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Generation Z: Rebellisch und politisch aktiv

Jahrelang galt die Jugend als politikverdrossen, angepasst, ja gar langweilig. Nun folgt plötzlich der Umschwung.

Ein Protest in klassischer Grassroots-Manier, von unten nach oben: Demonstrierende Schüler am 5. April auf dem Zürcher Bürkliplatz. Foto: Sophie Stieger
Ein Protest in klassischer Grassroots-Manier, von unten nach oben: Demonstrierende Schüler am 5. April auf dem Zürcher Bürkliplatz. Foto: Sophie Stieger

Einer der grössten Schweizer Schülerproteste ist einer banalen Keimzelle entsprossen. Am 20. Februar gründete der Luzerner Serafin Curti beim digitalen Nachrichtenübermittler Whatsapp eine Gruppe. Der erste Eintrag lautete: «So, da hättmer en chlini Gruppe. Sali zäme!» Sein Kollege, Timothy Oesch aus Zürich, antwortete: «Danke fürs Erstelle. Ich gibe dir ASAP (Anm. d. Red.: so bald als möglich) Rückmeldig, was de Vorstand vom ZSO meint.» ZSO steht für Dachverband der Zürcher Schülerorganisationen, Oesch ist dessen Präsident.

Damit war der Grundstein für den «Siebnerbund» gelegt. Sieben Schülerorganisationen aus verschiedenen Landesteilen mit einem gemeinsamen Ziel: der Kampf gegen den Bildungsabbau. Am 5. April, eineinhalb Monate nach der ersten Mitteilung, standen in fünf Schweizer Städten rund 2000 Schülerinnen und Schüler auf der Strasse. Sie fordern: Schluss mit gestrichenen Freifächern, grösseren Klassen und zusätzlichen Ferientagen. #KeLoscht – ein Hashtag, der sich landesweit verbreitete. Die Bewegung erfolgte in klassischer Grassroots-Manier – von unten nach oben. Eine Gruppe 16-Jähriger, die den Politikern die Stirn bietet.

Passend dazu: das Aufleben der Jungparteien. Die linke Seite verzeichnet geradezu traumhafte Wachstumszahlen. Die Juso Kanton Zürich verdoppelten die Mitgliederzahl seit 2009 von 357 auf 736. Die Jungen Grünen Zürich wuchsen in den vergangenen drei Jahren von 350 auf 450 Mitglieder. Die Jungen Grünliberalen existieren erst seit Herbst 2016: Der Sprung von 30 auf 70 Mitglieder ist bemerkenswert.

Traumhaftes Wachstum

«Jugendliche merken, dass sie die Gesellschaft, in der sie leben, nicht mitgestalten können», sagt Nina Hüsser, Co-Präsidentin der Juso Kanton Zürich. «Jungparteien geben ihnen die Möglichkeit, ihrer Stimme trotzdem Gehör zu verschaffen.» Die Mitte- und Rechtsparteien nennen keine Mitgliederzahlen; gemäss eigenen Angaben weisen sie zweistellige Wachstumsraten auf. «An Podiumsveranstaltungen an Schulen etwa ist das politische Interesse stark gestiegen», sagt zum Beispiel Christoph Baumann, Präsident der Jungfreisinnigen Kanton Zürich.

Das war nicht zu erwarten. Jugendliche wurden in den vergangenen Jahren vor allem als eines bezeichnet: politikverdrossen. Das Jugendbarometer, das die Credit Suisse gemeinsam mit dem politischen Forschungsinstitut GFS in Bern jährlich aufdatiert, dokumentierte die politische Passivität der Jugend. Flexibel und Sicherheitsorientiert waren noch die besten Attribute. Doch das Fazit war Jahr für Jahr dasselbe: Die Jugend partizipiert kaum. Politische Entscheide nicken sie mehr oder weniger stillschweigend ab. Der verstorbene Soziologe Kurt Imhof fand 2014 deutliche Worte: «Es handelt sich um eine angepasste, ja sogar langweilige Jugend.» Er meinte die Vertreter der Generation Y – Männer und Frauen mit den Jahrgängen 1979 bis 1999.

Vergebliche Liebesmüh

Die Erwachsenenwelt reagierte besorgt. Sie zerbrach sich den Kopf darüber, weshalb sich die Nachkommen nicht um ihre eigene Zukunft scheren. Landesweit wurden Aufklärungskampagnen und aufwendige Motivationsvideos lanciert. Die viel zitierte Überforderung der Jugendlichen sollte mit vereinfachten Abstimmungstexten gebrochen werden – scheinbar vergeblich. Die Stimmbeteiligung unter Jugendlichen sank weiter. Im Kanton Zürich lag sie in den vergangenen Jahren bis zu 40 Prozent tiefer als bei Erwachsenen.

Im letzten Herbst kam das erste Signal einer möglichen Wende: Das CS-Jugendbarometer prognostizierte ein politisches Aufblühen. «Erhöhtes Engagement und Risikobereitschaft in unsicheren Zeiten», so lautete der Studientitel. Sämtliche politischen Wertvorstellungen wie etwa «Missstände bekämpfen», «spannende Diskussionen» oder «Umwelt schützen» erzielten in der Jugendumfrage Höchstwerte. Das Politmonitoring Easyvote unterstrich zudem im letzten März dieses Ende der politischen Lethargie. Vor allem Bildungsthemen würden den Jugendlichen am Herzen liegen. Eine Erkenntnis, die angesichts der folgenden Schülerproteste beinahe prophetischen Charakter aufwies.

