Inspiration in der Badi – Abkühlung inklusive

An einem schönen Ausstellungsort kann sich Kunst entfalten. In der Badi Utoquai verleiht ihr das garstige Ambiente gar eine zusätzliche Note.

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Welche und vor allem wie viele Schichten? Das ist die Frage, die jeden von uns in diesen Tagen beschäftigt, wenn er vor seiner Garderobe steht. Das Wetter spielt diesen Monat (Der April, der April, der macht tatsächlich, was er will!) so verrückt, dass das Vorstellungsvermögen bezüglich passender Kleidungsstücke in der Regel nicht mit dem aktuellen Wetter übereinstimmt. Noch viel arger muss es für die Marathonläuferinnen und -läufer gewesen sein, als sie gestern die ideale Ausrüstung für Schnee, Regen und Kälte wählen mussten, in der sie auch nach über 30 Kilometern noch mit einem gewissen Wohlgefühl (wenn es das denn gibt) an der Badi Utoquai vorbeijoggen konnten.

Eben dort ist das Thema Schichten derzeit in mannigfaltiger Umsetzung Programm. 46 Künstler bespielen den Ort als Einstimmung auf die Badesaison, die offiziell am 14. Mai beginnt. Bestimmt war die Wettervorstellung der Kuratoren eine andere, als sie die Ausstellung planten. An lauen Vorsommertagen sollten die Besucher über die Holzdecke schlendern, Kunstwerke bestaunen und dabei an einem Glas Weisswein nippen. Einen schöneren Ausstellungsort kann man sich wohl kaum denken. Die Aussicht auf den See, der Klang der Wellen im Ohr und das wohlig holzige Ambiente. Doch: Der Ausstellungsort bewahrt auch bei aller Garstigkeit (3 Grad Luft-, 9 Grad Wassertemperatur) seine Reize. Mehr noch, diese wertet die Kunstwerke auf.

Zum Beispiel die Installation «Hotspot» von Dino Rigoli und Walter Lüönd auf einem der Oberdecke. Die Künstler liessen sich von den goldenen Rettungsfolien inspirieren, unter denen sich Flüchtlinge nach ihrer Überfahrt wärmen. Rigoli und Lüönd spannten neun Leinen und befestigten je zwei Folien daran. Statt ruhig in der Sonne zu hängen, setzten ihnen gestern Wind und Regen zu. Übrig geblieben sind einzelne Stücke an der Leine – und kleine Fetzen im Innenbecken. Egal, die Botschaft des Werks wird dadurch nur noch stärker.

Das Flüchtlingsdrama hat auch noch andere Künstler bewegt. Roma Messmer faltete aus Zeitungsberichten von Flüchtlingslagern 75 Papierschiffe und spannte diese auf Schnüre am Deck; Maria Eitle Vozar schichtete Bruchstücke von Schwimmringen, aus Ton nachgebaut, übereinander. Ihre Arbeit «Lampedusa» steht symbolisch für all die gestrandeten Hoffnungen der Flüchtlinge. Oder die Installation «Schwarze Tulpen» von Krista Pfister Kron auf dem Steg. Wo Gäste sonst fröhlich aus dem Wasser steigen, strecken sich einem auf Plastikkissen aufgedruckte Arme entgegen.

Blick in die Umkleidekabine

Auch in den unzähligen Innenräumen (für einmal darf man in die Umkleidekabinen starren) entfalten die Arbeiten ihren Charme. Regula Weber hat das Thema ebenfalls inhaltlich umgesetzt und sieben Kilogramm Nivea-Creme zu einem Monolith gepresst. Das beeindruckt und weckt noch mehr Sehnsucht nach Sommer.

Schichten als Kunsttechnik zeigen sich in den vielen ausgestellten Collagenarbeiten, beispielsweise auch in jener der «verletzten Fotos» von Kindern des Künstlerduos Simone Dehmelt und Marlis Spielmann. Die beiden haben alte Zeitungsbilder zerrissen und farblich hinterlegt, um den Schicksalsschlag der Kinder und die Freude auf den Neuanfang zu zeigen.

Kurz: Ein Halt in der Badi Utoquai lohnt sich auch bei schlechtem Wetter. Und für alle, die schlottern, gibts heisse Suppe vom Kiosk. Los!

«Schichten», Kunstausstellung Seebad Utoquai, 24. April bis 1. Mai, 11 bis 17 Uhr. Kiosk in der Regel offen.

Bilder Diese Schichten sind in der Ausstellung zu sehen

utoquai.tagesanzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2016, 23:34 Uhr

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