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Ein unerwartetes Instrument der Integration

Im Schulhaus Rebwiesen in Winterthur ist der Ausländeranteil hoch, aber noch höher ist der Anteil an Geigenspielern unter den Drittklässlern: 100 Prozent. Das hat positive Auswirkungen.

Das Schulhaus sieht nicht schön aus. Es ist einer dieser Zweckbauten aus Beton, die man für die Babyboomer der Sechzigerjahre erstellte. Es steht in Töss, dem Quartier mit dem höchsten Ausländeranteil in Winterthur, und wirkt im nebligen Herbstlicht etwas heruntergekommen. Doch drinnen tut sich eine andere Welt auf. Freundlich und heiter. Eben ist die Pause zu Ende. Die Drittklässler trudeln für die nächste Stunde ein, erwartungsfroh, denn die Lehrerin hat Besuch angekündigt.

Das Klassenzimmer im zweiten Stock strahlt Wärme und Energie aus. Vorne stehen die kleinen Pulte und Stühle, in der Mitte ein Gestell aus Holz mit Büchern und Spielen, denen man ansieht, dass sie gebraucht werden. Im hinteren Teil ein Keyboard, ein Klavier und drei Tische, die voll belegt sind mit Geigen. 16 kleine Geigen, für jedes Kind eine. Hier unterrichtet Sabine von Werra. Sie ist Musiklehrerin, erteilt Deutsch als Zweitsprache und macht Teamteaching mit Loreana Di Caprio, der Klassenlehrerin der Rebwiesen-Drittklässler.

Tempo beim Kasatschok

Die ersten 30 Minuten arbeitet von Werra mit der Halbklasse. Es sind sieben Kinder: Jana, Sara, Alexandra, Nicolai, Edi, Zinedin und Ken. Geni fehlt, weil er krank ist – ausgerechnet heute, wo Redaktion Tamedia da ist. «Holt eure Geigen und stellt euch im Kreis auf», fordert die Lehrerin die Kinder auf. Sie beginnen mit Tonleitern, machen «Elefantenmusik» – lange schöne Töne – und spielen dann ein Lied.

Zum Schluss fiedeln sie den Kasatschok, drei Durchgänge, schneller und schneller. Edi ist voll konzentriert, die Finger am Geigenhals haben Mühe mit dem Tempo, doch den Bogen führt der Bub energisch über die Saiten. Es ist sein Lieblingsstück. Und Edi liebt das Geigenspielen. Später, wenn er nicht mehr ins Rebwiesen geht, möchte er sich eine eigene Geige kaufen. «Dafür muss ich aber viel sparen», sagt er.

Die Kinder spielen schon seit über zwei Jahren Geige, Sabine von Werra hat mit dem Unterricht in der ersten Klasse begonnen. Warum Geige? Von Werra ist nicht nur Primarlehrerin in Töss, sondern auch Cellolehrerin an der Prova, einer Winterthurer Musikschule. Zusammen mit ihrer Kollegin Di Caprio hatte sie die Idee, dass alle Kinder ihrer Primarklasse ein Instrument lernen sollten. Das Cello eignete sich nicht, da es zu gross ist. Deshalb kam sie auf die Geige. Ein Aufruf in der Prova erbrachte die ersten acht Exemplare, weitere erhielt von Werra günstig von ihrem Geigenbauer.

Musizieren steigert die Hirnleistung

Sie setzt die Geigen nicht nur während der zwei Lektionen ein, die laut Stundenplan für den Musikunterricht reserviert sind. «Auch in den Deutschstunden oder bei der integrativen Förderung spielen wir jeweils zehn Minuten Geige.» Das sei eine gute Übung für die Konzentration, sagt von Werra. «Musizieren steigert die Hirnleistung und hilft beim Spracherwerb.» Und was sie ebenso toll findet: «Alle müssen gleich schnell spielen, damit ein schönes Produkt entsteht.» Das fördere das Miteinander.

Für Klassenlehrerin Di Caprio ist die integrative Wirkung der Musik offensichtlich: «Beim Geigenspielen sind alle gleich. Es ist eindrücklich, wie auch Kinder aus bildungsfernen Familien dabei in eine Ruhe kommen. Und sie merken, was es bringt, wenn man übt. Denn an Schulanlässen haben sie jeweils einen kleinen Auftritt.»

Das Beispiel macht Schule

Die Kinder dürfen die Instrumente zum Üben mit nach Hause nehmen, müssen aber nicht. Klar, dass sie dies unterschiedlich handhaben. Allen gemeinsam ist der Stolz, etwas Besonderes zu können. Und das macht sie zu Vorbildern. Die Erst- und die Zweitklässler im Rebwiesen haben jetzt ebenfalls mit Geige angefangen. Glücklicherweise können auch ihre Lehrerinnen Geige spielen, es fehlen nur noch Instrumente. Eine höhere Klasse plant, ein Ukulelenorchester zu bilden. Von Werra freut sich, dass ihr Engagement ansteckt, und lobt den Schulleiter: «Wir haben das Glück, dass er uns unterstützt.»

Auf Wohlwollen trifft die musizierende Schule auch beim obersten Chef der Winterthurer Schule, Stadtrat Stefan Fritschi (FDP). Bei einem Besuch im Rebwiesen fiel ihm auf, «welche Freude Frau von Werra in die Klasse bringt». Solche innovativen Projekte liessen sich nicht flächendeckend einführen oder gar verordnen, sagt Fritschi. «Doch wir ermöglichen sie, wenn wir den Lehrpersonen gewisse Freiheiten geben.» Voraussetzung sei die Begeisterung einer Lehrerin oder eines Lehrers für eine Sache – das könne zum Beispiel auch eine Sportart sein.

Winterthur schafft Blockflötenunterricht ab

Fritschi hat die musikalische Schulbildung in Winterthur neu organisiert. Der traditionelle Blockflötenunterricht wird nach und nach abgeschafft, stattdessen erhalten die Erstklässler wöchentlich zwei Lektionen musikalische Grundbildung. Der Verzicht aufs Flötenspielen war umstritten, auch Sabine von Werra hat sich für die Weiterführung engagiert. Fritschi verteidigt die Umlagerung der Ressourcen: Die musikalische Grundbildung habe den Vorteil, dass alle Schülerinnen und Schüler profitieren. Und dass die Kinder beim Singen, Tanzen und Spielen einfacher Instrumente die Musik ganzheitlich erfahren. Blockflöte hingegen sei fakultativ und punkto Musikstil beschränkt, findet Fritschi, der selber Cello spielt. «Barocke Hirtenlieder sind nicht mehr gefragt, heute sind Rock und Pop in.»

Auf die Geigenklasse im Rebwiesen trifft das allerdings nicht zu. Die Kinder sind mit Hingabe dabei, als die Lehrerin ihnen zum ersten Mal ein klassisches Stück vorgibt. Es ist eine Melodie von Henry Purcell, die sie, auf kleinen Schemeln sitzend, auf ihrer Geige zupfen. Und mehrere Mädchen nennen, nach ihrem Lieblingsstück gefragt, einen bulgarischen Tanz. Diesen spielen sie zum Schluss der Stunde in voller Formation. Die 15 Geigen, begleitet vom Klavier, klingen dabei in der Tat hinreissend.

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