«Das ganze Guccimucci-Zeugs kann mir gestohlen bleiben»

Der Artikel über sinkende Mieten an der Bahnhofstrasse hat die Leserschaft zu sarkastischen Kommentaren animiert. Für viele gibt es «keinen Grund mehr, dort einzukaufen».

Geschäfte wie Franz Carl Weber verlassen die Bahnhofstrasse. Viele Leser zieht es darum immer weniger an die Luxusmeile.

Geschäfte wie Franz Carl Weber verlassen die Bahnhofstrasse. Viele Leser zieht es darum immer weniger an die Luxusmeile.

(Bild: Thomas Egli)

Anita Merkt@tagesanzeiger

«Alles, was ich brauche, finde ich auch im Glatt, im Internet oder bei uns im Dorf», schreibt eine Klara Ziegler. Originelle Geschäfte und den früheren Bahnhofstrassencharme finde man immer weniger. Marc Spielmann-Bauer beklagt die «langweilige Uniformität solcher Shopping-Meilen». Die Bahnhofstrasse könnte seiner Meinung nach in jeder x-beliebigen Stadt stehen. Der Friedhof von Montparnasse sei viel interessanter, findet ein anderer Leser.

Für User Xafer Fenk hat «die Globalisierung die Bahnhofstrasse längst erreicht. Weltweit überall die gleichen Läden: Luxus- oder Billigshops, deren Produkte meist unter schlimmsten Arbeitsbedingungen hergestellt wurden», schreibt er. Fenk findet die Städte Frankreichs oder Italiens weit attraktiver, dort gebe es «noch die kleinen Boutiquen, Boulangerien, Delikatessgeschäfte und Strassencafés».

«Unbegrenzte Geldgier der Immobilienbesitzer»

Den Grund für den Wegzug von Traditionsgeschäften sieht User Fenk in der «unbegrenzten Geldgier der Immobilienbesitzer an der Bahnhofstrasse». Das beweise auch die Kündigung des Manor. «Die Immobilienbesitzer und ihre Makler ruinieren die Bahnhofstrasse, weil sie ihren Hals nicht voll genug kriegen können», schreibt Fenk. Die internationalen Labels, die sich an der Luxusmeile breitmachen, seien «so auswechselbar und ohne Charme wie sonst wo auf der ganzen Welt. Niemand besucht wegen H & M, Salt und Co. die Bahnhofstrasse.»

User Thomas Frey stören die masslos überteuerten Cafés, wo sich aufgemöbelte Sekretärinnen und Assistentinnen treffen, um vielleicht einen Bankeranwalt oder schicken Kleiderverkäufer abzubekommen. «Ich gehe dort schon lange nicht mehr hin», schreibt er.

«Mal eben eine Uhr für 250'000 Franken»

Der User namens Paul Kaegi fragt sich, welche Läden entlang der Bahnhofstrasse überhaupt noch benötigt würden, schliesslich sei auch im Bahnhof alles mehrfach vorhanden. «Den Zug verpasst und deshalb noch schnell eine Uhr für 250'000 Franken zu kaufen, ist ja nicht täglich der Normalfall», findet er.

Diva Colombo geht «schon seit Jahren nicht mehr in die Innenstadt. Er oder sie gibt zu bedenken, dass «immer mehr Menschen immer weniger Geld haben. Ich kenne Leute, die an der Bahnhofstrasse arbeiten, die können es sich aber von ihrem Mindestlohn nicht leisten, dort einzukaufen.»

Luxusboutiquen für reiche Ausländer

Für Klara Ziegler sind es neben dem «teuren Einheitsbrei» die «völlig abgehobenen Luxusartikel für reiche Ausländer», die die Bahnhofstrasse uninteressant machen. Auch Peter Huber stört sich an den «überhöhten Preisen in der Bahnhofstrasse und ihren Seitengassen». Selbst in den «guten», weil traditionsreichen Läden gebe es den Kaffee nicht unter fünf Franken, ein Glas Hauswein koste 18 Franken.

Für Rolf Wittwer sind die Läden in der Bahnhofstrasse «nicht auf CH-Kundschaft angewiesen. Solange es Kapitalisten aus Ost und West gibt, werden sie leider weiterexistieren», fürchtet er. Auch für Userin Lilian Moschin warten die Läden an der Bahnhofstrasse mit ihren «horrenden Preisen schon lange nicht mehr auf den Mittelstand. Sollten Manor oder Coop auch noch eines Tages weg sein, dann gute Nacht», schreibt sie. «Das ganze Guccimucci-Zeugs kann einem gestohlen bleiben.»

Die Bahnhofstrasse sei bloss noch für «Shopping-Touristen aus dem Ausland» finden gleich mehrere Leser. Der normale Zürcher sei dort doch überhaupt nicht mehr gefragt.

Agglobewohner brauchen ihren Parkplatz

«Der Städter kauft in seinem Quartier ein, die Agglos im Glattzentrum und Spreitenbach, und die Autofetischisten geniessen ihren Samstag im Dietliker Stau», findet Kurt Esslinger. Und gleich ist die Diskussion entbrannt zwischen Autofahrern, die sich über mangelnde und zu teure Parkplätze in der Zürcher City beklagen, und glühenden Befürwortern des ÖV.

«Als Autofahrer meide ich die City – massiv überteuerte Parkhäuser und Parkfelder, zunehmendes Politessen-Personal, welches gerne und immer Parkbussen verteilt», schreibt Marc Gubler.

