Die FDP will mit Thomas Vogel den zweiten Regierungssitz verteidigen

Die Zürcher FDP-Delegierten haben Kantonsrat Thomas Vogel aus Illnau-Effretikon schon im ersten Wahlgang zum Regierungskandidaten gekürt.

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Im politischen Zürich ist man sich einig: Wer neben Regierungsrätin Carmen Walker Späh für die FDP in die Hosen steigt, ist praktisch gewählt. Der zweite FDP-Sitz in der Kantonsregierung, den Thomas Heiniger im kommenden Frühling freimacht, ist praktisch unbestritten, und an eine Nicht-Wahl eines FDP-Kandidaten kann sich kaum jemand erinnern. So kam der freisinnigen Delegiertenversammlung (DV) von heute Donnerstagabend in Zürich eine grosse Bedeutung zu.

Die Delegierten hatten die Wahl zwischen Thomas Vogel, Jörg Kündig und Martin Farner. Alle drei sind langjährige Kantonsräte und kommen aus der Agglomeration beziehungsweise vom Land. Das passt bestens, da Walker Späh eine Stadtzürcherin ist.

Thomas Vogel setzte sich bereits im ersten Wahlgang durch. Er holte 128 Stimmen – bei einem absoluten Mehr von 114 Stimmen. Kündig erhielt 58 Stimmen, Farner 39. Viele waren beeindruckt, dass die Wahl schon nach dem ersten Wahlgang beendet war. Vogel versprach, nun Vollgas zu geben.

Der Jüngste gewinnt

Der 46-jährige Vogel ist in Illnau-Effretikon wohnhaft und präsidiert seit zehn Jahren die Kantonsratsfraktion. Der Jurist arbeitet am Bezirksgericht Zürich und ist Mitglied dessen Geschäftsleitung. Jörg Kündig ist 58 Jahre alt und Treuhänder. Der Gossauer Gemeindepräsident ist seit vier Jahren auch an der Spitze des Gemeindepräsidentenverbands (GPV). Martin Farner ist ebenfalls Gemeindepräsident, aber von Oberstammheim im hohen Nordosten des Kantons. Der Agrarunternehmer wird Ende November 55 Jahre alt.

Vogel galt am ehesten als Vertreter der Städte, Kündig als jener der Gemeinden und Farner als Promoter der Landschaft. Alle hatten sie sieben Minuten Zeit, um sich anzupreisen.

SP für Steuerdeal «gekauft»

Parteipräsident Hans-Jakob Boesch hatte die Delegiertenversammlung kurz nach 19 Uhr mit einem Rundumschlag gegen alle anderen Parteien gestartet. Das einzig vermeintlich Positive betraf die SP, die man wenigstens mit AHV-Millionen für den Steuerdeal habe «kaufen» können.

Kurz fragte Boesch noch nach, ob unbestritten sei, dass die FDP mit zwei Regierungsratskandidierenden in den Wahlkampf steigt. Es meldete sich niemand. Darauf wurde Carmen Walker Späh diskussionslos und per (stehender) Akklamation nominiert.

Farner: Zürich als Kokainhochburg

Boesch erkundigte sich noch, ob es noch eine Saalkandidatur gibt: «Hat jemand spontan lust?» Gelächter, es meldete sich niemand. Dann kamen die Motivationsreden der drei Kandidaten, Boesch teilte noch mit, dass am Ende geheim gewählt wird.

Als erster war Martin Farner dran. Er sprach von der Verkehrsdrehscheibe Zürich, dem Hochschulstandort, dem Kanton Zürich als grösster Deutschschweizer Weinbaukanton – und der Kokainhochburg mit einem täglichen Kokainverbrauch von 1,7 Kilogramm. Kurz ging ein Raunen durch den Saal.

Farner sagte, er sei im richtigen Alter, er sei fit wie der Kanton Zürich, und er versprach, als Regierungsrat bodenständig zu bleiben. Er erhielt Applaus, wenn auch keinen tosenden.

