Verloren im Vorortsidyll

Mit einem Neubauquartier für 1500 Menschen hat die Stadt Adliswil gute Steuerzahler angelockt. Doch die Bewohner fühlen sich oft im Stich gelassen.

Das sagen der Architekturkritiker ­Caspar Schärer und die Anwohnerin Andrea Wyler zum Dietlimoos. Video: Sabina Bobst
Anita Merkt@tagesanzeiger

Schon in den 60er-Jahren hatte die Stadt Adliswil Grosses vor mit ihren brachliegenden Ried- und Wiesenflächen. Unter dem Namen «Jolieville» wollte man zwischen Adliswil und Zürich eine moderne Satellitenstadt für 10'000 Menschen bauen. Die euphorischen Pläne wurden später zurückgestutzt. Doch die Idee blieb. «Die Bewohner von Adliswil wurden immer älter, die Stadt kämpfte mit Defiziten», sagt der heutige Stadtpräsident Harald Huber. «Mit der Überbauung des Gebiets Dietlimoos-Grüt wollte man Wohnraum für mittlere und höhere Einkommensschichten schaffen. Damit sollte das Steueraufkommen verbessert werden.»

Seit 2011 wohnen rund 1500 Menschen in den neuen Miet- und Eigentumswohnungen zwischen Autobahn und Zürichstrasse. Viele von ihnen sind gutverdienende Expats aus Deutschland, England und den USA. «Und es kamen mehr Kinder, als die Stadt erwartet hat», sagt Gabriel Mäder vom Quartierverein. Das Schulhaus ist noch immer ein Provisorium aus Container-Modulen.

Pragmatischer Kompromiss

Die Neuzuzüger fühlen sich mitunter von der Stadt stiefmütterlich behandelt. «Es hat ein Jahr gedauert, bis wir Abfalleimer für das Schulgelände bekamen», erzählt Mäder. Der Präsident des Quartiervereins, Peter Heusser, kämpft seit langem dafür, dass die Stadt Plakate für kulturelle Veranstaltungen auch im Neubauquartier aufhängt. Die Wahl von Adliswil als Wohnort war für viele Bewohner ein «pragmatischer Kompromiss». Sie kamen, «weil in Zürich die Preise für Wohnungen zu hoch waren und Adliswil mit seiner Nähe zu Zürich und der Natur vor der Tür eine gute Alternative darstellte», schreibt die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) auf der Basis einer Befragung.

«Für die Kinder ist es toll hier. Doch mir fehlen ein Lädeli und mehr Busse nach Zürich.»Andrea Wyler, Bewohnerin

«Für die Kinder ist es toll, weil es kaum Autos gibt», sagt Bewohnerin Andrea Wyler. Von ihrer Wohnung am südlichen Ende der Überbauung fahren die Schüler mit dem Trottinett bis zu den Schulpavillons und dem Spielplatz am anderen Ende der Siedlung. Besonders beliebt ist im Sommer der Dietlimoos-Park mit seinen Bäumen, Bänken, Spiel­flächen und Rhododendron-Büschen. Wyler ist mit ihrer Familie vor rund fünf Jahren zugezogen. Mit dem Bus ist sie nach zwei Stopps in Wollishofen. Einer der Nachbarn joggt jeden Morgen zur Arbeit auf dem Hürlimann-Areal.

1500 Menschen wohnen im Adliswiler Neubauquartier Dietlimoos. Zwischen der Autobahn und den roten Wohnhäusern sollen 400 weitere Wohnungen dazukommen. Foto: Emanuel Ammon (Aura)

Während die Kinder das freie Herumstreifen geniessen und im nahen Wald Hütten bauen, fällt es vielen Erwachsenen schwer, am neuen Wohnort Wurzeln zu schlagen. In der ZHAW-Befragung gaben 77 Prozent von ihnen an, ihr Freundes- und Bekanntenkreis befinde sich hauptsächlich «anderswo im Kanton Zürich». Knapp die Hälfte wünschte sich mehr Kontakte im Quartier. Viele haben das Gefühl, in einer Schlafstadt zu wohnen, weil es für die 1500 Neuzuzüger weder Einkaufsmöglichkeiten noch ein Café oder andere Treffpunkte gibt. Der nächste Ort, um sich schnell etwas zu besorgen, ist der Tankstellenshop bei der Autobahnauffahrt Wollishofen. «Doch das ist ein unwirtlicher Ort, um sich zu treffen», sagt Mäder. Ein Quartierzentrum mit Läden und Begegnungsmöglichkeiten steht auf der Wunschliste der Neu-Adliswiler ganz oben.

In den seit 2011 bezogenen Neubauten waren dafür keine Räume vorgesehen. Die Wohnungen in den gelben Mehrfamilienhäusern der Allreal und der Helvetia-Versicherung liessen sich auch so problemlos verkaufen oder vermieten. Im Sommer treffen sich die Neu-Adliswiler im Park, doch im Winter herrscht zwischen den quaderförmigen Wohnblöcken gähnende Leere. Die gelben Häuser mit den Mauern dazwischen stehen so weit auseinander, dass sich die Bewohner kaum über den Weg laufen. Zwischen den weissen Würfeln weiter unten am Hang werden Nachbarn, Kinder und Hunde gar mit Maschendrahtzäunen auf Abstand gehalten. Die meisten Bewohner fahren wohl in die Tiefgarage und gelangen von dort direkt in ihre Wohnungen.

Hoffen auf die nächste Etappe

Wohnhäuser mit Ladenflächen und Begegnungsräumen sind erst in der nächsten Bauetappe geplant. Doch die wurde erst einmal von der Kulturlandinitiative ausgebremst. Das Land für 400 weitere Wohnungen und Gewerberäume ist noch nicht eingezont. Ob der Regierungsrat das Land im Dietlimoos für schützenswertes Ackerland hält oder ob es bebaut werden darf, hängt davon ab, wie der Kantonsrat die Kulturlandinitiative umsetzen will. Gemeindepräsident Harald Huber ist zuversichtlich: «Das Land ist nur bedingt als Frucht­folge­fläche geeignet», sagt er.

Wer die Häuser mit 400 Wohnungen und 10 bis 40 Prozent Gewerbeanteil bauen wird, ist derzeit noch unklar. Denn die grossen Immobilienfirmen ­erstellen zurzeit lieber Wohnungen als Büros und Gewerberäume. «Der Bau von Geschäftsflächen birgt zurzeit ein höheres Leerstandsrisiko als der Bau von Wohnungen», sagt Robert Weinert von Wüest & Partner. «Auch in der Europa­allee hat es relativ lange gedauert, bis die Verkaufsflächen vermietet waren.» Als Opfikon den Investoren im Glattpark vorschrieb, Erdgeschossflächen für ­Läden und Gewerbe zu reservieren, wehrten sich die Immobilienfirmen mit Händen und Füssen.

Die Stadt Adliswil hofft, dass sich in den vorgesehenen Gewerbeflächen attrak­tive Läden und Dienstleister einmieten, die das geplante Quartier­zentrum beleben. «Doch beeinflussen können wir das letztlich nur bedingt», sagt der Leiter Bau und Planung, Marcel Angele. Durch die geplanten Gewerbeflächen in der nahen Greencity werden die erhofften Läden und Restaurants im Dietlimoos zusätzliche Konkurrenz erhalten. Ob die Kaufkraft der 2500 Bewohner ausreicht, damit sich die gewünschten Anbieter etablieren können, wird sich zeigen müssen.

Tages-Anzeiger

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