Donald Trumps Weckruf

«Die Jugend wird wieder rebellischer», sagt Lukas Golder, Leiter des GFS Bern. Das gelte vor allem für die nachrückende Generation Z – Jugendliche, die nach 1999 geboren wurden. Sie, aber auch ältere Jahrgänge wurden wachgerüttelt. «Die Durchsetzungs- und die Masseneinwanderungsinitiative sowie die Wahl von Donald Trump waren solche Kristallisationsmomente», sagt der Politologe. Es entstanden zahlreiche politische Organisationen, viele mit Sitz in Zürich: darunter die Operation Libero oder Aktivistin.ch.

Die Generation Y sei unter anderen Voraussetzungen aufgewachsen. «Sie hatte grösseres Vertrauen in die Institutionen und wollte sich primär selber verwirklichen», sagt der Politologe. Der Egoismus sei bei der Generation Z nicht verschwunden. Allerdings basiere ihr Erfolgsrezept nicht mehr auf Flexibilität und Anpassung, sondern auf Selbstverantwortung. Die neue Generation nehme ihr Schicksal selbst in die Hand. Ihre technologische Versiertheit erweise sich als schlagkräftige Waffe: «Sie wehrt sich sofort, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt. Die Generation Z will auf keinen Fall zu kurz kommen.»

Das Vorgehen der aufmuckenden Schüler steht dafür symptomatisch: Digital Natives, die bereits mit 16 Jahren wissen, wie man eine wirksame Kampagne lanciert – ohne Geld und ohne professionelle Unterstützung. «Wir brauchen keine Hilfe von Erwachsenen», sagt der Zürcher Kantischüler Timothy Oesch. Die Gruppierung setzte auf die Sprengkraft der Broadcast-Listen: Whats­app-Gruppen mit bis zu 256 Empfängern. Sie erhielten folgende Nachricht: «Du bisch Gymischüeler_in, du bisch Lernende, ah dir wird gspart. Morn gömmer drum zeme uf d Strass.» Die Empfänger gründeten eigene Listen mit neuen Empfängern, es entwickelte sich ein hocheffizientes Schneeballsystem – ganz ohne kostspielige Flyer und Plakate. Zusätzlich schrieben sie Medien an und hielten interkantonale Sitzungen via Skype ab.

Däumchen-rauf-Politik?

Der Schlüssel zur politischen Mobilisierung ist eine gelungene Kampagne. «Man muss die Bubble platzen lassen», sagt der Zürcher Kommunikationsstratege Daniel Graf. Mit Bubble meint er die Lebenswelt, in der sich Jugendliche in den sozialen Medien wie Facebook bewegen. Da mit ernsthaften Anliegen hineinzukommen, sei schwierig. «Facebook ist ein Freizeitmedium und keine Zeitung», sagt Graf. Doch in letzter Zeit gelinge es besser, in die Bubbles vorzudringen. Zumal Abstimmungskampagnen zusehends über Onlinemedien geführt und sich Jungparteien stärker daran beteiligen würden. «Der Effekt ist, dass mehr Jugendliche mitbekommen, wofür sich ihre Freunde und Bekannten politisch interessieren, und dass sie mitreden wollen», sagt Graf.

Brücke zwischen offline und online

Dabei stellt sich die Frage der Nachhaltigkeit. Wie wird aus einer Däumchen-rauf-Politik echtes Interesse und ernst gemeinte Partizipation? Graf versucht mit der Organisation Campaign Bootcamp an diesem Punkt anzusetzen. In einwöchigen Intensivkursen lernen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen – darunter auch Jungpolitiker – wie crossmediale Kampagnen geführt werden. «Die grösste Herausforderung besteht darin, Brücken zwischen online und offline zu bauen.»

Diesbezüglich geglückt war gemäss Daniel Graf der Women’s March im vergangenen März in Zürich – mit rund 20'000 Demonstrantinnen und Demonstranten ein Paradebeispiel erfolgreicher Mobilisierung. Jüngstes Beispiel: die Sprayer-Oma, die mit einer perfekt orchestrierten Protestaktion auf eine GSoA-Kampagne aufmerksam machte. «Politik muss Menschen berühren. Sie muss Emotionen wecken, um erfolgreich zu sein», sagt Graf. Einprägsame Gesichter – wie jenes der sprayenden Frau – übernähmen eine immer wichtigere Funktion. «Facebook wird diesbezüglich erst richtig wirksam. Da ist noch viel Luft nach oben.»

Für die Zürcher Gymischüler und Gymischülerinnen hat sich der Protest auf dem Bürkliplatz bereits jetzt gelohnt. Sie durften vorletzte Woche bei Bildungs­direktorin Silvia Steiner (CVP) vorsprechen. Die Schüler werden von der Regierungsrätin offenbar ernst genommen. «Wir tauschten unsere Meinungen aus. Wir werden uns nun regelmässig treffen», sagt Timothy Oesch. Der Sprung von der Whatsapp-Gruppe in die Realpolitik ist ihnen damit geglückt.

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