Begleitung von Sterbenden wird Uni-Fach

In Zürich entsteht eine Professur für Spiritual Care. Aussichtsreicher Kandidat ist ein bekannter Nahtodforscher.

Mit dem Spiritual-Care-Lehrstuhl wollen die zwei Landeskirchen ein Gegengewicht zur Suizidhilfe setzen. Foto: Iconics, Plainpicture

Mit dem Spiritual-Care-Lehrstuhl wollen die zwei Landeskirchen ein Gegengewicht zur Suizidhilfe setzen. Foto: Iconics, Plainpicture

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Es ist ein kirchliches Pionierprojekt. Nach München wird Zürich der zweite Standort in Europa sein mit einer Professur für Spiritual Care. Es sind die beiden grossen Kirchen, die auf den Herbst hin eine 50-Prozent-Professur an der Theologischen Fakultät der Universität finanzieren.

Spiritual Care selber ist ein neues Fachgebiet, entstanden aus der Erkenntnis, dass in der Pflege von unheilbar kranken und sterbenden Menschen auch das spirituelle Wohlbefinden zentral ist. An der Schnittstelle zwischen Medizin, Theologie und Seelsorge gehört Spiritual Care zur umfassenderen Palliative Care, der schmerzlindernden Betreuung Schwerstkranker.

In der Grenz- und Krisensituation von Krankheit und Sterben sollen Menschen in ihren existenziellen und spirituellen Bedürfnissen ernst genommen werden. Sie sollen Trost, vielleicht sogar Sinn erfahren.

Bestätigung im August

Der von der Theologischen Fakultät der Universitätsleitung vorgeschlagene Kandidat soll im August vom Universitätsrat bestätigt werden. Dem Vernehmen nach handelt es sich um Simon Peng-Keller – ein Name, der hierzulande sofort fällt, wenn es um Mystik und Spiritualität geht. Der 54-jährige katholische Theologe aus Chur ist dank seiner Kontemplationskurse, Bücher und Lehrtätigkeit landesweit bekannt. Seit 2004 Dozent für Theologie des geistlichen Lebens an der Theologischen Hochschule Chur, unterrichtet er auch an der Theologischen Schule Einsiedeln oder im Lassalle-Haus der Jesuiten. Peng war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Der 2010 habilitierte Theologe koordiniert das nationale Forschungsprojekt «Vertrauen am Lebensende». Darin untersucht er mit Professoren der Universität Zürich das bildhafte Erleben von Menschen in Todesnähe. Es geht dabei um eine bisher kaum beachtete Symbolsprache, die den Kranken und Sterbenden hilft, Kontrollverlust und Todesangst zu verarbeiten.

Medizin oder Theologie?

Peng doziert und schreibt aus Erfahrung: Er hat unzählige Sterbende in den Tod begleitet und forscht seit Jahren über Nahtoderfahrungen, die für ihn Spielarten von mystischen Erlebnissen sind. Seine zahlreichen Bücher tragen Titel wie «Grundvertrauen», «Kontemplation» oder, etwas esoterisch gefärbt: «Einladung zur Achtsamkeit» und ­«Rituale für den Feierabend».

Der Lehrstuhl­inhaber soll im Rahmen der Professur Ausbildungsmodule sowohl für angehende Theologen wie auch für Mediziner anbieten, wie Thomas Schlag bestätigt, der Dekan der Theologischen Fakultät an der Uni Zürich. Noch offen sei, ob das Fach im Medizinstudium Teil des Wahlpflichtprogramms sein werde.

Jedenfalls sollen auch Medizinstudenten, die mitunter Spiritual Care als unwissenschaftlich belächeln, lernen, auf die spirituellen Bedürfnisse ihrer Patienten einzugehen. Vor diesem Hintergrund monieren Kritiker, dass die Theologische Fakultät der falsche Ort für den Lehrstuhl sei. Laut Matthias Mettner, Studienleiter von «Palliative Care und Organisationsethik», müsste die Professur an der Medizinischen Fakultät angesiedelt sein, weil die Zielpersonen vor allem Ärzte und Pflegende seien.

Finanziert wird die vorerst auf sechs Jahre befristete Professur von den beiden Landeskirchen des Kantons Zürich. Die katholische Kirche hat für fünf Jahre 800'000 Franken gesprochen, die reformierte Kirche bezahlt ab 2017 jährlich 80'000 Franken.

Die Kosten der ersten zwei Jahre trägt eine Stiftung aus Deutschland, die anonym bleiben will.

Ein Wunsch der Katholiken

Für die Kirchen ist die Professur auch ein ökumenisches Prestigeprojekt. Wobei die katholische Kirche, die den Löwenanteil berappt und mit Peng einen Theologen aus den eigenen Reihen stellt, nun einen Fuss in der reformierten Theologischen Fakultät hat. Dies ist seit Jahrzehnten ein Wunsch der Zürcher Katholiken.

Die Kirchen machen auch keinen Hehl daraus, dass der in der Hauptstadt der Suizidhilfe angesiedelte Lehrstuhl eine Alternative oder ein Gegengewicht zur organisierten Sterbehilfe von Dignitas und Exit sein soll. Simon Peng-Keller hat unlängst in einer Jesuitenzeitschrift auf dieser kirchlichen Linie argumentiert. Hans Küngs Bekenntnis zur Suizidhilfe aus Angst vor Autonomieverlust ­widerspricht seiner Meinung nach dem genuin christlichen Verständnis des Grundvertrauens.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2015, 07:08 Uhr

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Palliativmedizin
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Mit palliativer Pflege wird versucht, sterbende und schwerstkranke Menschen menschenwürdig und schmerzlindernd zu betreuen. In der Schweiz erhielt die Palliativmedizin lange Zeit wenig Beachtung. 2010 haben Bund und Kantone die Nationale Strategie Palliative Care ins Leben gerufen. Seither wurde diese in verschiedenen Bereichen wie Versorgung, Forschung oder Freiwilligenarbeit umgesetzt. Auch in der Bildung geschah einiges, zumal auf universitärer Ebene: Seit 2011 gibt es den ersten Schweizer Lehrstuhl für Palliativmedizin in Lausanne. Inhaber ist Gian Domenico Borasio, einer der führenden Palliativmediziner Europas und Autor vielgelesener Bücher. Im Frühling 2016 soll an der Medizinischen Fakultät der Universität Bern die zweite Schweizer Professur für Palliativmedizin errichtet werden. Als Spitzenanwärter gilt Steffen Eychmüller, Palliativmediziner des Inselspitals. Der seelsorgerische Teil der Palliativpflege heisst Spiritual Care. Der erste europäische Lehrstuhl für Spiritual Care entstand 2010 an der Universität München. Anders als in Zürich, wo der Lehrstuhl zur Theologischen Fakultät gehört, ist er dort Teil der Poliklinik für Palliativmedizin (mm.)

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