«Bloss keine Zombiearchitektur mehr!»

Stadtentwickler Philipp Klaus empfiehlt der SBB, für die neue Wohnsiedlung an den Zürcher Gleisen auf die Bevölkerung zu hören. Und er macht einen Vorschlag.

Auf dem SBB-Areal Neugasse (Bildmitte), wo heute Züge repariert werden, sollen Wohnungen für 900 Personen gebaut werden.

Auf dem SBB-Areal Neugasse (Bildmitte), wo heute Züge repariert werden, sollen Wohnungen für 900 Personen gebaut werden.

(Bild: Reto Oeschger)

Pascal Unternährer@tagesanzeiger

Wie beurteilen Sie die gestrige Ankündigung der SBB und der Stadt Zürich, grosse Areale in der Bahnschneise weiterzuentwickeln?
Es ist eine Charmeoffensive der SBB. Sie reagiert auf die breite Kritik, nur Geld und Rendite zu bolzen. Bisher vergoldete die SBB ja ihren Boden, den sie vor über 100 Jahren fast gratis erhalten hatte.

Sie sprechen vermutlich die Europaallee an.
Nicht nur. Aber im Projekt Europaallee hat die SBB tatsächlich alle Register gezogen. Und es ist klotzig und kühl.

Was wünschen Sie sich beim neuen Wohnprojekt an der Neugasse?
Bloss keine Zombiearchitektur mehr! Und keine permanente Wiederholung des Rechtecks. Konkret kann man bezüglich Funktionsmischung, Gemeinschaftsflächen und Urbanität an Projekte wie der Siedlung Kalkbreite anknüpfen.

Kann eine Wohnüberbauung direkt an den Geleisen überhaupt funktionieren?
Ja. Dafür gibt es gute Beispiele in München und Wien. Für die Neugasse empfehle ich allerdings weniger Volumen als in den genannten Städten. Weil weniger Fläche vorhanden ist.

In direkter Nachbarschaft des neuen Projekts gibt es drei Architekturkonzepte: Blockrandsiedlung, Stufenbau à la Lochergut und die sogenannten Sugus-Häuser, also eine lockere Klötzliansammlung. Was soll nun dazwischen entstehen?
Wichtig ist, dass Luft drinbleibt und ein Anschluss an den Kreis 5 entsteht. Etwas Schwerfälliges passt nicht in die Umgebung, ein zu hoher Bau stellt das halbe Quartier in den Schatten. Vielleicht kann man aber eine Mischung der drei Stile wagen und drei Kalbreite-Siedlungen hinstellen.

Die SBB beteiligen die Öffentlichkeit in einem sehr frühen Projektstadium. Wie beurteilen Sie diesen Schritt?
Sehr positiv, ich bin ein Verfechter der Partizipation. Entscheidend ist nun, dass eine Moderation stattfindet und Regeln festgelegt werden.

Was für Regeln?
Regeln braucht es, damit klar ist, was der Absender will und was der Empfänger darf. Ich würde in Schritten vorgehen. Zunächst Bedürfnisse abchecken, Meinungen einholen. Dann Infoveranstaltungen abhalten, Workshops und Versammlungen. Es muss immer bekannt sein, worüber man redet und wer wie viel zu sagen hat. Sonst riskiert man, Versprechungen nicht einzulösen.

Philipp Klaus ist Wirtschafts- und Sozialgeograf. Er ist Mitgründer des Inura Zürich Instituts und beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Stadtentwicklung.

DerBund.ch/Newsnet

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