Durch den Tunnel in die Jugendstilhalle

In der legendären Stadthalle im Kreis 4 entsteht demnächst der Hauptsitz von Schweiz Tourismus. Dabei werden Vergangenheit und Zukunft unter einem Dach vereint.

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Es gibt in Zürich nicht viele Häuser mit so wechselvoller Nutzung: In dem zweigiebligen Gebäude an der Morgartenstrasse in Aussersihl fanden einst legendäre Boxkämpfe statt, verköstigte die Heilsarmee arme Leute, war Lenin zu Gast und kam es 1934 zu einer Saalschlacht zwischen Fröntlern und linken Arbeitergruppen. In diesem Raum wurden auf drei Geschossen Autos geflickt, verkauft und vermietet. Im Moment werden dort von Starköchen Gäste bewirtet, und ab März entsteht darin der Hauptsitz von Schweiz Tourismus. Das Gebäude soll 2019 bezugsbereit sein.

Die Geschichte dieses Gebäudes solle spürbar bleiben, wünschten sich die vormaligen Besitzer, die Geschwister Eser. Es war ihr Grossvater, der 1906 mitten in einem Arbeiterquartier die Stadthalle bauen liess. Der von Oscar Brennwald konzipierte Raum bot 1400 Personen Platz, war einer der ersten grossen Säle der Schweiz und machte in der Architektenwelt von sich reden, weil die weitgespannte Decke ohne Stützen auskam. 1949, als Volkshaus, Hallenstadion und Kongresshaus der Stadthalle Konkurrenz machten, liess die nächste Generation Eser Zwischenböden und einen Autolift einbauen – die Stadthalle wurde zur Garage und blieb dies bis im letzten Herbst.

Die Geschwister Eser fanden in der Thurgauer Hess-Investment-Gruppe den Käufer, dem sie ein «Gespür für das Haus» zutrauten. Besitzer dieses Unternehmens ist der ehemalige FDP-Nationalrat und Mitinhaber der Schweizerischen Bodensee-Schifffahrtsgesellschaft Hermann Hess. Seine Firma ist darauf spezialisiert, eigenwillige und geschichtsträchtige Liegenschaften für gewerbliche Nutzung umzubauen. Doch wie bringt man eine Jugendstilhalle und eine Autogarage unter einen Hut beziehungsweise unter ein Dach?

Der Gotthard in Aussersihl

«Es ist eine anspruchsvolle und spannende Aufgabe, dieses Gebäude in die Zukunft zu führen, ohne sein Vorleben zu verlieren», sagt Marianne Burkhalter von Burkhalter Sumi Architekten, während sie die Pläne für den Innenausbau erläutert. Dem international tätigen Zürcher Architekturbüro begegnet man regelmässig, wenn es im Raum Zürich darum geht, an städtebaulich spannungsvollen Orten umzubauen, auszubauen oder neu zu bauen: so etwa beim Hotel Zürichberg, dem Hochhaus Werd oder dem Theater und Restaurant Rigiblick.

Laut Projektleiter und Partner Yves Schihin ist es ein Glücksfall, dass nur ein einziger Nutzer in die Stadthalle einzieht: «So können wir den Innenraum über alle Geschosse und die gesamte Fläche bespielen.» Und da der Mieter Schweiz Tourismus heisst, wird die künftige Funktion architektonisch gleich auch noch einbezogen. So kommt Aussersihl zu einem Tunnel. Dieser wird von der Morgartenstrasse in die Halle führen. Schihin sagt: «Der tunnelähnliche Zugang ist eine Referenz an die spezifisch schweizerische Tunnelbaukunst.» Und spezifisch schweizerisch geht es gleich weiter: Die Geschosse sind durch eine Rampenanlage und einen freistehenden Glaslift verbunden – Schihin spricht von der Tremola und der Porta Alpina.

Die Tremola schwingt sich zwischen dem einstigen, mit einem bemalten Bogen angeschlossenen Bühnenbereich und der Tragkonstruktion, die nach dem Krieg für die Garage in die Halle eingezogen wurde, nach oben. Die Betonstruktur der Garage bleibt in den Grundzügen erhalten, auf diesen Geschossen entstehen die Büroräume. Die einstige Halle wird dennoch in ihren Dimensionen gleich mehrfach wieder erlebbar, am schönsten vielleicht vom Mittel­geschoss aus. Denn auf der Längsseite wird das oberste Stockwerk drei Meter breit herausgeschnitten. Damit wird der Blick nach oben frei – und zwar genau ab der Höhe, wo früher die Zuschauergalerie verlief.

Zudem werden unter den original erhaltenen Oblichtern zwei vier auf fünf Meter umfassende Lichthöfe freigelegt, womit Tageslicht bis ins Erdgeschoss fällt und die Höhe sichtbar wird. Dazu kommen die Durchblicke bei der Tremola und im Glaslift. Auch die übergrossen Rundbogenfenster der Stadthalle werden belassen oder wiederhergestellt, wo sie einst wegen der neuen Nutzung zugemauert wurden.

Neu unter Denkmalschutz

Bis Ende Februar wird das Erdgeschoss der einstigen Garage als Restaurant zwischengenutzt. Ganz oben aber, direkt unter der gewölbten Decke, sind bereits Restauratoren an der Arbeit. Sie legen die Malereien der alten Stadthalle frei, die viel grossflächiger erhalten sind als ursprünglich angenommen. So kamen etwa in den nachträglich eingebauten Lüftungsschächten Reste von Ornamenten zum Vorschein – kann sein, dass auch bei der Demontage des Autolifts noch Überraschendes zutage kommt.

Die Malereien stammen, wie mittlerweile bekannt, aus zwei Epochen: Florale Muster und Wappen wurden beim Bau der Stadthalle 1906 angebracht, um 1935 kamen abstrakte Ornamente dazu. Die Malereien werden nur konserviert, nicht restauriert. Marianne Burkhalter sagt: «Die verblassten Malereien werden einen schönen Kontrast zur modernen Architektur rundum ergeben.»

Das sieht auch die Denkmalpflege so. Die Liegenschaft wird mit dem demnächst startenden Umbau unter Denkmalschutz gestellt. «Das ist ganz in unserem Sinn», sagt Klaus Morlock, Geschäftsleiter der Hess Investment Group. Und die Geschwister Eser haben nun amtlich bestätigt: Die Geschichte der Stadthalle lebt weiter. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2018, 21:12 Uhr

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