Unverschämt und ignorant

Warum ist es so schwer, nach dem Picknick im Grünen seinen Müll wieder mit nach Hause zu nehmen?

Rücksichtsvoll ist anders: Müll am Seefeldquai in Zürich. Foto: Alessandro Della Bella

Rücksichtsvoll ist anders: Müll am Seefeldquai in Zürich. Foto: Alessandro Della Bella

Anita Merkt@tagesanzeiger

Was gibt es in diesen Tagen Schöneres, als am Wasser zu sitzen, zu schwimmen und es sich gut gehen zu lassen. Angesichts der Hitzewelle werden die Zürcher von aller Welt um ihre vielen Badeplätze am See und an der Limmat beneidet. Doch das Chillen am Wasser hat auch seine Kehrseite: Am Morgen nach der Grillparty sind die Liegewiesen am See, die Werdinsel und andere Limmatufer von Güsel übersät. Wer bis in die Nacht hinein feiert, hält es oft nicht für nötig, seinen Müll auch nur bis zum nächsten Abfall­eimer zu tragen.

Vielleicht sind diese Menschen beim Verlassen ihres Liegeplatzes so betrunken, dass sie kaum noch wissen, in welche Richtung es nach Hause geht. Wahrscheinlich ist es ihnen aber einfach egal, wie sie den Platz verlassen. Wenn die Badegäste am nächsten Tag wiederkommen, finden sie dank Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) Liegewiesen und Strandbäder wieder weitgehend sauber vor.

Doch es gibt ein Mass an Gleichgültigkeit, das auch den eifrigsten Müllmann überfordert. Das Seeufer bietet an vielen Stellen ein beschämendes und beelendendes Bild: Plastik, Flaschendeckel und Kippen liegen zwischen den Steinen oder schaukeln in den Wellen. Nicht alles, was weggeworfen wird, können die Männer vom ERZ aus dem Wasser klauben. Wer das von ihnen erwartet, ist unverschämt und ignorant.

Glasscherben bergen Verletzungsgefahren

Die ERZ-Equipen hätten schon genug damit zu tun, die Abfallsäcke einzusammeln und die Abfalleimer zu leeren. Schon dass sie das tun, ist ein toller Service der Stadt, der im Übrigen von den Steuerzahlern finanziert wird. Wer die ERZ-Mitarbeiter auch noch seine Kippen zusammensammeln lässt oder denkt, sie fischten sie gar aus dem See, bezeugt nicht nur seine Missachtung für die Umwelt und die nächsten Gäste, sondern auch für sie.

Zudem gibt es zahlreiche Orte, an denen niemand hinter einem herputzt. Viele entfliehen dem Rummel an See und Limmat und suchen sich ausserhalb der Stadt ein lauschiges Plätzchen. Doch leider wissen auch viele Naturliebhaber das Idyll, das sie vorfinden, nicht zu schätzen. An mehr oder weniger offiziellen Grill- und Rastplätzen bleiben PET- und Glasflaschen, Verpackungen und Essensreste liegen. Spätere Besucher müssen sich entweder im Unrat niederlassen oder den Liegeplatz von Abfall und Kippen befreien, ehe sie sich dort wohlfühlen können.

Glasscherben auf Rastplätzen im Wald und an Sand- und Kiesstränden bergen für alle späteren Besucher erhebliche Verletzungsgefahren. Dabei gehört doch gerade das Barfusslaufen zu einer der grössten Freuden des Sommers. Doch wer ohne Schuhe ins Wasser watet, riskiert, sich den Fuss aufzuschneiden oder einen Glassplitter einzu­fangen. Für Eltern und Hundebesitzer sind zerbrochene Glasflaschen ein Horror. Doch auch Erwachsenen macht es keine Freude, wenn man den Splitter kaum mehr aus seiner Fusssohle herausbekommt.

Generation ohne Eigenverantwortung

Ist es denn so schwierig, den Müll, den man produziert, einfach nach Hause zu tragen? Es gibt viele Familien und Gruppen, die ihren Abfall in ­einer Tüte sammeln und wieder mitnehmen. Es gibt Kippenbehälter, die man nach Belieben füllen und an einem passenden Ort wieder leeren kann. Eigentlich sollte jeder den Ehrgeiz haben, die vielen idyllischen Plätze in und um Zürich so zu hinterlassen, wie wir sie gerne vorfinden.

Wer seinen Müll einfach liegen lässt, offenbart ein hohes Mass an Unreife. «Das wird doch jeden Morgen weggeräumt», sagen viele, die man auf ihren Abfall anspricht. Doch was ist das für eine Einstellung? Haben diese Leute zu Hause jemand, der ständig hinter ihnen herputzt?

Viele Eltern wissen, wie mühsam es ist, dem Nachwuchs beizubringen, den Essteller selbst in die Spülmaschine zu stellen oder die Chipstüte wegzuräumen. Gemessen an den Müllmengen an See und Limmat, hat es eine ganze Generation von Eltern nicht geschafft, ihrem Nachwuchs ein Minimum an Eigenverantwortung beizubringen. Wer seinen Müll liegen lässt, ist in der Pubertät stecken geblieben und hat noch immer nicht gelernt, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen.

DerBund.ch/Newsnet

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