Eine Userin mit Namen Martina Steiner erzählt: «Früher mochte ich das Einkaufen an der Bahnhofstrasse, weil man ohne Probleme mit dem Auto einen bezahlbaren Parkplatz fand – sogar an Samstagen. Ich fahre nicht mit dem Zug in die Stadt und trage dann den ganzen Tag 10 Taschen mit mir herum.»

«Braucht es für Uhren und Taschen ein Auto?»

Vanja Stäheli fährt schon seit Jahren nicht mehr in die Stadt. «Geschäfte und Restaurants mit Parkplatz vor der Haustüre werden von mir bevorzugt und rege in Anspruch genommen.»

Toni Dubs bemerkt dazu: «Genau, Uhren sind so gross und schwer, dass man sie nicht im ÖV transportieren kann.» User Martin Braun findet, genau wegen solcher «Agglos» gebe es in der Stadt ein Verkehrs- und Parkproblem. «Jeder fährt trotz gutem ÖV mit dem Auto in die Stadt und ärgert sich über den Verkehr und die teuren Parkgebühren.»

Hanspeter Kradolfer macht sich lustig über Parkplatznostalgiker, die «gerne vor dem Globus parkieren möchten, um dort schnell einen Burger zu essen». Mehrere Leser erinnern daran, «dass die Bahnhofstrasse so heisst, weil es dort einen Bahnhof gibt».

Dafür, dass jemand «von Altstetten mit dem Auto in die City fährt, um dort eine Uhr oder ein Handtäschchen zu kaufen», haben sie kein Verständnis. Pascal Padrutt fragt eine Altstetter Autofahrerin: «Sie kennen aber schon die Institution VBZ?»

Der User mit dem Pseudonym Audi Frei hat aus der «militanten sowie ideologisch getriebenen Autohasser-Rot-Grün-Politik mit entsprechend unattraktivem PP-Angebot» seine Konsequenzen gezogen: «Seit über zehn Jahren gibts meinerseits keine freiwilligen Ausgaben für Konsumgüter mehr in der Stadt ZH!»

Lästern über Auto fahrende Agglobewohner

Wie immer lästern die Stadtzürcher gerne über die Bewohner der Agglomeration. So weist Oliver Schmid darauf hin, dass «nebst ausländischen Touristen auch sehr viele Agglos ihren Samstagnachmittag an der Bahnhofstrasse in Zara, H & M und Co. verbringen».

Agglobewohner Lukas Aeschbacher kontert selbstbewusst: «Ich kaufe noch in gerade mal zwei Läden in der Stadt ein – so lange, bis ich auch für diese Ersatz in der Agglo oder online gefunden habe. Aber hey, ihr Städter wollt doch genau das, ihr seid froh um jeden Agglo, der nicht in die Stadt kommt. Es läuft alles nach rot-grünem Plan: Quartiere werden von bösen Autos befreit, aufgewertet und gentrifiziert, die Innenstadt durch Flagship-Stores und Filialen von internationalen Franchise-Unternehmen globalisiert, und Fixie fahrende Hipster zelebrieren ihre urbane Individualität in verdichteten Sichtbetonwohnungen und geheimtippartigen Pop-up-Stores und -Restaurants. So seien doch alle glücklich und zufrieden.»

Beat Graf findet es dafür lustig, «wenn die ÖV-Fetischisten mit ihren gefüllten Papier- und umweltfreundlichen Plastiktüten ins Tram und in den Bus steigen und mit ihrem Gepäck freie Sitzplätze belegen. Anschliessend wird noch genüsslich ein stinkendes Fast Food verzehrt und ein Schlückchen stilles Wasser aus der PET-Flasche gesüffelt, welche dann in den zu kleinen Abfallbehälter im Tram gemurkst wird.»

Hoffnung für die Bahnhofstrasse

Parkplätze hin oder her, Mitleid mit den Immobilienbesitzern angesichts angeblich stagnierender Ladenmieten haben weder eingefleischte Autofahrer noch ÖV-Fans. Für Paul Meier haben die Immobilienbesitzer an der Bahnhofstrasse «den Zug schon lange verpasst. Anstatt an einem guten Ladenmix mit Verpflegungsmöglichkeiten interessiert zu sein, galt nur das eigene Portemonnaie – je höher die Mieten desto besser.

Die Bahnhofstrasse hat schon lange die Attraktivität als Einkaufsbummelstrasse oder Flaniermeile verloren. Schade! Aber, da zeigt sich halt wieder die Kurzsichtigkeit des Kapitals!» Für Hans Gärtner hat «die Gier die Bahnhofstrasse zerstört, keineswegs der starke Franken. Ich kann das nicht mehr lesen.»

«Sie begreifen nicht, dass sie am Ende selbst die Leidtragenden sind, wenn Läden wie Franz Carl Weber die Bahnhofstrasse verlassen, weil sie sich die Miete an der Luxusmeile nicht mehr leisten können», gibt ein anderer Leser zu bedenken.

Willi Gugler hat für die gebeutelten Vermieter Trost parat: «Das sind bloss kurzzeitige Konjunkturschwankungen», ist er überzeugt. «Die Vorteile einer Einkaufs- und Flaniermeile gegenüber dem Internet- und Versandhandel liegen auf der Hand. Hier trifft man vor und hinter der Ladentheke auf weltoffene Menschen. Im Zuge der Globalisierung wird das Publikum zudem vielfältiger und attraktiver. Langfristig werden die Umsätze auch an unserer hübschen Bahnhofstrasse wieder wachsen.»

DerBund.ch/Newsnet

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