Raupenfrass überführte den Täter

Das Bezirksgericht hat einen Mann zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt, der aus einem Gewächshaus zwanzig Kilo Ochsenherztomaten gestohlen hatte.

Die gestohlenen Tomaten wiesen zwei Besonderheiten auf: Sie waren – anders als die abgebildeten Exemplare – noch grün und hatten Raupenfrass. Foto: Flickr

Die gestohlenen Tomaten wiesen zwei Besonderheiten auf: Sie waren – anders als die abgebildeten Exemplare – noch grün und hatten Raupenfrass. Foto: Flickr

Thomas Hasler@thas_on_air

Irgendwann zwischen einem Donnerstagabend und Freitagmittag im September 2014 waren aus einem Gewächshaus in einem Schrebergarten im Stadtkreis 3 zwanzig Kilogramm Ochsenherztomaten verschwunden. Der Betroffene liess die Polizei kommen. Fündig wurde man drei Gartenhäuschen weiter, wo die 50 bis 60 Stück Tomaten in einer Kiste auf Kartoffeln lagen.

Turbulente Gerichtsverhandlung

Für den Diebstahl verantwortlich gewesen sein soll ein 59-jähriger, ursprünglich aus Sri Lanka stammender Schweizer. Laut Anklage hatte er die Tomaten im Wert von 200 Franken mit der naheliegenden Absicht gestohlen, sie später zu kochen und zu essen. Am Dienstag stand der Mann wegen Hausfriedensbruchs und geringfügigen Diebstahls vor Gericht. Der Staatsanwalt verlangte eine bedingte Geldstrafe von 20 Tagessätzen à 10 Franken und eine unbedingte Busse von 200 Franken.

In einer etwas turbulent verlaufenen Gerichtsverhandlung, während der die Frau des Beschuldigten so häufig dreinredete, wie ihr Handy klingelte, nämlich andauernd, akzeptierte der 59-Jährige die Vorwürfe nicht. Als stünde eine andere Person vor Gericht, sagte er wiederholt: «Das ist nicht mein Problem.» Er habe, auch das wiederholte er ständig, die Tomaten am Samstagmorgen um acht Uhr bei der Haltestelle des 32er-Busses am Helvetiaplatz gekauft – und zwar von einem Händler, der dort zehn Kisten Tomaten feilgeboten habe.

«Ich weiss von nichts»

Nun hatte der 59-Jährige, der früher einmal auch als Koch gearbeitet hatte, allerdings ein kleineres Problem: Die Tomaten, die man in seinem Gartenhäuschen gefunden hatte, wiesen zwei Besonderheiten auf: Sie waren noch grün, und sie hatten Raupenfrass. Aber auch die Tomaten aus dem Gewächshaus waren grün und hatten Raupenfrass. Damit konfrontiert, antwortete der Mann: «Ich weiss nichts davon, das ist nicht mein Problem.»

Es wurde zu seinem Problem. Denn identische Tomaten waren des Zufalls zu viel und für den Richter ein zentraler Beweis. Wie der rechtmässige Tomatenbesitzer war auch der Richter davon überzeugt, dass in dieser Weise angefressene Tomaten nie und nimmer hätten verkauft werden können. Dass der Mann im Laufe der Untersuchung noch unterschiedliche Aussagen gemacht hatte, wo und wann er angeblich die Tomaten gekauft und wie er sie transportiert hatte, bestärkte den Richter in seinem Schuldspruch.

«Schon fies, den Nachbarn zu bestehlen»

Der Richter verurteilte den Mann, wie vom Staatsanwalt gefordert. Der 59-Jährige wurde zudem verpflichtet, dem rechtmässigen Besitzer den Schaden zu ersetzen und ihm 200 Franken plus Zinsen zu bezahlen. Es sei «schon fies, ohne Not den Nachbarn zu bestehlen, der im Schweisse seines Angesichts die Tomaten angebaut hat». Er habe nicht einfach eine Tomate für einen Salat, sondern auf Vorrat gestohlen.

Im Laufe der Verhandlung hatte sich der Beschuldigte standhaft geweigert, dem Tomatenbesitzer den Schaden zu bezahlen. Dabei hätte sich der 59-Jährige mit den 200 Franken unter Umständen relativ billig freikaufen können. Denn Hausfriedensbruch und geringfügiger Diebstahl sind Antragsdelikte. Hätte der Tomatenbesitzer dank der Entschädigung die Strafanzeige zurückgezogen, hätte der Prozess eingestellt werden müssen.

Sehr teure Tomaten

Nun kommen die 20 Kilo Ochsenherztomaten den Dieb teuer zu stehen. Die Busse, Entschädigung und die Gerichts- und Untersuchungskosten belaufen sich nun auf über 3000 Franken. Dafür hätte er 300 Kilo reife, unbeschädigte Ochsenherztomaten erhalten.

DerBund.ch/Newsnet

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