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«Jugendliche trauen sich die Berufsmatur nicht zu»

Die Berufsberaterin Olivia Ott Hari sagt, dass viele Jugendliche Angst davor haben, dass eine Lehre mit Berufsmatur für sie zu anspruchsvoll ist. Aber auch die Eltern spielen eine Rolle.

Zu viel Stress, zu wenig Information: Lehrlinge wie Isabelle Berz haben sich gegen eine Berufsmatur während der Lehre entschieden. (Video: Anja Metzger)

Im Kanton Zürich entscheiden sich immer weniger Schüler für eine Lehre mit Berufsmatur. Sie verliert an Beliebtheit. Warum?

Zuerst muss man sagen, dass die Berufsmaturität in den vergangenen Jahren stetig an Absolventen zugenommen hat, erst im vergangenen Jahr ist erstmals ein kleiner Anmeldungsrückgang zu beobachten. Viele Jugendliche trauen sich eine Lehre mit Berufsmatur nicht zu. Sie haben Angst, dass es zu anspruchsvoll sein könnte. Einige befürchten zudem, dass sie die Lehrstelle verlieren, wenn sie die Berufsmatur nicht bestehen – obwohl das nicht so ist. Dann gibt es noch jene, die sich einfach zurücklehnen, sobald sie ihre Lehrstelle haben und sich nicht mehr mit der Möglichkeit der Berufsmatur auseinandersetzen.

Versuchen Sie, die Jugendlichen in der Beratung für die Berufsmatur zu motivieren?

Natürlich. Vor allem diejenigen, bei denen ich Schulpotenzial sehe und die zudem eine weniger anspruchsvolle Lehre machen. Die Berufsmatur bietet eine zusätzliche Herausforderung, erleichtert sämtliche Weiterbildungen und ermöglicht ein Studium im Anschluss an die Grundausbildung. Wir versuchen, die Jugendlichen anhand von Beispielen von Personen in guten, aussichtsreichen Positionen, welche diesen Weg gewählt haben, zu motivieren.

Die Bildungsdirektion sagte gegenüber Redaktion Tamedia, dass die Eltern die Berufsmatur zu wenig kennen. Ist das auch Ihre Erfahrung?

Ja. Die Eltern kennen die Möglichkeiten nicht, die Jugendliche mit einer Lehre und Berufsmatur haben. Das Gymnasium hingegen kennt jeder als Ausbildungsweg, welcher später scheinbar sämtliche Karrieremöglichkeiten offenhält. Viele Eltern haben deshalb das Gefühl, dass das Gymnasium für ihr Kind besser ist als eine Lehre mit Berufsmatur – vor allem dann, wenn sie aus einem Herkunftsland mit einem Bildungssystem kommen, welches die Berufsmaturität nicht kennt, oder sie selber einen akademischen Hintergrund haben.

Aber letztlich ist es der Entscheid der Jugendlichen. Welche Rolle spielen die Eltern überhaupt?

Obwohl die Entscheidungsphase mitten in die Pubertät fällt, während der sich Jugendliche vom Elternhaus ablösen, ist der Einfluss der Eltern enorm. Studien haben gezeigt, dass die Eltern neben den Peers den Entscheid für den eingeschlagenen Ausbildungsweg am meisten beeinflussen.

Versuchen Sie dem entgegenzuwirken?

Wenn jemand bei uns im Laufbahnzentrum einen Termin vereinbart, laden wir die Eltern immer mit ein. Meistens begleiten sie ihre Kinder auch. Bei dieser Gelegenheit klären wir die Eltern über die Durchlässigkeit des Bildungssystems und damit auch über die Berufsmatur auf. Zudem machen wir öffentliche Veranstaltungen und Elternorientierungen für alle öffentlichen Schulklassen, wo wir das Bildungssystem und alle möglichen Wege erläutern. Oft wird ihnen so bewusst, dass die Berufsmatur eine Alternative fürs Gymnasium sein kann.

Welcher Weg ist strenger?

Die Ansprüche an die Jugendlichen, die eine Lehre mit Berufsmatur machen, sind sicher höher. Nicht unbedingt schulisch, aber zeitlich. Sie haben weniger Ferien, arbeiten den ganzen Tag und gehen zweimal pro Woche zur Schule. Das Gymi ist diesbezüglich sicher bequemer und der einfachere Weg. Dafür haben Berufsmaturanden nach Abschluss einen Beruf und einen Mittelschulabschluss.

Welchen Weg haben Sie gewählt?

Ich habe mich bewusst für eine Lehre und gegen das Gymnasium entschieden. Zum Glück habe ich mich auch noch für die Berufsmatur entschieden, so stand meinem späteren Studium nichts im Weg. Wahrscheinlich hätte ich meine Lehre aber nicht abgeschlossen, wenn die Berufsmatur als zusätzliche Herausforderung und Motivation nicht gewesen wäre.

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