupt nichts?
Verdichten heisst ja auch immer abreissen und Ersatzneubauten hinstellen. Meist sind die ursprünglichen Wohnungen gar nicht allzu teuer. Die Neubauten werden aber mit allerhand Schnickschnack ausgerüstet und die Mieten somit teurer. Auch Genossenschaften bauen ja keine Billigwohnungen. Dort geht man ebenfalls davon aus, dass jeder einzelne heute um die 50 Quadratmeter Wohnfläche benötigt. Die Fläche pro Kopf steigt überall an – eben weil wir es uns leisten können.

Aber auf verdichtet bebauten Grundstücken entstehen doch mehr Wohnungen als zuvor dort zu finden waren. Dies müsste die Problematik doch entschärfen.
Man kann auf drei Arten verdichten und diese zusätzlich miteinander verbinden. Entweder baut man mehr Wohnungen auf das gleiche Grundstück, man macht Belegungsvorschriften für die Wohnungen oder man baut kleinere Wohnungen. Letzteres passiert aber kaum. Ich kann mich nur wiederholen: Wir sind fett und haben zu viel Geld. Niemand denkt ans Zurückstecken. Solange wir derartige Mieten bezahlen können, wird sich nichts ändern. Die Grösse der Wohnungen bestimmt das Portemonnaie und nicht irgendein Wohnungsbauprogramm.

Glauben Sie, es gibt irgendwann eine Grenze der Verdichtung, einen Punkt, an dem wir zu sehr aufeinandersitzen?
Das ist sehr individuell. Was den einen völlig kalt lässt, löst beim anderen bereits Platzangst aus. Ein Ghettobewohner kommt sicher weniger schnell an diesen Punkt wie der alemannische Eigenheimbewohner. So lange wir einen freien Wohnungsmarkt haben, suchen sich die Häuser mehr ihre Bewohner aus als umgekehrt. Aber es gibt schon einige Orte in Zürich, zum Beispiel beim Steinfelsareal, wo man die Verdichtung ziemlich ausgereizt hat.

Einige Beispiele von verdichtetem Bauen aus den Siebzigerjahren wirken heute wie gescheiterte Versuche. Der Zürcher Wydäckerring ist ein Beispiel. Heute will da kaum mehr jemand wohnen. Wie müssen wir heute verdichtet bauen, damit die Siedlungen in ein paar Jahrzehnten nicht zu Ghettos verkommen?
Da bürden Sie den Häusern zu viel auf. Es hat wenig mit der Architektur zu tun, ob eine Siedlung langfristig gut durchmischt bleibt, aber viel mit der Vermietungspolitik. Wenn Sie damit beginnen, an einem bestimmten Ort nur Sozialfälle aufeinanderzustapeln, entsteht ein Ghetto. Der Glaube, dass man durch richtiges Bauen das Sozialleben verbessern kann, wurde mittlerweile längst widerlegt.

Gibt es denn keine baulichen Veränderungen, bei denen man gemerkt hat, dass sie das Zusammenleben vereinfachen oder die einem Nischen bieten, in die man sich zurückziehen kann?
Doch, natürlich. Heute hat ja praktisch jede Neubauwohnung einen mindestens zimmergrossen Balkon. Wenn der Architekt nicht allzu ungeschickt war, ist dieser meist auch vor Blicken von Aussen geschützt. Auch die Hauseingänge sind heute viel grosszügiger und weniger anonym, weil die Mütter ja Platz für ihre Kinderwagen brauchen oder oft Velos darin abgestellt werden. Bei alten Bauten hatte man ja oft das Gefühl, ‹you enter the building through the asshole›. Das überlässt man heute den Autos bei der Tiefgarageneinfahrt.

Wenn man an die Konflikte zwischen den Ansprüchen von Partymachern am Wochenenden und Anwohnern, die schlafen wollen, denkt: Führt das verdichtete Bauen und Leben langfristig zu mehr Spannungen?
Das hat damit wenig zu tun. Ich habe selbst jahrelang im Niederdorf gelebt, in einer Wohnung mit 40 Quadratmetern. Damals gab es die Partyszene ebenfalls schon, vieles war illegal und wurde mit der Liberalisierung der 90er Jahre legalisiert. Aber Reklamationen der Anwohner gab es weniger. Der Punkt ist: Das Niederdorf wurde nicht verdichtet, sondern eher entleert. Es wurde zu einem Oberschichtquartier, wo weniger Leute in grösseren Wohnungen leben. Wer 5000 Franken für sein Heim bezahlt, den nervt es, wenn er durch Lärm belästigt wird. Wenn Sie 700 Franken bezahlen, sind Sie eher bereit, damit zu leben.

Das Niederdorf wurde eher entleert, sagen Sie. Wo kann man denn in Zürich verdichtet bauen?
Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass in Innenstädten weiter verdichtet werden kann. Viel sinnvoller ist es in Schwamendingen – wo dies bereits gemacht wird. Und auch bei all den anderen peripheren Einfamilienhaussiedlungen kann man aufstocken. Zudem an der Goldküste: All die Villen, mit ihren Gärten. Da muss sich langfristig etwas ändern.

Ist das wirklich realistisch? Als Villenbesitzer an der Goldküste würde ich wohl kaum freiwillig meinen Garten aufgeben.
Warten Sie nur ab bis all die Grosis dort gestorben sind. Die Erben überlegen sich dann genau, wie sie am meisten Geld mit den Grundstücken verdienen können. Und da machen Mietshäuser mit sechs Wohnungen und einer grossen Attikawohnung im obersten Stock mehr Sinn. Man sieht dies ja schon in Gemeinden wie Freienbach. Dort sehen Sie keine Gärten mit alten Bäumen mehr. Es reiht sich Haus an Haus. Diese Entwicklung ist aber vernünftig.

Gibt es Grenzen? Alles, was verdichtet wird, bedingt ja auch, dass Altes kaputt gemacht werden muss.
Das haben wir immer so gemacht. Auch in der Zürcher Altstadt finden sie kaum ein Gebäude mehr aus dem 15. Jahrhundert, wie eine Untersuchung einmal zeigte. Die meisten Gebäude sind sogar erstaunlich jung. Abbrechen ist normal und selbstverständlich. Anders sieht es mit den Grünflächen aus. Ich bin ein grosser Anhänger der Idee, dass man verbieten sollte, noch existierende Grünflächen zu überbauen. Wenn dann jemand sagt, dass dies nur die anderen Grundstücke verteure, sage ich: wunderbar! Je teurer das Land, desto besser wird es genutzt. Nur billiges Land wird vergeudet.

DerBund.ch/Newsnet

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