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Die Leiche im Moor

In einem Tümpel beim Katzensee liegt eine verweste Leiche, der Verdacht fällt auf den Ehemann der Toten. Um diesen tatsächlich verurteilen zu können, brauchte es ein kriminalistisches Meisterstück.

Ein Spaziergänger fand am 1. Mai 2010 in diesem Tümpel im Hänsiried die Leiche der verschwundenen Bosnierin. Foto: Sophie Stieger
Ein Spaziergänger fand am 1. Mai 2010 in diesem Tümpel im Hänsiried die Leiche der verschwundenen Bosnierin. Foto: Sophie Stieger

Ein Trampelpfad im Hänsiried, einem Naturschutzgebiet beim Katzensee, am Rand der Stadt Zürich. Auf der linken Seite liegt ein Bahnbord, wo regelmässig S-Bahnen vorbeidonnern, rechts liegt der Schilfgürtel des angrenzenden Flachmoores. In einem der vielen Tümpel, abgeschirmt durch Bäume und Schilf, fand am Abend des 1. Mai 2010 ein Spaziergänger die Leiche einer Frau. Die teilweise nackte Tote war stark verwest und mit verschiedenen Gegenständen beschwert.

Der Spaziergänger, ein Schweizer Pensionskassenberater und Mathematiker, alarmierte die Polizei. Den ausgerückten Polizisten vor Ort machte sich der Liebhaber von TV-Gerichtsmedizinkrimis aber äusserst verdächtig. Nicht nur, dass er noch am Abend um 21 Uhr im Hänsiried unterwegs war, sondern vor allem, weil er spekulierte, seit dem Tod sei etwa ein Monat vergangen, sowie weitere Aussagen wie: «Ich könnte auch der Mörder sein, der zum Tatort zurückkehrt.»

Die Geschwätzigkeit hatte für den Spaziergänger erhebliche Folgen: Die Polizei verhaftete ihn, führte eine Hausdurchsuchung durch und nahm ihn als Tatverdächtigen über drei Wochen lang in Untersuchungshaft. «Er hat die grösste Dummheit seines Lebens gemacht», wird später sein Anwalt sagen. Der Mann erhielt wegen seines Erwerbsausfalls eine Entschädigung von mehreren Zehntausend Franken und Genugtuung für die Haft.

Leiche mit Stange bedeckt

Bei der Toten handelte es sich um eine 49-jährige bosnische Postangestellte. Die Frau war verheiratet und wohnte mit ihrem Mann in einem Einfamilienhaus an der Furttalstrasse in Zürich-Affoltern, rund 1 Kilometer Luft­linie entfernt. Seit dem 3. April 2010 galt die Frau als verschwunden. Als zwei Polizeitaucher die in Rückenlage im Tümpel liegende Leiche bargen, war sie mit Ästen, Schilfstängeln, einem Baumstrunk und einer Autokardanwelle bedeckt, also einer massiven Metallstange.

Die Tote konnte mithilfe einer DNS-Analyse als die Vermisste identifiziert werden. Dies war der einzige Faktor, der mit hundertprozentiger Sicherheit bestimmt werden konnte. Denn bezüglich Todeszeitpunkt, Todesursache und Todesort konnten die mit der Obduktion betrauten Rechtsmediziner nur ungefähre Angaben machen.

Der Leichnam war zu stark verwest. So gab es keine Hinweise auf Verletzungen, keine krankhaften Veränderungen von Körperorganen, keine Hinweise auf körperfremde Stoffe – sprich Gifte oder Alkohol – sowie nur eine ungefähre Todesdauer von mehreren Wochen. Ausgeschlossen werden konnte aber ein natürlicher Tod, Selbstmord oder ein Unfall. Denn die Lage der Leiche und die Ausstattung der Fundstelle – die Frau lag nur mit einem BH und einem Sweatshirt bekleidet im circa 1 Meter tiefen Wassertümpel – wa-ren derart ungewöhnlich, dass einzig ein Tötungsdelikt infrage kam.

