Wenn ein Kind den Staat ans Limit bringt

85'000 Franken kostet die Spezialbetreuung des 12-jährigen «Boris» monatlich – weil alle üblichen Angebote nicht helfen. Und er ist kein Einzelfall.

Einsam und kaum zu bändigen: Manche Kinder bringen den Staat ans Limit. (Illustration: Robert Honegger)

Einsam und kaum zu bändigen: Manche Kinder bringen den Staat ans Limit. (Illustration: Robert Honegger)

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Der Junge ist zwölf Jahre alt, und er bringt das System an den Anschlag. ­Normalerweise steht Kindern und Jugendlichen, die Hilfe brauchen, deren Leben in Scherben liegt, eine ganze Reihe von Heimen und Institutionen offen, viele davon hochgradig spezialisiert.

Aber der Junge, von dem hier die Rede ist, ihn hat die spezialisierteste der spezialisierten Stationen im Kanton ­Zürich, die Kinderstation Brüschhalde der Psychiatrischen Uniklinik, nur unter einer Bedingung aufgenommen: dass ihn ein Security-Mann bewacht. 24 Stunden, 7 Tage die Woche. Die Kosten für dieses Setting: rund 40'000 Franken. Zusätzlich zu den etwa 45'000 Franken, die der Aufenthalt in der Brüschhalde sowieso kostet.

Auf dem Pult von André Woodtli, Chef des Amts für Jugend und Berufs­beratung (AJB), das für die Aufsicht über die Kinder- und Jugendheime und die Pflegefamilien verantwortlich ist, landen immer wieder Fälle wie jener des angesprochenen Jungen. «Boris» hat ihn der «Blick» getauft; seit die «Schweiz am Wochenende» die Geschichte publik gemacht hat, berichtet der «Blick» fast täglich über den Jungen, der in Wettswil wohnt. Dessen Mutter klagt, die Therapien, denen sich ihr Bub auf Geheiss der Kindes- und Erwachsenenschutz­behörde (Kesb) unterziehen müsse, machten ihn nur aggressiver. Sie würde ihn lieber wieder zu sich heimnehmen und dort behandeln lassen.

André Woodtli untersteht dem Amtsgeheimnis. Details über «Boris» darf er nicht nennen. Aber er weiss viel über jene Handvoll Kinder, die das etablierte Behandlungssystem an die Grenzen bringen. Es sind, schätzt er, im Kanton Zürich vielleicht fünf bis sechs im Jahr, die in keiner Institution tragbar sind, die nirgends mehr aufgenommen werden. Es sind Kinder, wie auch der berüchtigte «Carlos» eines war. Auch der war schon mit zwölf kaum mehr unterzubringen.

Nie den Rücken zuwenden

Was macht diese Kinder anders als andere? In einem Ausdruck zusammengefasst: «Ihre totale Unberechenbarkeit», sagt Woodtli. Es ist eine Antwort, die auch andere Fachleute geben, fragt man sie nach einer Typologie dieser extrem schwierigen Kinder. Und unberechenbar heisst genau das. Niemand weiss, was ein solches Kind im nächsten Moment tut. «Denen dreht man kaum den Rücken zu», sagt Woodtli.

Die Rede ist hier nicht vom üblichen Blödsinn, den Kinder manchmal so im Kopf haben. Die Rede ist von Kindern, die unvermittelt die Familienkatze an die Wand schleudern, sodass das Tier verendet. Die ganze Zimmer zu Kleinholz schlagen. Woodtli weiss von einer Pflegefamilie, die im allerletzten Moment verhindern konnte, dass ein ­Zögling das Haus in Brand steckte.

Niemand kann wirklich sagen, was im Kopf eines sogenannt unberechenbaren Kindes jeweils gerade vorgeht. Illustration: Robert Honegger

Aber es sind nicht nur solch drastische Vorfälle, welche die Arbeit mit einem solchen Kind so schwierig machen. Die Unberechenbarkeit prägt den täglichen Umgang, sie sorgt bei allen, die mit ihm zu tun haben, permanent für Anspannung. «Wenn ein Kind andere täglich bedroht, wenn seine Stimmung völlig unvermittelt von Lächeln zu gewalttätigen Übergriffen kippt oder wenn sich eines nur schon regelmässig stundenlang versteckt und keiner weiss wo, dann ist das für die Mitarbeitenden in einem Heim unglaublich belastend», sagt André Woodtli.