Kündig: Spital-AG gegründet

Dann trat Jörg Kündig auf, er hatte offenbar sehr viel zu sagen: Er redete sehr schnell. Kündig inszenierte sich als Mann mit grosser Erfahrung in einer Kollegialbehörde und als grosser Kenner der Vielfalt im Kanton. Er erwähnte auch, dass er als erster ein Spital (Wetzikon) von einer gemeinnützigen Organisation in eine AG umgewandelt hatte.

Er wolle die Gemeinschaft im liberalen Sinn weiterentwickeln, sagte Kündig zum Schluss.

Vogel: Kanton Wallis integrieren

Thomas Vogel begann mit den Jungfreisinnigen in Illnau-Effretikon, die er im Alter von 16 Jahren gegründet hatte. Er betonte, dass er am grössten Gericht der Schweiz Verantwortung für 400 Mitarbeiter trägt. In Anspielung an Farner sagte er: «46 Jahre, mein Alter stimmt.» Vogel sprach von den Herausforrderungen, einen ganzen Kanton Wallis (300'000 neue Einwohner) in 20 Jahren im Kanton Zürich zu integrieren. «Wir müssen uns morgen klarwerden, wie unsere Gemeinschaft übermorgen aussieht», sagte er.

Einen Lacher holte der korpulente Vogel mit dem Spruch, er sei «breit aufgestellt», auch thematisch. Vogel will sich auch für eine intakte Umwelt einsetzen, das sei ein Standortfaktor. Er wolle aber regieren, nicht regulieren, sagte er zum Schluss.

Walti für Vogel

Dann waren die Delegierten dran mit Voten. Einige empfahlen Martin Farner explizit als Unternehmer und kritisierten, dass es in der Regierung zu viele ehemalige Staatsangestellte und Staatsnahe gebe. Er sei bei den anderen Parteien am meisten akzeptiert, sagtt ein Vertreter aus dem Bezirk Andelfingen. Jörg Kündig wurde als Erneuerer von Gossau und komplettesten Kandidaten gepriesen. Nationalrat Beat Walti machte sich für Thomas Vogel stark, auch weil er sich damals als Parteipräsident blind auf ihn habe verlassen können im Kantonsrat. Gemäss Walti hat Vogel den freisinnigen Karren durchs und aus dem Jammertal geführt.

Allianz mit SVP und CVP beschlossen

Dann gaben die 222 anwesenden Delegierten ihre Stimmzettel ab, mit obigen Resultat.

Während des Auszählens traktandierte Hans-Jakob Boesch die Unterstützung von Regierungskandidierenden anderer Parteien. Er erwähnte, dass er keine Freude habe an der neuen Volksinitiative der CVP, welche mehr Prämienverbilligungen ausschütten will und die er als «sozialistische Umverteilungsmaschinerie» bezeichnete. Auch habe er Mühe mit der SVP, wenn es um die Steuervorlage 17 oder das Taxigesetz geht. Doch in der Gesamtsumme habe man es mit diesen beiden Parteien am besten, schloss Boesch. Die Delegierten waren einverstanden. Nur sieben votierten gegen die Allianz mit der SVP und der CVP, 13 Anwesende enthielten sich ihrer Stimme.

SVP mit Medienstar, die kleineren Parteien mit weniger Bekannten

Jetzt haben alle Parteien ihre Kandidatenkür hinter sich. Die SVP hat neben Ernst Stocker die Nationalrätin Natalie Rickli nominiert, die den abtretenden Markus Kägi ersetzen soll. Die SP kommt wieder mit den beiden Fehrs, Jacqueline und Mario. Und die CVP hatte keine Mühe, Silvia Steiner erneut ins Rennen zu schicken.

Herausforderer sind die kleineren Parteien. Die GLP hat Kantonsrat Jörg Mäder nominiert, die Grünen haben sich für Kantonsrat Martin Neukom entschieden. Die EVP tritt mit ihrem Präsidenten, Hanspeter Hugentobler, an, während die BDP ihre Nationalrätin, Rosmarie Quadranti, ins Rennen schicken. Die EDU hat sich für Kantonsrat Hans Egli entschieden, die AL versucht es mit dem Zürcher Gemeinderat Walter Angst. Die Wahlen finden am 24. März 2019 statt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2018, 18:23 Uhr

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