Vermisstmeldung aufgegeben

Der Verdacht richtete sich in der Folge auf den Ehemann der Toten. Dass die Ehe der beiden ziemlich im Argen lag, war dem Umfeld schon lange bekannt. Das Paar hatte immer wieder Streit, vor allem wegen des Geldes und wegen der Seitensprünge des Mannes, wie viele Zeugen unisono sagten. Der Ehemann, zur Tatzeit 51-jährig, ist bosnisch-schweizerischer Doppelbürger. Er arbeitete als Taxifahrer, war zuvor aber während vielen Jahren VBZ-Buschauffeur gewesen. 2008 hatte er die Kündigung erhalten, weil er neben disziplinarischen Verfehlungen wiederholt mit einem Handy am Bussteuer gesehen wurde.

Erwiesen ist, dass die Frau am Abend des 3. April per Car von Zürich nach Zagreb in Kroatien reisen wollte. Dort wäre sie von ihrem Sohn aus erster Ehe am nächsten Morgen abgeholt worden und per Auto in die knapp 200 Kilometer entfernte Stadt Banja Luka in Bosnien gefahren worden. In Kroatien kam sie aber nie an, ihr Name stand auch nicht auf der Passagierliste des Cars.

Der Mann sagte den Polizisten, dass seine Frau die gemeinsame Wohnung in Affoltern am 3. April um circa 16 Uhr mit einem Rollkoffer verlassen hätte. Die Angehörigen, welche die Frau erwarteten, hätten ihm am nächsten Abend mitgeteilt, dass sie nie angekommen sei. Der Mann gab am 5. April eine Vermisstmeldung bei der Stadtpolizei auf, die einige Tage später einen Aufruf mit dem Bild der Frau veröffentlichte.

Am 6. Oktober 2010, also über fünf Monate nach dem Auffinden der Toten, verhaftete die St. Galler Kantonspolizei im Auftrag der Zürcher Staatsanwaltschaft den Ehemann in dessen zweitem Wohnsitz in Necker SG. Dort im Toggenburg besass der Mann neben dem Einfamilienhaus in Zürich-Affoltern noch eine Liegenschaft. Ein drittes Haus hatte er noch im Kanton Glarus.

Dass der Mann sehr geizig sein soll und er bezüglich «Geld, Besitz und Eigentum einen fast krankhaften Charakterzug» aufwies, betonte der fallführende Staatsanwalt Daniel Eberle später im Prozess vor dem Bezirksgericht Zürich. Er war auch überzeugt, dass hier das Motiv der Tat lag: die Angst, einen Teil des Besitzes bei der anstehenden Scheidung zu verlieren. Denn der Mann hatte in Bosnien bereits ein Trennungs- beziehungsweise Scheidungsverfahren eingeleitet – ohne Wissen der Frau.

Doch zwei Tage nach der Verhaftung wurde der Mann wieder freigelassen. Für das Zwangsmassnahmengericht war der für die Anordnung einer Untersuchungshaft erforderliche dringende Tatverdacht nicht ausreichend. Eberle und die Kantonspolizei ermittelten weiter. Diesmal mit mehr Erfolg: Am 3. Dezember 2010 verhaftete die Polizei den Mann erneut, und er wurde in U-Haft gesetzt; seitdem sitzt er im Gefängnis.

Verdächtige Zementplatten

Der Prozess gegen den Ehemann vor dem Bezirks- und Obergericht war ein reiner Indizienprozess, der Ehemann hatte die Tat immer bestritten. Staatsanwalt Eberle musste die Richter anhand eines Indizienmosaiks überzeugen, dass der Mann seine Frau umgebracht hatte. Kein leichtes Unterfangen, da weder Todeszeitpunkt, Todesart, Todesort noch Tatmotiv bekannt waren. Die Anklageschrift umschrieb dann auch den Sachverhalt auf knapp 15 Zeilen. Der Inhalt: Die Frau sei an einem nicht mehr genau eruierbaren Datum und Zeitpunkt zwischen dem 3. April und dem 1. Mai 2010 vermutlich in der gemeinsamen Wohnung an der Furttalstrasse in Affoltern auf eine nicht mehr zu ermittelnde Art und Weise getötet worden und die Leiche dann in einem Tümpel im Flachmoor Hänsiried abgelegt worden.