Hinzu kommen die Auswirkungen auf die anderen Kinder innerhalb einer Institution. Ist eines überhaupt nicht berechenbar, so kann es das ganze Gruppengefüge auf den Kopf stellen. «Diese Kinder halten andere buchstäblich nicht aus», sagt Ruedi Trachsel, «jedenfalls nicht auf Dauer». Ruedi Trachsel ist Gründer der Stiftung Passaggio, die unter anderem mit Kindern und deren Familien arbeitet, die in Gruppen ­überfordert sind. Es brauche auch im Heim ein Minimum an Sozialkompetenz und Verlässlichkeit, sagt Trachsel: ­«Kinder, bei denen das völlig fehlt, müssen anders betreut werden.» Sprich im Ein­zelsetting. Notfalls überwacht. Wenn es sein muss, 24 Stunden, 7 Tage die Woche.

Gewalt, Verstörung, Trauma

Der Junge aus Wettswil ist offenbar so ein Kind. Er fällt schon im Kindergarten auf. Seine Mutter ist mit ihm aus Weissrussland zugezogen, der Bub hat Sprachschwierigkeiten, aber er ist auch aggressiv und, eben, unberechenbar. So soll er auf eine Kindergärtnerin losgegangen sein. Er ist bald untragbar, besucht erst eine Sonderschule, dann ein Internat. Es folgt eine monatelange psychiatrische Abklärung, die eine krankhafte Störung des Sozialverhaltens diagnostiziert. Ärzte versuchen es mit verschiedenen Medikamenten, aber deren Erfolg ist bislang dürftig.

Das Elternhaus ist ihm nach Ansicht der Fachleute keine Stütze, auch wenn er eine enge Beziehung zur Mutter hat. Stabil ist sein Zuhause nicht. Zum leiblichen Vater hat er keinen Kontakt. Die Mutter hat zuerst einen Schweizer Ehemann, dann einen Freund. Was genau in der Familie vorfällt, bleibt im Dunkeln, die Mutter ist für den TA nicht erreichbar. Die Behörden sind allerdings überzeugt: Es ist Gewalt im Spiel, körperliche und seelische, das Kind reagiert verstört, es ist traumatisiert. Mindestens ein Vorfall ist aktenkundig, weil die Polizei einschreiten musste. Sie holt den Jungen aus dem Elternhaus und bringt ihn notfallmässig in ein Heim. Dort kann er nicht bleiben, aber es gibt kaum mehr eine Institution, die bereit ist, ihn auf­zunehmen. Was nun?

Der Kesb gehen langsam die Möglichkeiten aus. Sie schreibt in einer Medienmitteilung, die sie als Reaktion auf die Artikelserie im «Blick» verfasst hat, von «Selbst- und Fremdgefährdung». TA-Recherchen zeigen, was das konkret heisst. Der Junge hält sich an keine Regeln. Er hat mehrfach andere angegriffen. Aber auch sich selbst bringt er immer wieder in Gefahr. Unlängst hat er in einem Wutanfall derart gegen eine Tür getreten, dass er das Bein gebrochen hat. Und er droht nicht nur mit Suizid. Er hat auch schon versucht, zur Tat zu schreiten.

Liebe und Zurückweisung

Wie kommt es zu so einem Verhalten? In der Regel ist es eine Kombination von Ursachen – sehr häufig aber spielt der Erziehungsstil eine Rolle. Wenn sich im Elternhaus Phasen einer distanz- und kritiklosen, alles erdrückenden und alles erlaubenden Liebe abwechseln mit Phasen, in denen Mutter und Vater das Kind zurückstossen, verletzen, abwerten, so ist das für das Kind traumatisch. Es gibt auch Paare, die sich aufteilen: Die Mutter setzt kaum Grenzen, der Vater prügelt, wenn das Benehmen des Kindes aus den Fugen gerät, worauf die Mutter, die nun ein schlechtes Gewissen hat, dem Kind noch weniger verbietet.

Die Kinder reagieren darauf mit massiven Bindungsschwierigkeiten. Zwar gieren sie nach Aufmerksamkeit und nach Zuneigung, gleichzeitig aber ver­suchen sie aus Angst vor Enttäuschungen, jede aufkeimende Bindung sofort wieder zu zerstören.

Ganz fatal wird es, wenn eine psychische Störung des Kindes dazu kommt, etwa ADHS. Die Folge können schwer behandelbare Störungen sein, bei Buben zeigt sich das oft eher in Aggressionen, bei Mädchen in selbstverletzenden Verhaltensweisen.

Die Frage, was los ist

Wenn Behörden vor der Frage stehen, was einem solchen Kind helfen kann, benötigen sie nicht selten mehrere Anläufe und kreative Ansätze, um dem Problem auf die Spur zu kommen und wirkungsvoll eingreifen zu können.

