Beim ÖV haben Zürichs Gäste das Nachsehen

Die grossen Schweizer Städte bieten ihren Touristen Gratis-ÖV-Billette an – ausser Zürich. Dort müssen sich Hoteliers selber helfen.

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Was Basel, Genf, Luzern und Lausanne haben, führt ab dem 1. Juni auch Bern ein: Gratis-ÖV für Hotelgäste. Auf der Liste der Anbieter des Mobility-Tickets stehen viele grosse Tourismusdestinationen der Schweiz. Eine entscheidende Stadt aber fehlt: Zürich, laut eigenen Angaben «die wichtigste Schweizer Tourismusregion», verzichtet auf ein solches Angebot. Hier müssen Touristen ÖV-Fahrten selber bezahlen.

«Auch Zürich hat dieses Angebot vor einem Jahr gründlich analysiert», sagt Marianne Dobler, Leiterin der Geschäftsstelle des Zürcher Hotelier-Vereins. «Für uns war es damals jedoch kein Thema, da die City Tax, welche beim Gast erhoben wird, sehr viel höher ausgefallen wäre.» 2.50 Franken überweist jedes Hotel, das Mitglied ist, pro Übernachtung an Zürich Tourismus.

ZVV und Zürich Tourismus uneinig

«Die Einführung eines solchen Services wäre mit höheren Kosten verbunden gewesen. Dies wollte man dem Gast nicht zumuten.» Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) hat damals die Kosten berechnet und mit den Hoteliers einen Tarif ausgehandelt. «Da das Zürcher Verkehrsnetz aber sehr gut erschlossen ist, sind die Kosten auch dementsprechend hoch», sagt Dobler.

Dies wird auch von Zürich Tourismus bestätigt. «Zusammen mit den Zürcher Hoteliers beschäftigen wir uns schon seit einigen Jahren mit der Integration der öffentlichen Verkehrsmittel in die City Tax. Die Verhandlungen mit dem Zürcher Verkehrsbund verlaufen jedoch harzig», wie Zürich Tourismus auf Anfrage mitteilt. «Uneinigkeit herrscht vor allem über Umsetzung und Preisfragen.»

Beim ZVV heisst es, man begrüsse grundsätzlich Massnahmen zur Förderung des öffentlichen Verkehrs. Doch Thomas Kellenberger, Mediensprecher des Zürcher Verkehrsverbundes, gibt zu bedenken, dass der ZVV den gesetzlichen Auftrag habe, den öffentlichen Verkehr nach wirtschaftlichen Grundsätzen zu gestalten. «Daher ist es am Schluss ein politischer Entscheid», sagt Kellenberger.

Steuerzahler müssten einspringen

Denn der öffentliche Verkehr in Zürich ist nicht kostendeckend. Das jährliche Defizit wird durch die Steuerzahler finanziert. «Bei der Einführung eines Gratis-Mobility-Tickets würde das Defizit weiter erhöht.» Schliesslich würde der Steuerzahler für die Gratisleistungen für Touristen in der Stadt Zürich bezahlen. «Das müsste politisch gewollt und im ganzen Kanton abgestützt sein», sagt Kellenberger weiter.

Ausgerechnet in der grössten Schweizer Stadt werden die Touristen also weniger bevorzugt behandelt als in anderen Destinationen. Ein Rückgang der Gäste wegen dieses fehlenden Angebotes sei aber nicht ersichtlich, erklärt Dobler. «Im Gegenteil: Im Vergleich zum letzten Jahr sind die Übernachtungszahlen gestiegen.» Zürich bleibt weiterhin sehr attraktiv und beliebt als Reisedomizil. «Auch sind viele Touristen oft zu Fuss unterwegs», sagt Dobler weiter.

Derzeit gibt es jedoch einige Hotels, die dieses Angebot von sich aus anbieten. Sie geben ihren Gästen die ZVV-Tageskarte von 8.40 Franken ab. «Dies wird aber nicht an die grosse Glocke gehängt», sagt Dobler. «Die verschiedenen Hotels vermarkten dies selbst.»

Zürichcard für 24 Franken

Laut Zürich Tourismus geniesst Zürich international einen sehr guten Ruf, was die öffentlichen Verkehrsmittel betrifft – «sie sind bei Touristen sehr beliebt». Jedoch gesteht Zürich Tourismus ein, dass die Limmatstadt hinterherhinkt. «Verglichen mit anderen Schweizer Städten, die das Benutzen der öffentlichen Verkehrsmittel gratis anbieten, mag Zürich tatsächlich weniger attraktiv sein.»

Zürich Tourismus biete jedoch eine Alternative an. Mit der Zürichcard kann der ÖV kostengünstig genutzt werden. Zusätzlich profitiere der Gast von freiem Eintritt in viele Museen und weiteren Vergünstigungen. «Dieses Angebot ist bei Touristen sehr beliebt», sagt Zürich Tourismus. Auch wenn die Zürichcard einiges beinhaltet, müssen Gäste für dieses Angebot tiefer in die Tasche greifen. Die Karte kostet 24 Franken für 24 Stunden und ist für jeden erhältlich. Es ist also kein exklusiver Service für Hotelgäste – und erst recht nicht in der Übernachtung inbegriffen.

DerBund.ch/Newsnet

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