Abgedrängt – Zürichs Velokarte der Angst

Selbstversuch: 18 Orte in Zürich, wo es für Velofahrer eng und gefährlich wird. DerBund.ch/Newsnet hat die Stellen abgefahren.

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Ein idyllischer Streifen zeigt eindrücklich, wieso die Velofahrer in Zürich mit den Autofahrern permanent in einer Krisensituation leben. Zwischen dem Milchbucktunnel und dem Central führt ein breiter Weg das Neumühlequai entlang. Er ist übersichtlich, als Velofahrer rollt man entlang der Limmat, dahinter der Platzspitz, links stehen Bäume – und plötzlich wird man in die Strasse hineingewiesen. Zwischen Büschen hindurch fährt man den Autos direkt vor die Haube. Bremsen, Hupen, der Puls steigt. Wo ist der Velostreifen? Rasch nach vorn zur Kreuzung, um bei Grün nicht übersehen zu werden.

Auf diesen wenigen Metern wird klar, woran es auf Zürichs Strassen mangelt: an Platz, an der Signalisation und an ­einem Velowegnetz, das diesen Namen verdient hat. Das zuständige Tiefbau­departement von Stadtrat Filippo Leu­ten­egger (FDP) schreibt dazu auf seiner Website: «Veloprobleme müssen dort gelöst werden, wo sie entstehen. Auf und nicht neben der Strasse.» Deshalb werde der Veloverkehr in der Regel gemeinsam mit dem motorisierten Verkehr auf der Fahrbahn geführt. Das ist laut dem Departement ein Vorteil für Velofahrende. Sie würden so «zügiger vorankommen und geniessen einen grösseren Bewegungsspielraum».

Solche Sätze mögen für einzelne Strassenabschnitte gelten. Ein Zürcher Velofahrer würde aber nicht im Traum auf diese Beschreibung kommen. Oft ist genau das Gegenteil der Fall: Der ­vorhandene Bewegungsspielraum ist äusserst knapp, und das Radfahren ist ­alles andere als ein Genuss.

Frustrierendes Fazit

Der Verkehr in Zürich ist so eng ineinander verknüpft, dass sich die Teilnehmer gegenseitig das Leben schwer machen. Die Hackordnung ist klar: Autolenker bedrängen Velofahrer, Velofahrer machen Fussgängerzonen unsicher. Auf die bestehenden Gesetze pochen reicht ­dabei nicht.

Weshalb, zeigte eine Testfahrt im Morgenverkehr. Mit einem Redaktionskollegen fuhr der Autor dieser Zeilen 27 Kilometer weit absolut korrekt durch Zürich. Immer auf der rechten Seite, nie links überholt, auch keine stehende Kolonne. Das Fazit ist frustrierend. Vorwärts kommt man nur sehr langsam. Ein Viertel der Zeit steht man. Nicht nur wegen der vielen Rotlichter. Allzu oft ist der Fahrstreifen auf der rechten Seite von Autos, Lastwagen und anderen Hindernissen blockiert.

Viel bemerkenswerter ist jedoch die zweite Erkenntnis: Das ­Sicherheitsgefühl steigt nicht an. Im Gegenteil: Subjektiv fühlt man sich permanent in Gefahr, abgedrängt oder von Rechtsabbiegern übersehen zu werden. Das fällt denn auch jedem ins Auge, der den Strassenverkehr beobachtet. Kaum ein Velofahrer beachtet alle Regeln. ­Dieses Bild bestätigt zudem eine nicht repräsentative Umfrage des DerBund.ch/Newsnet. Von über 3400 Teilnehmern geben nur rund 12 Prozent an, sich immer an die Gesetze zu halten. Immerhin knapp die Hälfte tut es «meistens», gut 40 Prozent hingegen folgen aber «selten» bis «nie» der Strassenverkehrsordnung.

Und plötzlich ist fertig

So weit kommt die grosse Masse an Stadtbewohnern jedoch gar nicht erst. Laut Statistik benutzen nur wenige Prozent der Bevölkerung das Velo als alltägliches Verkehrsmittel. Der Stress auf der Strasse ist zu gross. Die Angst, in einen Unfall verwickelt zu werden, fährt mit.

Der Hauptgrund sind die unzähligen Velowege, die plötzlich aufhören zu existieren. Das lässt sich aus Raumnot nicht überall verhindern, an vielen Stellen ist jedoch nicht nachvollziehbar, weshalb der Verkehr nicht besser entflechtet wird. Die verschiedenen Verkehrsteilnehmer brauchen klar markierte Wege. Das ist besonders bei neu gestalteten ­Verkehrsknoten unverständlich.

Auch wenn sich der rot-grün dominierte Stadtrat velofreundlich gibt, so hat er es etwa bei der Schmiede Wiedikon, an der Ecke Kalkbreite-/Bade­nerstrasse oder im Gebiet zwischen Bahnhof Hardbrücke und Escher-Wyss-Platz verpasst, durchgehende und sichere Velowege miteinander zu verbinden.

Dadurch wird es unmöglich, im Zusammenhang mit Zürich von einem Velowegnetz zu sprechen. Es ist höchstens ein Flickenteppich. Diese Situation will nun die Veloinitiative ändern. Je nach Vorschlag sollen mit sechs oder zehn Millionen Franken jährlich die Velowege ausgebaut oder sicherer gemacht werden. Als Stadtbewohner und Velofahrer sind solche Vorschläge zu begrüssen. Als Stadtbewohner und Autofahrer auch. Wer ein Steuer in der Hand hat, möchte nicht Gefahr laufen, einen Radfahrer zu verletzen. Und schliesslich haben auch Fussgänger ein Interesse daran, dass es im Verkehr freundlicher zu- und hergeht. Dafür werden Zweiräder allzu oft in Fussgängerzonen geschickt. Mischverkehr nennen das die Experten. Dort sind acht Stundenkilometer erlaubt. Klassifiziert als Pferdetempo-Zone. Das ist kein Scherz. Aber Mist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2015, 08:27 Uhr

Sehr knapp: Wie hier am Neumühlequai haben Velofahrer oft zu wenig Platz, um sich sicher zu fühlen. Foto: Urs Jaudas

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