Ein entscheidender Punkt für Therapeuten und Sozialarbeitende ist der Umgang innerhalb der Familie. Manchmal reden Eltern in einem Gespräch offen über ihre Situation, aber oft kommen die Fachleute nur auf Umwegen zu Antworten auf ihre Fragen. Etwa wenn sie Mutter und Kinder beim gemeinsamen Spielen beobachten oder wenn sie die Familie daheim bei einem Essen be­suchen. Aber das reicht nicht immer, sagt Ruedi Trachsel von der Stiftung Passaggio: «Manche Familien entwickeln in ihrer gewohnten Umgebung eine unglaubliche Kompetenz, anderen eine heile Welt vorzutäuschen.»

Um dem vorzubeugen, setzen die Passaggio-Leute auf Erlebnispädagogik in der Natur. Das klingt unangenehm nach Kuschelpädagogik, verfolgt aber ein klares Ziel und sei recht erfolgreich, wie Trachsel erklärt: «Wenn Eltern und Kinder beispielsweise ein Feuer machen müssen, damit ein warmes Essen auf den Tisch kommt, dann zeigt sich viel deutlicher, welchen Erziehungsstil sie pflegen. Denn in solchen Momenten fehlt ihnen die Kapazität, anderen etwas vorzuspielen.»

Einzige Station mit internem Sicherheitsdienst

Auch bei der Familie aus Wettswil versucht es die Stiftung so. Der Junge, seine Mutter und deren Partner fahren mit einer Sozialpädagogin in den französischen Jura zu einem mehrtägigen Trip mit Pferden und Planwagen, Feuer­machen inklusiv, geschlafen wird im Planwagen. Der Trip wird, glaubt man der Erzählung des Partners im «Blick», zum Desaster. Der Mann stellt sich quer, verweigert die Mitarbeit: «Ich bin aus­gerastet», erzählt er, was offenbar noch freundlich ausgedrückt ist.

Dennoch bleibt der Junge eine Zeit lang in der Obhut der Stiftung, bis auch die nicht mehr weiterweiss. Dass die Mutter und der Partner von der Arbeit der Stiftung wenig halten, hilft auch nicht. Einmal mehr muss die von der Kesb eingesetzte Beiständin notfall­mässig eine neue Lösung suchen. Schliesslich erklärt sich die Brüschhalde bereit, den Buben zu nehmen. Aber nur zu den beschriebenen Bedingungen. Dort bleibt der Junge laut Kesb «längstens sechs Wochen», dann findet die Beiständin einen Platz für ihn in der Jugendforensik in Basel. Es ist die einzige Station in der ganzen Schweiz, die den Buben aufnehmen kann: Sie hat einen internen Sicherheitsdienst. Jetzt sitzt der Zwölfjährige also auf einer Station, die vor allem für Jugendliche mit gravierenden, nur sehr schwer behandelbaren psychischen Störungen eingerichtet worden ist, einige davon sind bereits straffällig geworden. Kosten: Über 45 000 Franken im Monat.

Auch in Basel gibt es Probleme. Der Beinbruch nach einem Ausraster. Ein angeblicher Angriff eines anderen Patienten, der versucht haben soll, den Jungen zu erwürgen.

Das Dilemma

Gibt es wirklich keine andere Lösung als Basel? Die Behörden sind davon überzeugt. Anderer Ansicht ist die Mutter – sekundiert wird sie von Sefika Garibovic. Garibovic ist Expertin für Nach­erziehung und so etwas wie das Enfant terrible in der Fachwelt; ihre Methoden entsprechen nicht der gängigen Praxis. Bekannt wurde sie, als sie öffentlich ­behauptete, sie könne «Carlos» innert einem Jahr ins Berufsleben integrieren, ohne ihn je gesehen zu haben.

Den Wettswiler Jungen könne sie für 5000 Franken im Monat behandeln, sagt Garibovic. Sie würde ihn, so erklärt sie, nach Hause holen, alle laufenden Therapien abbrechen und die Medikamente absetzen. In enger Zusammenarbeit mit einer Schule würde sie die Mutter, deren Partner und den Jungen «intensiv behandeln». Konkret heisst das drei bis vier Besuche pro Woche und die Garantie, für Eltern und Lehrer 24 Stunden erreichbar und notfalls innert einer Stunde vor Ort zu sein.