Für Eberle war klar: Der Mann hatte seine Frau am Nachmittag des Abreisetages getötet, vermutlich erstickt. Denn der letzte Telefonanruf, den sie getätigt hatte, war um 15 Uhr erfolgt. Der Ehemann war am Nachmittag zu Hause, sein Handy hatte sich in einer Antenne in der Nähe eingeloggt. In der Nacht auf den 4. April, kurz nach Mitternacht, machte der Mann zwei kurze Fahrten mit seinem Taxi, welche fast die exakte Distanz vom Wohnort zum Fundort und zurück aufwiesen. Die Polizei hatten den Fahrtenschreiber des Taxis ausgewertet und die Strecke nachgefahren; die Fahrten wurden virtuell am Computer simuliert. Dass er zu diesem Zeitpunkt keine dienstliche Fahrt machte, bewies die Tatsache, dass das Funkgerät bereits um Mitternacht ausgeschaltet war.

Das Hauptindiz waren jedoch zwei Zementplatten, die am Fundort gefunden wurden und die vermutlich die Leiche unter Wasser beschwert hatten. Dass sie trotzdem an die Wasseroberfläche gelangte und vom Spaziergänger entdeckt wurde, liegt am Fäulnisprozess, welcher den Auftrieb der Leiche bewirkte. Bei den zwei Zementplatten handelt es sich um jahrzehntealte Gartenplatten. Sie waren in einen Holzrahmen gegossen, dessen Unterlage ein «Tagblatt der Stadt Zürich» vom 2. Februar 1939 bildete. Auf den beiden Platten war der spiegelverkehrte Zeitungsabdruck auch nach über 70 Jahren noch zu sehen. Im Garten vor dem Haus des Ehepaares in Zürich-Affoltern lagerten zwölf gleich alte Zementplatten – ebenfalls mit dem spiegelverkehrten Zeitungsabdruck. Bei der chemischen Analyse der Zementplatten wurde ein Fachmann für Baustoffe der ETH beigezogen.

Ein weiteres wichtiges Indiz war die 9 Kilogramm schwere Kardanwelle, ebenfalls zur Beschwerung der Leiche gebraucht. Die Ermittlungen brachten zutage, dass diese Kardanwelle zwischen 1996 und 2004 für BMWs der Modelle 540i gebaut wurden. Ein Zeuge erinnerte sich, dass der Sohn des Beschuldigten einen solchen Wagen besessen hatte. Der Sohn stammt aus einer früheren Ehe des Mannes und hatte mit dem BMW in Serbien 2009 einen Totalunfall erlitten und brachte in der Folge das kaputte Auto in die Schweiz, um die Einzelteile zu verkaufen. Das Getriebe samt Gelenkwelle lagerte er im Garten des Einfamilienhauses seines Vaters. Er wollte die Teile auf der Internetplattform Ebay verkaufen. Die Recherchen der Polizei ergaben, dass die Kardanwelle vom 31. März bis zum 7. April 2010 zum Verkauf ausgeschrieben wurde – das Teil lag also am 3. April, dem mutmasslichen Tattag, noch im Garten.

Krankenkasse der Frau sistiert

Neben diesen «harten» Indizien gab es noch eine Reihe «weicher» Indizien. So schickte der Ehemann in der Tatnacht einer Person in Bosnien, vermutlich seiner Geliebten, über 30 SMS und empfing mehr als 20 SMS. Er rief während des ganzen Monats, als seine Frau gesucht wurde, nie auf ihr Handy an. Die Vermisstmeldung gab er auf Drängen der Angehörigen bei der Polizei auf. Zudem versuchte er, einige Tage nach ihrem Verschwinden die Krankenkassenprämien zu sistieren. Im Juni schickte er an seine Geliebte in Bosnien folgendes SMS: «Meine Probleme wurden mit dem Todesfall gelöst.» Mysteriös ist auch der Satz, den der Ehemann in eine frisch betonierte Mauer neben dem Grab seiner Frau in Bosnien einritzte: «Ihr Geheimnis hat sie mit ins Grab genommen.» Auf die Frage des Staatsanwaltes, was dies bedeute, meinte er nur: «Einfach so.»

Die aufwendigen Ermittlungen – allein die Untersuchungs- und Polizeikosten beliefen sich auf über 200 000 Franken – hatten sich gelohnt: Eberle konnte die Richter überzeugen. Das Bezirks­gericht Zürich verurteilte den Mann im Oktober 2013 wegen vorsätzlicher Tötung zu 15 Jahren. Das Urteil wurde später vom Obergericht bestätigt. Der Mann gelangte ans Bundesgericht, welches die Beschwerde Mitte Oktober 2014 abwies – der inzwischen 56-Jährige ist rechtskräftig verurteilt worden.

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