Kontakt hatte Garibovic mit dem Buben bisher vier- oder fünfmal, allerdings nur informell. Eine Schule, die ihn aufnehmen würde, hat sie noch nicht gefunden: «Dafür muss ich erst einmal einen oder zwei Monate mit ihm arbeiten können.» Dennoch ist sie überzeugt, dass sie nicht scheitern wird: «Der Junge ist nur schlecht erzogen, nicht krank.»

Die Kesb hat Garibovics Angebot abgelehnt. Dieses ist für die Fachleute, die bisher mit dem Buben zu tun hatten, ganz und gar unrealistisch. Sie halten es derzeit nur schon für ausgeschlossen, eine Schule für den Jungen zu finden – zumal sein Können etwa dem Niveau eines Siebenjährigen entspricht. Und was passiert, wenn andere Eltern Sturm laufen, weil der Junge den Unterricht stört. Was, wenn auf dem Spielplatz etwas passiert, wenn der Junge auf andere losgeht oder wenn es daheim wieder zu Gewalt kommt oder gar zu einem Polizeieinsatz?

Für Woodtli ist genau dies das Dilemma, vor dem Behörden in solchen Fällen immer wieder stehen. «Natürlich kann man argumentieren, es könne nicht sein, dass ein Kind so viel kostet. Aber was ist die Alternative? Das Kind wird daheim betreut, es kommt zu einem Vorfall, die Polizei muss einschreiten, dann sind wir wieder gleich weit. Oder die Schule kann das Kind nicht mehr weiter mittragen, dann kommt es erneut ins Heim.» Ein Teufelskreis, der mit jeder Umdrehung schlimmer zu werden droht.

Dabei würden die betroffenen Kinder vor allem eines brauchen: Beständigkeit. Und jemanden, mit dem sie eine stabile Beziehung aufbauen können, die auch schlimmsten Vorfällen standhält. «Genau das können die Eltern oder das Umfeld eines Kindes manchmal nicht mehr selber leisten, auch wenn sie das gerne würden. Darum braucht es rasch professionelle Strukturen», sagt Woodtli. Gelingt das nicht, werde die Behandlung längerfristig nur noch teurer und schwieriger. «Wir greifen – auch aus Angst vor den Kosten – heute eher zu wenig ein als zu viel», sagt Woodtli.

Pubertät kann helfen

Wie es mit dem Jungen aus Wettswil weitergeht, welche Prognosen er hat, ist im Moment unklar. Ein Entscheid soll aber möglichst bald fallen. Seine Ärzte hoffen, dass sie Medikamente finden, die endlich wirken, damit der Junge stabil genug wird für eine Behandlung ausserhalb der Klinik. Schlecht sind die Chancen nicht. Dass er erst zwölf ist, kann ein gutes Zeichen sein: Erfahrungsgemäss kann sich in der Pubertät viel einrenken.

Bis zu 85'000 Franken kostet die Behandlung eines Jungen aus Wettswil. Da stellt sich die Frage: Wer zahlt das?

Die Antwort darauf gliedert sich in einen einfachen und einen komplexen Teil. Der einfache Teil ist der: Weil der Bub eine klare Diagnose hat und seine Behandlung ärztlich angeordnet ist, kommen die IV und die Krankenkasse für die Klinikkosten auf.

Eltern bisher von Kosten verschont

Der komplexe Teil betrifft den Rest. Etwa die 24-Stunden-Bewachung und die sozialpädagogischen Massnahmen. Hier sind die Finanzströme im Kanton Zürich verworren, das Gesetz ist teils veraltet und unklar. Grundsätzlich gilt aber: Muss ein Kind wegen schulischer Defizite in ein Heim, zahlt die Schul­gemeinde. Sind erzieherische Gründe dafür verantwortlich, übernehmen je nach Heim und Situation die Gemeinde oder der Kanton die Kosten. Die Eltern müssen sich daran beteiligen, soweit es ihre Verhältnisse zulassen. Derzeit wird das Gesetz überarbeitet und vereinfacht.

Im Fall des Wettswiler Jungen blieb die Gemeinde bisher von Kosten verschont. Das liegt daran, dass seine Mutter erst 2007 zuzog – bei Ausländern zahlt auf jeden Fall der Kanton die ersten zehn Jahre.

Nicht an den Kosten beteiligen muss sich die Kesb als anordnende Behörde. Das ist vom Gesetzgeber so gewollt: Die Kesb soll die sinnvollste Massnahme anordnen, ohne auf die Kosten schielen zu müssen. Eine Limite gibt es nicht. Die Gemeinden haben kein formelles Mitspracherecht, aber sie werden bei teuren Behandlungen im Voraus angehört.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2017, 00:08 Uhr

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